Hildesheim (-dt). Es war ein Termin der Extraklasse. Nicht nur, weil er so sehr schwierig schien, sondern auch weil er so sehr schön war. Pünktlich zum morgigen Auftakt des Jubiläums der St.-Michaelis-Kirche hatte diese Zeitung mit dem Projektteam St. Michaelis und der Stadt Hildesheim eine Einladung an 100-Jährige ausgesprochen. Ziel war es, zehn Personen, die zusammen 1000 Jahre alt sind, in der Kirche zu versammeln. „Gemeinsam sind wir genauso alt wie die Kirche“, sollte die Botschaft sein. Zugleich sollte damit ein irdischer Maßstab geliefert werden, die 1000 Jahre begreifbar zu machen. „Wollen Sie sich nicht setzen?“ Die besorgte erste Frage an Julie Marie Frau Julie Marie Wilke lässt die 1909 Geborene einfach im Raum stehen. „Nein, ich will mich nicht setzen, ich will mir erst einmal diese herrliche Kirche ansehen.“ Alle Umstehenden staunen. Frau Wilke, die Ende Mai 101 Jahre alt wird, kennt St. Michaelis, seit sie im Alter von 24 Jahren nach Hildesheim kam. „Wir gehören aber zur Christusgemeinde“, sagt sie bestimmt auf die Frage, welche Bedeutung St. Michaelis für sie hat. „Wenn wir aber Besuch aus Bremen hatten, sind wir immer hierher gekommen.“ Dabei schaut sie sich wieder um, als könnte sie den neuen Anblick der renovierten Kirche nicht genug genießen. „Diese Kirche ist wirklich einmalig“, sagt sie und ist erst jetzt bereit, sich zu setzen. „Ich habe vor dieser Kirche Respekt“ Walter Stürzebecher kommt herein. Er ist schon ein Jahr älter, wohnt wie Julie Marie Frau Wilke im Christophorusstift. Der rüstige Stürzebecher ist 1953 mit Blaupunkt damals von Darmstadt nach Hildesheim gekommen. „St. Michaelis gehört zu den schönsten romanischen Kirchen“, sagt er und vervollständigt den ohnehin schon wichtigen Satz mit dieser Bemerkung: „Ich habe vor dieser Kirche Respekt.“ Es sei schön, dass die Kirche mit viel Aufwand für die Geschichte erhalten werde. „Nein, die Kiche kenne ich nicht“, sagt Martha Geißler, die aus Bad Salzdetfurth gebracht wurde und schaut sich aufmerksam um. Die genau 100-Jährige stammt aus Dresden, erst vor elf Jahren kam sie in diese Region. Die Frage, ob die Dresdner Frauenkirche schöner sei, lässt sie kurz auf sich wirken. Aber die kecke Antwort kommt sofort: „Ja, die Frauenkirche ist auch schön. Aber man kann doch die beiden Kirchen gar nicht miteinander vergleichen.“ Annemarie Grund fährt per Rollator vor. Tapfer hat sie sich durch den Schnee gekämpft. „Ich bin etwas schwach auf den Beinen“, sagt sie. „Im Sommer werde ich 105 Jahre alt“, sagt sie ein wenig stolz, als wolle sie doch etwas mit dem Alter der Kirche mithalten, räumt aber gleich ein, manchmal könne sie ihr Alter selber nicht glauben. Die Berlinerin, seit 1955 in Hildesheim, fühlt sich so wohl in der Kirche, dass sie sofort die beste Unterhaltung beginnt. Ihr Vater, erzählt sie, Ehrenbürger von Brunsbüttel, sei im Dritten Reich kein General geworden, weil er Hitler früh die Niederlage im Afrika-Krieg vorausgesagt habe. 1945 musste sie aus Berlin mit ihren drei Söhnen fliehen. „Alle drei sind Prachtkerle“, sagt sie kräftig. Dann wird ihr Oberbürgermeister Kurt Machens vorgestellt. „Ich wollte mich schon immer für ihre Glückwünsche bedanken“, freut sie sich und reicht Machens die Hand. Doch auf die Frage, ob Machens gleiche oder unterschiedliche Karten geschrieben habe, sagt sie prompt: „Er schreibt immer dasselbe.“ Alle lachen und Machens verspricht, zum nächsten Geburtstag sich etwas Neues einfallen zu lassen. Die Geschäftsführer von Christophorusstift, Magdalenenhof und den Altenheimen Am Steinberg und Willig in Bad Salzdetfurth, Sven Schumacher, Michael Sackmann, Klaus Neumann und Elvira Bertz hatten mächtig die Werbetrommel gerührt. Doch angesichts der winterlichen Wetterlage schreckten viele 100-Jährige vor den Strapazen zurück, bei Schnee und Eis den beschwerlichen Gang auf den Michaelishüglel zu wagen und sich in der kalten Kirche zu diesem schönen Geburtstagsständchen zu versammeln.