
Zuerst herrschte Aufregung in der Sedanstraße, dann am Andreasplatz und nun in der Wallstraße: Anwohner, Passanten und anliegende Geschäftsleute stören sich an den Trinkern, die den Tag auf dem Platz verbringen. Nicht selten umgehen Fußgänger diese Bereiche. Nun fordern Wallstraßen-Bewohner die Stadt auf, etwas gegen diese Zustände zu unternehmen. „Das ist eine Zumutung für uns und unsere Kunden“, sagt ein Bauspar-Fachmann. Bisherige Maßnahmen, wie zum Beispiel das Entfernen der Hecken am Kaiser-Willhelm-Denkmal in der Sedanstraße, schlugen fehl.

Ilona Jaschke (Hildesheim): Wieso hat die Stadt ein Problem damit, diesen öffentlichen Trinkgelagen den Garaus zu machen? Es ist doch wohl eine Leichtigkeit, diese benannten Stellen, wie sie in der HAZ beschrieben wurden, und das nicht zum ersten Mal, durch Schilder zu kennzeichnen. Es ist doch auch ein Leichtes, Autofahrer in die Schranken zu weisen und Hundebesitzern vorzuschreiben, ihre Hunde an der Leine zu führen. Das bringt ja auch Geld! Diese Menschen abzukassieren, fällt da eher schwerer, oder? Wir müssen solche Angewohnheiten aber nicht in Kauf nehmen. Da halte ich aber zu den Geschäftsleuten, die so etwas nicht dulden müssen. Ich würde es auch nicht tun.
Volker Schöning (Hildesheim): Ich fahre seit Jahren durch die Sedanstraße, erfreue mich an der Platanenallee und auch daran, dass sich am Eingang der Allee Menschen treffen und miteinander reden, die sonst offenbar eher am Rand der Gesellschaft leben. Jeder hat den Wunsch nach Gemeinschaft, aber nicht jeder hat das Geld, sein Bier in der Kneipe, im Biergarten oder seinen Schoppen Wein im Restaurant zu trinken. Die Atmosphäre am Eingang der Sedanstraße ist meines Wissens immer ganz entspannt, nie bedrohlich gewesen. Auch nach der Aussage der Polizei, dass es keine Handhabe für ein Platzverbot gibt, besteht offenbar keine Gefahr für die öffentliche Sicherheit und Ordnung. Wer sich schon durch den Anblick von Menschen eines anderen Milieus gestört fühlt, sollte vielleicht versuchen, etwas mehr Verständnis für seine Mitmenschen aufzubringen. Polizei und Ordnungsamt sind nicht für gestörte Befindlichkeiten zuständig. Die Polizei hat recht, wenn deren Sprecher feststellt, dass die Szene nun mal zu unserer Gesellschaft gehört und ja irgendwo hin muss. Ob zu diesem Vorgang auch mal die Kirchen Stellung nehmen? Die Büsche werden nachwachsen. Ich würde mich freuen, wenn auch die Bänke wieder aufgestellt werden.
Rene Grebenstein (Hildesheim): Menschen sitzen in der Stadt, haben offensichtlich ein Problem. Sie verbringen ihren Tag in der Öffentlichkeit, trinken Bier, verbringen Zeit miteinander. Obwohl Alkohol in jedem Fall gesellschaftlich akzeptiert ist, werden Menschen, die uns nicht in unser Weltbild passen verdrängt, unterdrückt und ausgegrenzt. So ist es auch mit den vermeintlichen AlkoholkonsumentInnen in der Sedanallee passiert, denn statt öffentlich einen Diskurs über Alkohol und seine Probleme zu führen, schicken wir die Menschen einfach woanders hin, mit dem Wissen, dass sich vermutlich an ihrem Tagesablauf nichts ändern. Wir schicken Menschen dorthin, wo wir sie nicht mehr sehen. Das heißt, wir verlieren sie nicht nur aus unserem gesamten Blickfeld - wir haben keinen Einblick mehr, wie es ihnen geht. Und wenn Menschen sterben, an Alkoholproblemen verenden, fragen wir uns - warum haben wir es nicht bemerkt?
Edith Schieferstein (Bockenem): Meiner Meinung nach ist das Entfernen der Sitzbänke aus den Parks und von den Plätzen, bzw. das Grün zu stutzen keine Lösung. Das ist vom Steuerzahler auch so nicht gewollt. Man würde ja auch nicht die Bahn abschaffen, nur weil es dort auf manchen Strecken zu bestimmten Jahreszeiten Übergriffe von alkoholisierten Kurzurlaubern auf Mitreisende gibt. Als Pendler erlebe ich das leider häufiger und empfinde es als unangenehm. Vor einigen Jahren verbrachten wir in Paris einen Kurzurlaub mit Freunden. Ein besonderer Anziehungspunkt für Touristen sind die öffentlichen Parks und Plätze in denen der Alkoholkonsum schlichtweg nicht erlaubt ist. Trotzdem waren die Bänke bis auf wenige Ausnahmen voll besetzt. Oder vielleicht deswegen? Warum sollte das in Hildesheim nicht funktionieren?
Marlene Wieland (Hildesheim): Im Rat und im Behindertenbeirat ist das Wort Inklusion nicht mehr wegzudenken. Das ist durchaus positiv, betrifft aber m. E. nicht nur Kinder, die in Regelschulen aufgenommen werden, sondern viel mehr. Eingliederung, in welcher Form auch immer, kann aber nicht geschehen, wenn man anderen Leuten die Bänke wegnimmt. Das kann nicht der richtige Weg sein. Fast täglich fahre ich mit dem Rad durch die Sedanallee, noch nie bin ich angepöbelt worden. Wer von Inklusion redet, sollte schnellstens für Sitzgelegenheiten sorgen und zwar für alle unter uns.

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