Interview

„Im schlimmsten Fall wäre das Geld weg gewesen“

So ein Geschäft wie in Adensen wünschen sich viele Menschen auf dem Land. Zum Beispiel in Rössing, wo demnächst der Dorfladen schließt. Dort könnte das Genossenschaftsmodell weiterhelfen. Die 520 Einwohner im niedersächsischen Otersen (Landkreis Verden) haben den Schritt gewagt. Die HAZ sprach mit dem Vorsitzenden des Dorfladen-Vereins Günter Lühning.

HAZ: Herr Lühning, Ihren genossenschaftlichen Dorfladen in Otersen gibt es nun schon seit mehr als zehn Jahren. Wie haben Sie im harten Wettbewerb der Lebensmittelbranche überlebt?

Günter Lühning: Wichtig ist, dass die Bürger hinter dem Konzept stehen und auch bei uns einkaufen. Die Lebensmittelkonzerne behaupten, dass man für einen Dorfladen mindestens 1000 Einwohner braucht. Wir haben bewiesen, dass es auch mit 500 geht. Das Sortiment muss natürlich passen, deshalb ist es wichtig, das Ohr am Kunden zu haben. Bei uns werden Bioprodukte stark nachgefragt. Darauf haben wir reagiert.

Wie fing alles an?


Wir hatten früher drei kleinere Läden im Ort. Als der letzte schließen wollte, haben wir die Sache selbst in die Hand genommen. Ganz nach dem Motto „Eigeninitiative statt Unterversorgung“.

Was mussten die Bürger finanziell mitbringen?

Um den Laden auf Vordermann zu bringen, brauchten wir damals 150 000 D-Mark. Weil wir die Einwohner mit mehreren Informationsveranstaltungen von Anfang an mitgenommen haben, konnten wir Anteilsscheine für 103 000 Mark ausgeben. Das war unser Startkapital. Hinzu kamen 50 000 Mark an Gemeinde-, Landes- und EU-Mittel.

Die Bürger sind also ein finanzielles Risiko eingegangen.

Ja, denn im schlimmsten Fall wäre das Geld weg gewesen. Aber wir haben keine Rendite versprochen. In der Anfangszeit gab es Verluste, die am Anteilswert knabberten. Das ist so wie bei Aktien auch.

Müssen die Bürger selber hinter der Ladentheke stehen, also auch Zeit investieren?

Nein. Wir haben fest angestelltes Personal. Das sind fünf Frauen. Drei von ihnen haben sozialversicherungspflichtige Jobs, die anderen beiden arbeiten auf 400 Euro-Basis.

Wie sieht das Sortiment aus? Was gibt es? Und was gibt es nicht?

Wir haben nicht 24 Sorten Joghurt, sondern nur 10. Das, was wir nicht haben, brauchen die Leute auch nicht. Insgesamt umfasst unser Sortiment 2000 verschiedene Artikel. Dazu eine Billigmarke, um mit den Discountern mitzuhalten.

Dorfläden haben das Image, teuer zu sein. Stimmt das?


Das ARD-Magazin Plusminus hat einen fiktiven Warenkorb zusammengestellt und anschließend mit Dorfläden und Discountern verglichen. Acht Geschäfte wurden untersucht, wir landeten auf Platz drei. Leider haben wir nicht die finanziellen Mittel, um uns ein Billigimage aufzubauen.

Rechnet sich denn so ein Laden auch?


Wir brauchen jedes Jahr ein paar tausend Euro für Ersatzbeschaffungen und Reparaturen. Dennoch konnten wir schwarze Zahlen schreiben. Das beste Ergebnis lag bei 4000 Euro. Da uns danach aber die Lottoagentur gekündigt wurde, rutschten wir mit 3000 Euro ins Minus. 2011 gab es bei 330 000 Euro Umsatz wieder schwarze Zahlen.

Sie sind Autor des Dorfladen-Handbuchs. Was sind die Grundvoraussetzungen für ein erfolgreiches Konzept?

Gute Hauptlieferanten mit einem brauchbaren Sortiment und ein vernünftiges Personal mit Leidenschaft. Wichtig sind regionale Produkte, um sich von anderen Anbietern zu unterscheiden. Wir haben in Otersen einen Biobetrieb im Dorf, von dem wir zentnerweise feldfrische Waren bekommen. Dadurch sind wir unschlagbar günstig, können beispielsweise Erdbeeren 50 Cent billiger als im Supermarkt anbieten.

Welchen Fehler dürfen Dörfer, die ebenfalls eine Genossenschaft gründen wollen, auf keinen Fall machen?


Wir haben damals den Fehler gemacht und alte Kühlgeräte gekauft. Weil das die reinsten Energiefresser waren, haben wir den ganzen Krempel nach vier Jahren wieder rausgeschmissen. Man sollte sich vorher schon gut informieren. Wichtige Tipps stehen auf der Internetseite dorfladen-netzwerk.de oder in meinem Handbuch.

Interview: Peter Rütters


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