Kreis Hildesheim (ara/abu/uli). Üblicherweise entscheidet der Landkreis erst am frühen Morgen, ob die Schule wegen Eisglätte ausfällt. In der Nacht zu Mittwoch handelte er anders: Schulfrei für alle. Ob die Schulen auch heute wieder dicht bleiben, stand bei Redaktionsschluss um 22 Uhr noch nicht fest.
Der Opa hatte es gut gemeint. Am Mittwochmorgen startete er seinen Traktor, um seinen siebenjährigen Enkel Paul von Dingelbe flugs über die verschneiten Felder nach Schellerten zu bringen. Damit der Junge pünktlich um acht Uhr in der Schule ist. Doch die fünf Kilometer lange Tour auf dem Trecker hatte der Großvater umsonst gemacht. In Schellerten konnte er gleich wieder umdrehen. Denn in der Bördeschule, die rund 250 Kinder in Schellerten und Dinklar besuchen, gab es gestern keinen Unterricht. Genausowenig wie in den 123 anderen Schulen in der Region. Die Schüler wurden von Angehörigen oder Freunden abgeholt oder machten sich allein auf den Nachhauseweg.
Dass die Schule überhaupt ausfiel, war gestern für einige eine Überraschung. Obwohl der Landkreis die Mitteilung um 21.30 Uhr auf seine Homepage gestellt hatte, diese Zeitung und auch Radiosender die Nachricht veröffentlichten. Doch selbst im Internet-Zeitalter bleiben erstaunlich vielen Menschen solche Informationen vorenthalten. Auch anderswo im Landkreis gab es offenkundig Schüler, die nicht ganz auf dem Laufenden waren. So etwa in Sarstedt. Dort hatten die drei Grundschulen eins gemeinsam: Am Morgen standen jeweils zwei Schüler vor der Tür, deren Eltern die Nachricht vom Schulausfall verpasst hatten.
In allen Fällen konnten die Kinder aber wieder nach Hause gehen oder wurden von ihren Eltern abgeholt, berichteten die Schulen. Theoretisch hätten sie aufgrund der „Verlässlichen Grundschule“ auch bis 13 Uhr betreut werden können, zumal die Lehrer alle vor Ort waren. Dazu sind die Verlässlichen Grundschulen verpflichtet. Von dieser Möglichkeit machte allerdings niemand Gebrauch. Auch in der Hauptschule nicht. Dort schauten zwar morgens fünf Schüler vorbei – aber nur, um sich zu vergewissern, dass die Schule wirklich ausfiel. Im Gymnasium tauchte auch nur eine Handvoll Schüler auf – die machten sich, ebenso wie viele Lehrer, schnell wieder auf den Heimweg.
Im Ambergau wurde unterdessen Kritik am Landkreis laut. Der Konrektor der Grundschule Bockenem bemängelte, dass die Information über den Schulausfall erst am späten Abend vorlag. „Bei der Wetterlage und den Vorhersagen für die Nacht war doch abzusehen, was auf den Straßen los sein würde“, so Lars Kohrs. So habe die Zeit kaum ausgereicht, damit sich die Nachricht herumsprechen konnte. Und zum anderen hätten berufstätige Eltern kaum eine Chance, am späten Abend noch eine Betreuung ihrer Kinder zu regeln. An der Schule am Thornburyplatz standen am Mittwoch einige Kinder, die vom Schulausfall noch nichts mitbekommen hatten. Die traten allesamt wieder den Heimweg an.
Auch Rudi Maxen, der die Schellerter Bördeschule leitet, ist mit der Informationspolitik des Kreises unzufrieden. Immerhin kamen 25 Kinder vergeblich zur Bördeschule. Das ärgert Maxen. „Wieso gibt es keine telefonische Benachrichtung am Vorabend, etwa um 18 Uhr? Dann könnten Schulen mit einem Rundruf Väter und Mütter rechtzeitig informieren. So wussten viele von nichts und riefen unsere Schule an: ab 7.15 Uhr klingelte das Telefon – ununterbrochen.“ Doch zu einer telefonischen Benachrichtigung aller Schulen sieht sich der Landkreis nicht in der Lage. „Erst in der Nacht zeichnet sich ab, ob die Schule ausfallen muss“, erklärt Karl-Heinz Brinkmann, Leiter des Fachdienstes Schule. „Um 18 Uhr weiß man noch nicht, wie sich das Wetter entwickelt. Das kann sich noch in der Nacht ändern“, sagt Brinkmann, der von der Polizei morgens um 5.15 Uhr über die Verkehrslage informiert wird – um bis spätestens sechs Uhr zu entscheiden, ob die Schule ausfällt.
Brinkmann traf schon am späten Dienstagabend die gleiche Entscheidung wie der Kreis Peine, der ebenfalls den Unterricht in den Schulen ausfallen ließ, die viele Jugendliche aus dem Ostkreis besuchen. Brinkmann lässt keinen Zweifel daran zu, richtig vorgegangen zu sein. „Das haben wir uns nicht leicht gemacht.“ Er müsse sicher stellen, dass Schüler ungefährdet Schulen erreichen: ob im Bus oder zu Fuß.
Ob sich die Schüler im Landkreis auch heute wieder über zusätzliche Freizeit freuen dürfen, stand bei Redaktionsschluss um 22 Uhr noch nicht fest. Während im Internet und Radio von erneutem Schulausfall die Rede war, lag der Hildesheimer Polizei keine offizielle Meldung vor.
(Hildesheimer Allgemeine Zeitung, 4. Februar 2010)