
Von Peter Hartmann
Heute führt der Kurztrip mit dem Drahtesel in den Norden des Landkreises zu den Giftener Seen. Von wegen platt und langweilig: Es gibt einiges zu erleben.
Der Wegweiser zeigt in alle vier Himmelsrichtungen, und es fehlt nur noch die Entfernung nach Rom (wohin bekanntlich alle Wege führen). Er steht unterhalb der Himmelsthürer Sportzentrums am Radweg in der Innerste-Niederung. Der Pfeil nach Norden weist den Weg in Richtung Sarstedt, und dem folgen wir. Nur kurz entlang der Innerste, dann an der alten Festung Steuerwald vorbei (Frage an die Eltern: Warum nur hat der Bischof von Hildesheim je eine Burg in den Norden und den Süden seiner Stadt gebaut?) mitten hinein ins Hafenleben. Aber keine Angst, Hildesheims Hafen ist nicht Sankt Pauli, hier sind die Flaschen zertrümmert und liegen zum Abtransport in Form von Altglas bereit. Wir halten uns links vom Kanal, fahren schnell an der Kläranlage vorbei (die Wasserflächen dort heißen, warum auch immer, "Schönungsteiche") und weiter am Kanal entlang. Eine schöne Strecke, an der man allerdings nur sehr selten den Schiffern zuwinken kann. Weil so wenig Schiffe unterwegs sind. Immer Richtung Norden.
Bei der Haseder Brücke verlassen wir den Uferweg und fahren weiter oben am Steilufer entlang bis zum Feldkreuz. Wer möchte, kann hier seinen Tacho kalibrieren (ehrlich gesagt, muss auch nicht sein, zumal, wenn man überhaupt keinen hat). Weiter ein Stück an der Autobahn entlang, links ein paar Meter nach Hasede, wieder rechts auf einem Feldweg bergab (ja, es ist ein kleiner Berg). Vorbei geht es an einem hübschen Feldkreuz mit Kiesfläche davor. Es liegt schon auf halber Höhe zu Klein Förste, das wir durchfahren (bei älteren werden nostalgische Erinnerungen an durchgeschwofte Nächte in der dortigen Disco wach), weiter geht es durchs Feld immer nach Norden. Das mit Büschen und Bäumen bewachsene Gebiet vor uns ist die Bruchgraben-Niederung. Eigenartigerweise führen nur wenige Brücken über diesen Graben, der wirklich ein Grenzfluss geblieben ist. Aber es gibt eine Kalibahn, zugewachsen aber erhalten samt Andreaskreuz. Vielleicht liegt es daran, dass noch genug Kali im Boden steckt.
Zeit für einen kleinen Abstecher? Ein gut ausgebauter Feldweg rechts führt zu der Stelle, an der der Bruchgraben unter dem Mittellandkanal durchfließt. Ein bisschen Wasserkreuz Minden mitten im Hildesheimischen! Daneben steht noch ein alter Bunker.
Denn im Krieg war ein solcher Punkt ein Angriffs- und Sabotageziel erster Güte: Mit einer kleinen Bombe hätte man den strategisch wichtigen Mittellandkanal einfach in den Bruchgraben auslaufen lassen können. Uns graust ein wenig vor dem irrsinnigen Denken der Militärs, die Städte ausradieren und dafür auch noch ein Denkmal bekommen. Es geht weiter in Richtung Bundesstraße 6. Wir überqueren sie kurz vor Sarstedt, biegen gleich links in den Willi-Jaedtke-Weg ein entlang des sehr idyllischen Bruchgrabens.

Baldrian blüht, Hummeln summeln, es gibt sogar gelbe Seerosen. Seerosen in einem fließenden Gewässer? Wenn man ein Blatt hineinwirft, kann man sehen: der Bruchgraben fließt ja eigentlich gar nicht. Den Grund sehen wir ein paar Meter weiter: Ein Wehr staut den Bruchgraben und einen wesentlich breiteren Fluss auf. Der breitere Fluss kommt aus dem Süden und uns bekannt vor: Tatsächlich, die Innerste schluckt hier das Wasser des Bruchgrabens, bevor sie sich selbst auch aufstauen lassen muss. Ein Teil des Wassers wird rechts abgeleitet in die Malzfeldtsche Mühle. Väter sollten vorher im Lexikon nachschauen, damit sie ihren Kindern den Begriff "Düker" erklären können, mit dem hier eine Gasleitung gekennzeichnet ist.
Wer leicht quengelige Kindern dabei hat, sollte den kleinen Abstecher in die Sarstedter Innenstadt (na ja) nicht scheuen, dort gibt es einige Eiscafes. Eine kleine Stärkung in Form eines Espresso kommt wohl auch Erwachsenen recht, denn es geht jetzt hinein in die Natur, also zu den Giftener Teichen. Die beginnen gleich am Sarstedter Ortsrand hinterm Bahnhof (Achtung: Die Rampe der Unterführung ist kein Klingeltunnel, man muss absteigen, eigentlich).
Eine ganze Seenplatte liegt vor dem Radfahrer, wenn er kurz vor der Bahnstrecke links abgebogen ist. "Neubaustrecke" wird man wohl noch in hundert Jahren dieses Betonband nennen, das allerdings das Naturerlebnis kaum stört. Denn im Gegensatz zur Autobahn fahren Züge nicht in Sekundenabstand.
Einige der Seen sind sogar zum Baden geeignet, wenn auch die Sarstedter es nicht an die große Glocke hängen. Vielleicht, weil die Toiletten in einem erbärmlichen Zustand sind? Mittendrin gibt es einen kleinen Berg (Gangschaltung zurück und rauf) mit einem geradezu rührend kleinen Aussichtsturm drauf. Der bringt die letzten eineinhalb Meter für einen Rundblick.
Im Süden lockt ein kleiner gotischer Backsteinkirchturm zu unserem nächsten Ziel: Giften.
Hier können die, die in Sarstedt keine Lust hatten, einkehren bei Dagmar Klünder, der Wirtin im Gutsgasthaus Wildente. Sie hat den ganzen Sommer auf und backt gern, zum Beispiel Eierlikörkuchen und Stachelbeer-Baiser. Auch hier gilt: Eine Stärkung ist nicht schlecht, denn es geht hinein in die Natur - diesmal Börde pur. Flaches Land, ganz leicht gewellt, endlose Rüben- und Weizenfelder, auch bereits brauner Raps (das noch gelb blühende Feld bei Ahrbergen muss also Senf gewesen sein, Raps blüht nur im Frühjahr). Wir radeln erst auf den weithin sichtbaren Abraumberg Giesen zu (je weißer, desto schöneres Wetter), biegen dann nach Süden ab. Links liegen die Giesener Berge (na ja) und dahinter der Osterberg.
Eine recht lange und etwas eintönige Strecke, zum Beispiel für Kinder. Tipp für Väter und Mütter: Erstens liegt etwa 1300 Meter unter uns ein altes Salzbergwerk mit so großen Höhlen, dass man mit schweren Lastwagen darin herumfahren kann, zweitens kann man erklären, dass man gerade durch ein Naturschutzgebiet europäischem Ranges radelt (wegen der Rastplätze für Kiebitze), drittens sind die Feldwege deshalb so schön stabil, weil sie nach dem Bau der Neubaustrecke angelegt wurden.
Weiter geht es vorbei an einem kleinen Wäldchen (das Orithologen angekauft haben) zum Sportplatz rechts (Rastmöglichkeit in einem hübschen Vereinsgarten). Wir sind schon in Emmerke, dessen Kirche ein mit ihrem trutzigen Turm ein hübsches Fotomotiv ist. Weiter gehts entlang der Bahn (netter Blick auf den Knüppelbrink von hinten), durch Himmelsthür (der Ausschilderung Radweg folgen), am Schulzentrum vorbei - bis zum bekannten Wegweiser.
Die Strecke bietet viel Natur und auch ein bisschen Geschichte. Sie ist 19 Kilometer lang mit wenig Steigungen und vielen Rastmöglichkeiten (einschließlich Eis essen in Sarstedt und in Himmelsthür) und so auch für Familien mit Kindern und Anfänger geeignet. (ph)
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