140 Mitspieler führen in Sommertheaterspektakel „HeindePark" das Thema Müll auf die Kippe
Von Martina Prante
„Bei fünf Windstärken pustet es uns da oben alles weg. Angesagt sind vier …“ Uli Jäckles Augen wandern besorgt zum Himmel, der mit dunklen Wolken bezogen ist, die im Pulk eilends weiterziehen. Und pünktlich zum Start der diesjährigen Sommertheater-Runde des Forums Heersum eine Sonne freigeben, die sich wie aus einem geöffneten Vorhang über das Publikum ergießt.
Das sitzt farbenfroh in Sicherheits-Westen gekleidet auf Klappstühlen vor einer Realkulisse aus Müllcontainern und einer Halle, in der Müll gestapelt wird, was sensible Nasen zum Kräuseln bringt. Und Müll steht denn auch im Zentrum des Spektakels, das die Zuschauer auf die Kippe führt. 140 Darsteller erzählen in der Deponie Heinde knapp vier Stunden lang eine Geschichte, in der viel gesucht wird. Mal ist es der Weg, dann wieder ein blauer Engel, später der Opa, ein Schloss und zu guter Letzt der Leser.
Jeweils rund 350 Zuschauer setzten sich bei dem soziokulturellen Projekt in Bewegung - nicht zuletzt, um unbekanntes Terrain zu erkunden. Denn wer hat schon mal die 172 Meter erklommen, unter denen sich 1 380 000 Tonnen Abfall türmen, und einen sagenhaften Blick auf das Innerstetal gehabt. Keiner. „HeindePark“ macht's möglich. „Fast wie in Bayern“, hört man da manchen raunen, der seinen Blick über die Hügel schweifen lässt.
Die Aussicht ist fantastisch - es riecht gut. Und doch vermissen langjährige Besucher die reizvollen Landschaftswechsel, die sonst die theatrale Wanderung begleitet. Auf der Deponie Heinde sind es Hügel und Täler auf befestigten Wegen zwischen Gräsern und Unkraut, die es zu begehen gilt. Mehr nicht.
Allerdings haben die Verantwortlichen um Regisseur Uli Jäckle auch ganz fantastische Spielorte entdeckt. Am beeindruckendsten ist der vom Hügel hinunter auf einen Sammelplatz für Container, auf denen getrommelt wird und wo die gelben Säcke wie die Ameisen herumlaufen. Die Streit-Dialoge der Kasupkes werden über einen Trick nach oben vermittelt.
Ja, die Familie aus dem Ruhrpott ist wieder mit von der Partie. Dieter hat diesmal sogar einen Hauptpart. Nicht nur textlich. Vor allem ist er der Bösewicht, der bekehrt werden muss. Arnd Heuwinkel ist zum Fiesling mutiert, der seine keifende Frau (Marion Schorlepp) beschimpft und die Vergangenheit mit Füßen tritt beziehungsweise wegschmeißt. Aber man weiß ja, dass Reichtum den Menschen verändert. Dieter Kasupke hat nämlich geerbt. Und das vermeintliche Schloss steht eben auf einer Müllhalde. Aber der fanatische Ford-Fan, der seinen Granada auch gepresst noch wie ein Handtäschchen mit sich herumträgt, weiß sich zu helfen.
Ein zweiter Fiesling, Florian Brandhorst als Gelber Sack, schießt den Müll auf den Mond, wo die kleinen Prinzen mit Wernher von Braun den Schaden zu beheben versuchen. Der Gelbe Sack hat aber auch eine Freundin: die Präsidentin (Antonia Tittel), die mit ihrer Wegwerfgesellschaft innerhalb von Minuten die Gegend zumüllt. Währenddessen hat der deprimierte und entsorgte Hausmüll in einer Therapiesitzung beschlossen, sich bei Dieter Kasupke zu rächen. Dessen Opa, der beinahe als Altlast entsorgt worden wäre, verrät ihnen eine List.
Außerdem tummeln sich im Gebirge, vor dem Schloss und auf dem Mond noch die bissigen Müllpiraten, süße blaue Engel, die protestierenden Ökos, vergessene Märchenfiguren, beißende Reinigungsmittel und gewaltige Radlader, die mehr als nur eine tragende Rolle haben. Nicht zu vergessen die Schmeißfliegen und die „DreX Pistols“ unter Leitung von Jochen Hesch, die trotz Sturm und Regen für perfekte musikalische Begleitung sorgen. Als driving Gag sorgt Evel Kneivel (ein bestens gelaunter Dieter Teichert) in seinem Gefährt als Spezialist für gefährliche Situationen dafür, dass die Zuschauer gut informiert und heile über die Tour kommen. Ach und dann ist dann noch Luke Skywalker (Bernhard Twickler), der verzweifelt sein Laserschwert sucht und sich verliebt.
Uli Jäckle setzt den mit Wortspielen dezent verzierten Ulk mit vielen bunten Ideen auf den Berg. Wobei das Thema Müll vielleicht der Geschichte mehr Bodenhaftung verleiht als sonst. Das Kostümbildner-Team Anja Niehaus und Susanne Burkhardt bietet mit seinen farblich kräftigen und perfekt designten Kreationen dem Auge Halt in der Höhe. Bei der Premiere hakte es noch ein bisschen, bei der Vorstellung am Tag danach lief alles schon 20 Minuten schneller. Und während es am Premieren-Nachmittag auf dem Mond wie aus Kübeln goss, wurden die Besuchern bei der zweiten Vorstellung in der Pause zugeregnet. Aber die meisten blieben und kamen in den Genuss eines Happy-Ends, bei dem jeder einsehen muss, dass auch Müll eine Chance verdient.
(Hildesheimer Allgemeine Zeitung, Ausgabe vom 22. Juni 2009)