
Warum? Wie immer ist das die Frage, die die Menschen umtreibt nach Bluttaten wie dieser. Und wie immer gibt es keine Gewissheiten. Doch Polizei und Staatsanwaltschaft bringen langsam Licht ins Dunkel der Familientragödie, die drei Menschen das Leben kostete. Polizeidirektor Volker Feige und der leiter der Mordkommission, Guido Nolte, fassten am Donnerstagvormittag den Stand der Ermittlungen zusammen.
Demnach waren der 37-jährige selbstständige Forstwirt Christian H. und seine drei Jahre ältere Freundin Cornelia K. schon seit zehn Jahren ein Paar. Mit ihren gemeinsamen Kindern Myria (6) und Niklas (8) sowie Julia (14) und Philip (16) aus einer früheren Ehe der Frau lebten sie in Hornsen bei Woltershausen. Unauffällig. Bis der 37-Jährige am Mittwochabend zu seiner illegal erworbenen Pistole „Luger“ Kaliber 45 griff.


Nach ersten Erkenntnissen tötete der Hornser zunächst seine Partnerin. Dreimal schoss er etwa um 18.45 Uhr auf die Frau, die gerade in ihrem Wagen vom Hof fahren wollte. Cornelia K. war auf der Stelle tot. Nun soll sich Christian H. dem Haus zugewandt und drinnen das Feuer auf seine Kinder eröffnet haben. Auf Niklas, Julia, Philip, auch auf den 15-jährigen Florian, der gerade mit seiner Mutter zu Besuch war. Elf Schüsse feuerte der Täter ab. Weil das Magazin der US-Waffe nur acht Patronen fasst, muss er sogar einmal nachgeladen haben. Die befreundete Mutter flüchtete mit der unverletzten Sechsjährigen und den schwer verletzten Philip und Niklas, sie wollte sich bei Nachbarn in Sicherheit bringen. Doch der kleine Niklas brach noch im Garten seines Elternhauses zusammen. Erste Hilfe, Wiederbelebungsversuche, all das kam für den Achtjährigen zu spät. Er starb im Nachbarhaus, noch bevor die Notärzte um 19.25 Uhr zur Stelle waren.
Christian H. verfolgte seine Opfer nicht. Am Hintereingang des Hauses richtete er die Waffe auf seinen Kopf und beendete mit dem elften Schuss aus der Luger das Blutvergießen.
Das Paar soll schon seit längerer Zeit „Konflikte und Probleme“ gehabt haben. Cornelia K.s Freundinnen berichten von krankhafter Eifersucht des Täters. Es gebe auch Hinweise darauf, dass die Familie in finanziellen Schwierigkeiten gewesen sei, sagte Nolte.

Stummes Entsetzen: Das Dorf Hornsen ist am Tag nach der blutigen Familientragödie wie in einem Schockzustand. „Warum ausgerechnet hier?“ – diese Frage stellen sich die Nachbarn immer wieder.
„Als ich hier gestern nach Hause kam, leuchteten alle Straßen blau“, sagt der 19-jährige Sebastian de Vries, der gerade auf dem Nachhauseweg war. Mehr als 25 Polizeiwagen und mehrere Krankenwagen hatten sich blitzschnell in dem beschaulichen Ort versammelt, in dem sonst eher Trecker und freilaufende Hühner den Ton angeben. Der 19-jährige Hornsener wohnt mit seiner Familie nur eine Straße vom Tatort entfernt. „Hier kennt jeder jeden.“
Noch vor wenigen Monaten haben die Eltern von Sebastian de Vries den 40-sten Geburtstag der erschossenen Frau gefeiert. Allerdings sei zu diesem Zeitpunkt schon bekannt gewesen, dass die Beziehung des Paares, das seit zehn Jahren in Hornsen wohnte, kriselte. Es soll oft Streit gegeben haben.
Auch Fritz Sander gehört zu den Nachbarn, wohnt nur einen Steinwurf vom Tatort entfernt. Der Rentner hat die Pistolenschüsse ebenfalls mitbekommen. „Mit so etwas konnte doch niemand rechnen. Es ist einfach so schrecklich, was da in dem Haus geschehen ist“, zeigt sich der 70-Jährige entsetzt. Er hat die Kinder der Familie oft auf der Straße spielen sehen. „Wie kann ein Mensch gerade Kindern so etwas antun“, äußert der Hornsener.

„Das ist unfassbar.“ Bürgermeister Klaus Funke ringt nach Worten, um das zu verstehen, was sich da in seiner Gemeinde am Mittwochabend abgespielt hat. Dass irgend etwas Schlimmes passiert sein musste, war ihm sofort klar, als Krankenwagen auf Krankenwagen vor seinem Haus in Woltershausen in Richtung Hornsen brauste.
Zunächst dachte Funke an einen schweren Verkehrsunfall. Doch dann tauchte der Ortsname Hornsen plötzlich auf den Nachrichtenlaufbändern im Fernsehen auf: „So schnell wird man von der schrecklichen Realität eingeholt. Letzte Woche Winnenden, jetzt unser Hornsen“, sagt Funke.
Auch an der Grundschule in der Lamspringer Ahornallee 20 herrschte gestern blankes Entsetzen. Dort besuchte der getötete achtjährige Niklas K. die zweite Klasse. Der Junge galt als netter, guter und hilfsbereiter Schüler. Mehr darf die Schulleitung gegenüber der Presse nicht sagen. Dass der Schock in der Klasse von Niklas aber tief sitzt, liegt auf der Hand. Denn der Amoklauf von Winnenden war auch in dieser Klasse das beherrschende Thema der vergangenen Woche: „Das wird sicherlich einige Zeit dauern, bis die Mädchen und Jungen diese neue Schreckensmeldung verdaut haben“, sagte ein Pädagoge.

Ein Jahr nach der Tragödie in Hornsen: Wie gehen die Menschen mit dem tödlichen Familiendrama um?
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