Interview

Ulrich Domdey

„Frau Bach hat unserer Arbeit nicht geschadet“

Der Hildesheimer Ulrich Domdey ist Vorsitzender der Niedersächsischen Hospizstiftung. Seit 20 Jahren widmet er sich dem Thema Sterbebegleitung. Eine Aufgabe, die auch ihn verändert hat.

HAZ: Durch die Krebsärztin Mechthild Bach ist das Thema Sterbehilfe ins Bewusstsein einer breiten Öffentlichkeit gerückt. Hat das der Hospizarbeit genutzt oder eher geschadet?

Ulrich Domdey: Durch den Suizid von Frau Bach und die lange Prozessdauer wurde das Interesse auch auf die ehrenamtliche Arbeit der Hospizgruppen gelenkt. Das hat uns auf keinen Fall geschadet, weil sich die Menschen plötzlich mit diesem Thema beschäftigt haben.

Der Hildesheimer Hospizverein setzt ganz auf ehrenamtliche Mitarbeiter. Warum beschäftigen sich Menschen in ihrer Freizeit mit dem Thema Tod?

Sterben, Tod und Trauer sind Lebensthemen, an denen keiner vorbei kommt. Hauptmotiv ist die eigene Betroffenheit nach dem Verlust eines Menschen. Dadurch wächst das Interesse, sich intensiv mit dem Tod auseinanderzusetzen.

Haben Sie dadurch weniger Angst vor dem eigenen Sterben?

Die Angst nimmt nicht ab, weil niemand weiß, wann ihn der Tod ereilt. Aber ich verdränge den Tod nicht mehr, laufe nicht mehr davor weg, wenn er in der eigenen Familie passiert.

Worin liegt das Geheimnis, dass sich Menschen kurz vor dem Tod einem Trauerbegleiter, also einem fremden Menschen, öffnen?

Die ehrenamtlichen Mitarbeiter gehören nicht zur Familie, schaffen so etwas wie Neutralität. Dadurch muss der Patient keine Rücksicht auf das Beziehungsgeflecht der Familie nehmen. So erfahren wir Dinge, die sonst niemand erfährt. Mit diesem Wissen können wir Brücken zwischen dem Patienten und den Angehörigen bauen. Das ist ein hoher Vertrauensvorschuss, den wir erhalten.

Finden die Menschen in ihren letzten Stunden Kraft im Glauben oder kehren sie sogar zum Glauben zurück?

Wer im Glauben gefestigt ist, schöpft daraus natürlich Kraft. Aber es gibt auch Menschen, die mit Gott hadern und verzweifelt sind, dass es sie schon trifft. Zum Ende stellt sich fast jeder die Sinnfrage des Lebens. Deshalb finden auch viele Menschen zurück zum Glauben.

Was sind die wichtigsten Voraussetzungen für die Arbeit eines Trauerbegleiters?

In erster Linie braucht man viel Zeit und eine emotionale Kompetenz. Allerdings sollte niemand mit dieser Arbeit beginnen, wenn er selbst in einer akuten Trauerphase ist. Wichtig ist eine ganz normale gefestigte Persönlichkeit.

Andere Länder wie beispielsweise England liegen in der Hospizarbeit deutlich vor Deutschland. Was muss geschehen, um diesen Rückstand aufzuholen?

Deutschland muss in der Forschung deutlich mehr tun. Bislang haben wir nur acht Lehrstühle für Palliativmedizin an den Universitäten. Das ist viel zu wenig. Ärzte, Pflegepersonal, Seelsorger und Psychologen müssen stärker miteinander kooperieren, um den Patienten ganzheitlich zu betrachten. Wenn wir herausfinden wollen, was der Patient wirklich will, müssen alle miteinander reden.

Interview: Peter Rütters


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