Sie sind da, wenn die Uhr des Lebens abgelaufen ist. Seit 20 Jahren begleitet der Hospizverein todkranke Menschen auf ihrem letzten Weg. Dabei geht es nicht um schöner Sterben, sondern um ein Stück Menschlichkeit: Im Tod soll niemand allein sein.

Von Peter Rütters (Text) und Chris Gossmann (Fotos)
Die kenn‘ ich.“ Als Eva Krüger den Namen der Patientin zum ersten Mal hört, weiß sie sofort, wer da im Zimmer 416 liegt: Es ist Helga Bertram (Name geändert). Die beiden sind als Mädchen im selben Haus groß geworden, haben sich dann aber vor 50 Jahren aus den Augen verloren. Der Zufall hat die Frauen wieder zusammengeführt. Eva Krüger absolviert im August 2010 als ehrenamtliche Mitarbeiterin des Hospizvereins ein Praktikum auf der Palliativstation im St. Bernward Krankenhaus. Helga Bertram verbringt hier die letzten Tage ihres Lebens.
Unschlüssig steht Eva Krüger vor der großen Schiebetür des Krankenzimmers. Soll sie tatsächlich hineingehen, nachdem sie von der schweren Krebserkrankung ihrer Freundin aus Kindertagen erfahren hat? Kann sie wirklich einen kleinen Lichtblick in den Alltag der todkranken Frau bringen, so wie es sich der Hildesheimer Hospizverein vor 20 Jahren auf die Fahnen geschrieben hat? Diese Fragen schießen der 63-Jährigen durch den Kopf. Voller Selbstzweifel öffnet sie die Tür.
Doch schon im nächsten Augenblick sind alle Bedenken verflogen. Mit einem einzigen Satz löst die zerbrechlich wirkende Frau auf dem Krankenbett die Anspannung: „Du bist doch die Eva, komm setz dich“, sagt Helga Bertram mit strahlenden Augen.
Es sind Momente wie dieser, die den 30 Sterbe- und Trauerbegleitern des Hospizvereins immer wieder die Kraft zum Weitermachen geben. Eva Krüger ist inzwischen seit vier Monaten dabei, hat neben dem Praktikum auf der Palliativstation einen einjährigen Vorbereitungskurs besucht. Vorbereitung auf den Tod – ein Thema, das die Gesellschaft lieber tabuisiert?

Noch vor 20 Jahren hätte Ulrich Domdey diese Frage mit einem klaren Ja beantwortet. Der 60-Jährige ist Vorsitzender der Niedersächsischen Hospizstiftung und Mitglied im Hildesheimer Verein. Der medizinische Fortschritt und die Verlagerung des Sterbens in die Krankenhäuser und Pflegeheime hatten die Auseinandersetzung mit Tod und Trauer nach den Worten Domdeys mehr und mehr verdrängt. Anders in England, wo die Ärztin und Sozialarbeiterin Cicely Saunders 1967 in einem Londoner Vorort das „St. Christopher‘s Hospice“ gründete. Es dauerte lange, bis der Hospizgedanke Deutschland erreichte. In Niedersachsen nahm Hildesheim eine Vorreiterstellung ein, wo 1991 einer der ersten Hospizvereine gegründet wurde. „Es geht nicht um schöner Sterben, sondern um die persönliche Begleitung. Der Patient soll das Gefühl haben, dass er im Tod nicht allein ist“, sagt Domdey.
Denn es ist das einsame Sterben, vor dem sich die Menschen in Deutschland fürchten. 90 Prozent wünschen sich, zu Hause zu sterben. Doch die Realität sieht anders aus: Jeder fünfte stirbt im Altenheim, jeder zweite im Krankenhaus. Aber auch dort hat sich in den letzten Jahren ein Wandel vollzogen, wie die drei Palliativstationen in Hildesheim und Alfeld beweisen.
Und so sitzt Eva Krüger am Bett von Helga Bertram und schwelgt in Erinnerungen. Die beiden Frauen plaudern über ihre Hildesheimer Jugend, als die Jungs aus der Nachbarschaft mit ihren Kofferradios unter dem Arm bei den Mädchen Eindruck schinden wollten: „Das war eine schöne Zeit“, sagt Helga Bertram und schmunzelt. Da ist sie wieder, die Lebensfreude der einst so stattlichen Frau, die durch die jahrelange Krebserkrankung auf 40 Kilogramm abgemagert ist. Die 66-Jährige weiß, dass sie sterben wird. Sie weiß aber auch, dass ihr Tod schmerzfrei sein wird.
Denn anders als auf den übrigen Stationen geht es in der Palliativmedizin nicht um die Ursachen der Krankheit, sondern um die Symptome: „Ein qualvoller Tod kann heute medikamentös gelindert werden“, sagt Chefarzt Professor Dr. Ulrich Kaiser. Krebs im Endstadium, das bedeutete noch vor Jahren unsäglichen Schmerz in den letzten Tagen vor dem Tod. Dank einer immer besser dosierten Gabe von Opiaten können diese Symptome heute gelindert werden.

Wer auf die Palliativstation kommt, ist unheilbar krank, weiß, dass die Tage gezählt sind. Und doch ist die Station im vierten Stock des Bernward Krankenhauses keine Sterbestation, weil hier die fürsorgliche Pflege im Vordergrund steht, mit der die Lebensqualität verbessert werden soll: „Wir behandeln Patienten, von denen wir wissen, dass sie nicht mehr gesund werden“, sagt Kaiser. Deshalb soll ihnen der Aufenthalt so angenehm wie möglich gemacht werden: In Einzelzimmern mit Blick auf den Kalenberger Graben, mit einem individuell abgestimmten Tagesablauf ohne feste Visiten, wenig Technik, aber vielen Menschen. Wie in einen schützenden Mantel gehüllt (lateinisch Pallium: Mantel), wollen Ärzte, Schwestern und Pfleger, aber auch Seelsorger, Psychologen und Sozialarbeiter dem Patienten Ängste nehmen, Schmerzen lindern, den letzten Abschnitt des Lebens friedvoll gestalten.
Zweimal pro Woche trifft sich das gesamte Team zur Sitzung im Besprechungszimmer. Elf gesunde Menschen beraten an einem Tisch über die Behandlung der acht todkranken Patienten. Ein Verhältnis, das im Vergleich zu Akutstationen seinesgleichen sucht. An diesem Tag ist Rita Willke vom Hospizverein dabei. Sie hört aufmerksam zu, als die Krankengeschichten vorgetragen werden. Sie macht sich Notizen, fragt, ob eine Hospizbegleitung erwünscht ist. Besonders alleinstehende Patienten nehmen das Gesprächsansgebot gern an, weil es dabei nicht um Chemotherapie oder Bestrahlung, sondern um die ganz normalen Dinge des Lebens geht. Da ist die Frau, die Rita Willke einfach nur noch einmal in ihr Lieblingscafé begleiten soll. Oder der Mann, der sich nach jahrzehntelangem Streit doch noch mit seinem Bruder versöhnen möchte. Manchmal genügt schon ein Anruf der Hospizmitarbeiterin, um den letzten Wunsch zu erfüllen. „Ich bin nicht allein.“ Dieses Gefühl wollen Rita Willke und ihre ehrenamtlichen Mitarbeiter aber nicht nur den Kranken, sondern auch den Angehörigen vermitteln. Mit Gesprächsangeboten oder Trauergruppen, die sich regelmäßig im Büro des Hospizvereins in der Schuhstraße 46 treffen.
Denn nicht jeder kann mit dem drohenden Verlust eines geliebten Menschen so gut umgehen wie Annette Wißler, die sich dieser Tage auf der Palliativstation um ihre Mutter kümmert. Dafür hat die 44-Jährige ihren Job als Landärztin im englischen Hereford an den Nagel gehängt. Die Jahre in England und die Einstellung der Briten zum Thema Tod haben die Deutsche geprägt: „Engländer sind pragmatischer. Wenn es vorbei ist, ist es vorbei“, sagt Wißler mit entwaffnender Offenheit. „Es kommt eben darauf an, das Beste aus der verbleibenden Zeit zu machen.“ Zwar ist der Tod auf der Palliativstation allgegenwärtig, aber das ist für die Ärztin nichts Besonderes, weil eben auch auf den anderen Stationen gestorben wird. Und doch sieht sie einen entscheidenden Unterschied: Die menschliche Zuwendung des Personals, die Aufmerksamkeit in kleinen Dingen, wie der Zubereitung mundgerechter Portionen beim Essen, oder das persönliche Gespräch durch die Hospizmitarbeiter.

Als Eva Krüger das Zimmer ihrer Jugendfreundin verlässt, beschleicht sie ein merkwürdiges Gefühl. Durch die Leichtigkeit, mit der Helga Bertram über ihren nahen Tod gesprochen hat, scheinen sich die Rollen verschoben zu haben. War es nicht Eva Krüger, die der Kranken Mut zusprechen wollte? Doch die Trauerbegleiterin musste gar nicht viel sagen, einfach nur da sein, um zu hören, wie Helga Bertram ihren Tod vom Testament bis zur Beerdigung geplant hat. Es sind diese Augenblicke, die Eva Krüger ihre eigene Endlichkeit vor Augen führen: „Dadurch lebe ich bewusster, weil ich den eigenen Tod ein Stück näher an mich heranlasse“, sagt die Hospizmitarbeiterin.
Gern würde sie das Gespräch mit Helga Bertram am nächsten Tag fortsetzen. Doch dazu kommt es nicht mehr, weil der Tod wieder einmal schneller ist. In der Erinnerung lebt die Jugendfreundin aber weiter. Ihre Angehörigen haben einen kleinen Stein mit dem Namen und dem Todestag in den Andachtsraum der Palliativstation gelegt. Zu den anderen Steinen mit den Namen der verstorbenen Patienten. Einmal im Jahr gibt es in der Kirche des Krankenhauses einen Gedenkgottesdienst. Als Erinnerung können die Hinterbliebenen die Steine dann mit nach Hause nehmen. Beim nächsten Gottesdienst wird Eva Krüger dabei sein. Sie hat die Begegnung mit ihrer Freundin aus Kindheitstagen nicht vergessen.
Der Hospizverein Hildesheim und Umgebung bietet seine Dienste kostenlos an. Die Koordinatorin Rita Willke ist unter der Telefonnummer 6972424 zu erreichen. Die Mail-Adresse lautet hospizverein-hildesheim@gmx.de. Zum 20-jährigen des Vereins gibt es am heutigen Sonnabend um 16 Uhr eine öffentliche Festveranstaltung im Rathaus.


Der Hildesheimer Ulrich Domdey ist Vorsitzender der Niedersächsischen Hospizstiftung. Seit 20 Jahren widmet er sich dem Thema Sterbebegleitung. Eine Aufgabe, die auch ihn verändert hat.
HAZ: Durch die Krebsärztin Mechthild Bach ist das Thema Sterbehilfe ins Bewusstsein einer breiten Öffentlichkeit gerückt. Hat das der Hospizarbeit genutzt oder eher geschadet?
Ulrich Domdey: Durch den Suizid von Frau Bach und die lange Prozessdauer wurde das Interesse auch auf die ehrenamtliche Arbeit der Hospizgruppen gelenkt. Das hat uns auf keinen Fall geschadet, weil sich die Menschen plötzlich mit diesem Thema beschäftigt haben.
Der Hildesheimer Hospizverein setzt ganz auf ehrenamtliche Mitarbeiter. Warum beschäftigen sich Menschen in ihrer Freizeit mit dem Thema Tod?
Sterben, Tod und Trauer sind Lebensthemen, an denen keiner vorbei kommt. Hauptmotiv ist die eigene Betroffenheit nach dem Verlust eines Menschen. Dadurch wächst das Interesse, sich intensiv mit dem Tod auseinanderzusetzen.
Haben Sie dadurch weniger Angst vor dem eigenen Sterben?
Die Angst nimmt nicht ab, weil niemand weiß, wann ihn der Tod ereilt. Aber ich verdränge den Tod nicht mehr, laufe nicht mehr davor weg, wenn er in der eigenen Familie passiert.
Worin liegt das Geheimnis, dass sich Menschen kurz vor dem Tod einem Trauerbegleiter, also einem fremden Menschen, öffnen?
Die ehrenamtlichen Mitarbeiter gehören nicht zur Familie, schaffen so etwas wie Neutralität. Dadurch muss der Patient keine Rücksicht auf das Beziehungsgeflecht der Familie nehmen. So erfahren wir Dinge, die sonst niemand erfährt. Mit diesem Wissen können wir Brücken zwischen dem Patienten und den Angehörigen bauen. Das ist ein hoher Vertrauensvorschuss, den wir erhalten.
Finden die Menschen in ihren letzten Stunden Kraft im Glauben oder kehren sie sogar zum Glauben zurück?
Wer im Glauben gefestigt ist, schöpft daraus natürlich Kraft. Aber es gibt auch Menschen, die mit Gott hadern und verzweifelt sind, dass es sie schon trifft. Zum Ende stellt sich fast jeder die Sinnfrage des Lebens. Deshalb finden auch viele Menschen zurück zum Glauben.
Was sind die wichtigsten Voraussetzungen für die Arbeit eines Trauerbegleiters?
In erster Linie braucht man viel Zeit und eine emotionale Kompetenz. Allerdings sollte niemand mit dieser Arbeit beginnen, wenn er selbst in einer akuten Trauerphase ist. Wichtig ist eine ganz normale gefestigte Persönlichkeit.
Andere Länder wie beispielsweise England liegen in der Hospizarbeit deutlich vor Deutschland. Was muss geschehen, um diesen Rückstand aufzuholen?
Deutschland muss in der Forschung deutlich mehr tun. Bislang haben wir nur acht Lehrstühle für Palliativmedizin an den Universitäten. Das ist viel zu wenig. Ärzte, Pflegepersonal, Seelsorger und Psychologen müssen stärker miteinander kooperieren, um den Patienten ganzheitlich zu betrachten. Wenn wir herausfinden wollen, was der Patient wirklich will, müssen alle miteinander reden.
Interview: Peter Rütters