
Bei ihrem Arztbesuch vor etwa zwei Monaten hat Andrea noch wild um sich geschlagen. Heute sitzt die schwarz-weiße Katzendame hingegen ruhig auf dem Behandlungstisch. Auch dann, als Tierärztin Anja Beschorner die Spritze für die Tollwutimpfung ansetzt. „Das ist schon ungewöhnlich“, sagt die Auszubildende Anna Baecker, die Andrea festhält. „Die meisten Tiere bleiben nicht so ruhig.“
Baecker weiß, wovon sie spricht. Impfungen gehören in der Tierarztpraxis von Anja Beschorner im Hildesheimer Tierheim zum Tagesgeschäft. Allerdings, so stellt Beschorner mit Besorgnis fest, sei die Bereitschaft der Tierbesitzer, ihre Lieblinge regelmäßig immunisieren zu lassen, in den vergangenen fünf Jahren deutlich gesunken. „Das ist ein Problem“, stellt die Tierärztin fest.
„Es ging häufig durch die Medien, dass Tiere nicht mehr jährlich geimpft werden sollten. Deshalb kommen die Leute nicht mehr – noch nicht einmal zur Impfberatung.“
Dabei gilt laut dem Bundesverband Praktizierender Tierärzte (BPT) nach wie vor: Haustiere sollten einmal im Jahr geimpft werden – allerdings nicht wie früher gegen jede Krankheit. „Bei Katzen sollte der Impfschutz gegen Katzenschnupfen alle zwölf Monate aufgefrischt werden, bei Hunden der gegen Leptospirose und Zwingerhusten“, erklärt Beschorner.
Bei anderen Krankheiten halte der Impfschutz hingegen länger. Seit etwa vier Jahren empfehle der BPT, Katzen gegen Parvovirose, auch bekannt als „Katzenseuche“, und Tollwut nicht mehr jedes, sondern alle zwei bis drei Jahre impfen zu lassen. Gleiches gilt für Staupe, Hepatitis, Parvovirose und Tollwut bei Hunden.
Gerade für Katzen kann zu häufiges Impfen fatale Folgen haben. „Es gibt Indizien, dass Katzen durch die Impfung gegen Tollwut und Leukose Tumore im Bindegewebe bekommen können“, berichtet Beschorner. Diese sogenannten Fibrosarkome seien äußerst bösartig, häufig bildeten sich Metastasen – für die Katze meist ein Todesurteil.
„Im Schnitt bekommen etwa eine bis zehn Katzen von 10 000 nach einer Impfung ein Fibrosarkom“, informiert die Tierärztin. Hunde seien wesentlich weniger gefährdet. Zwar bestehe auch bei ihnen die Möglichkeit, dass sie allergisch reagieren. „Aber schwerwiegende Folgen sind äußerst selten.“ Trotz der Risiken appelliert Beschorner vor allem an die Besitzer von freilaufenden Katzen, die Tiere unbedingt gegen Tollwut impfen zu lassen – nicht zu oft, aber regelmäßig.
„Deutschland gilt zwar als tollwutfrei, aber in Fledermäusen wurde der Erreger tatsächlich noch gefunden – auch in Niedersachsen“, betont die Tierärztin. Fängt eine Katze eine an Tollwut erkrankte Fledermaus, kann sie sich schnell anstecken und die Krankheit sogar auf den Menschen übertragen. „Und das kann dann auch für den Katzenbesitzer lebensgefährlich sein.“
Bei Hunden macht der Tierärztin vor allem Sorgen, dass immer mehr Tiere importiert werden. Gerade in Osteuropa seien Parvovirose und Staupe sehr verbreitet. „Es ist wichtig, dass unsere Tiere ausreichend geschützt sind – damit sich diese Krankheiten nicht auch in Deutschland wieder ausbreiten können.“
Leichter zu merken ist es für die Besitzer von Kaninchen. Ihre Tiere brauchen alle sechs bis zwölf Monate eine komplette Schutzimpfung. Katzen und Hunde bekommen diese nur in den ersten beiden Lebensjahren (siehe Kasten), danach wird nach der Haltbarkeit des Impfschutzes gegen die einzelnen Krankheiten unterschieden.
So wird Andrea auch erst wieder in drei Jahren die nächste Spritze gegen Tollwut bekommen – sehr zu ihrer Freude, wie es scheint. Zwar hat die Katzendame beim Impfen geradezu vorbildlich stillgehalten: Nach der Prozedur flitzt sie jedoch in Windeseile wieder in ihre blaue Transportbox zurück.
Die „Ständige Impfkommission Vet“ des Bundesverbands Praktizierender Tierärzte empfiehlt die komplette Schutzimpfung für Katzen im Alter von acht Wochen, die Immunisierung sollte anschließend im Alter von zwölf und 16 Wochen sowie von 15 Monaten wiederholt werden. Gleiches gilt für Hunde: Die sogenannte Grundimmunisierung erfolgt bei Welpen im Alter von acht, zwölf und 16 Wochen sowie nach 15 Lebensmonaten. Eine Impfspritze kostet etwa 50 Euro. Hinzu kommen die Kosten für den Impfstoff sowie für die jeweilige Untersuchung des Tieres durch den Arzt.

Monika Peichl befasst sich seit Ende der 90er Jahre mit Haustierimpfungen und hat zum Thema Bücher und Artikel veröffentlicht, unter anderem in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung. Morgen um 14 Uhr hält sie im großen Sitzungssaal im Haus der Kreisverwaltung den Vortrag „Haustiere impfen mit Verstand“. Der HAZ hat sie erzählt, was sie beim Thema „Haustierimpfungen“ in Deutschland vermisst.
HAZ: Sie schreiben seit Jahren über das Thema Haustierimpfungen. Wie kamen sie darauf?
Monika Peichl: Eine meiner Katzen, ein zuvor kerngesundes Tier, erkrankte mit zwölf Jahren an einem Impfsarkom und musste nach zwei Operationen eingeschläfert werden. Der Tierarzt sagte mir damals nicht, dass Fibrosarkome von Impfungen verursacht werden können. Das habe ich selbst durch Internetrecherchen herausgefunden. Danach habe ich mich in das Thema vertieft und viele wissenschaftliche Arbeiten gelesen.
Und was haben Sie herausgefunden?
Dass die jährliche Komplettimpfung bei Haustieren wissenschaftlich nicht zu rechtfertigen ist. Und dass US-Tierarztorganisationen bereits 1997 neue Impfrichtlinien für Katzen herausgegeben haben, 2003 folgten welche für Hunde. Kernstück dieser Richtlinien sind längere Abstände für die meisten Impfungen. In Deutschland wurde das erst 2006 bekannt.
Halten Sie die Impfrichtlinien für ausreichend?
Ich denke, sie sind eine Kompromisslösung – wenn nicht mehr jährlich gegen alles geimpft wird, ist das ein Fortschritt. Es ist auf jeden Fall zu begrüßen, wenn Haustiere weniger unnötige Nachimpfungen bekommen. Es gibt aber keinen wissenschaftlichen Beweis, dass Katzen alle drei Jahre gegen Katzenseuche und Hunde alle drei Jahre gegen Hepatitis, Staupe und Parvovirose geimpft werden müssen. Studien aus den USA belegen, dass der Schutz länger hält. Schlimm finde ich, dass Impfnebenwirkungen in den deutschen Richtlinien überhaupt nicht auftauchen. Das ist in den USA anders.
Bösartige Tumore an der Impfstelle können bei Katzen nach Tollwut- und Leukoseimpfungen auftreten. Impfungen gegen Katzenschnupfen haben diese Nebenwirkung nicht. Heißen Sie diese also gut?
Schnupfenimpfstoffe sind vermutlich selten an der Entstehung von Impfsarkomen beteiligt. Aber sie sind alles andere als perfekt: Sie schützen nicht vor der Infektion, sondern können allenfalls die Symptome mildern. Zudem sind die meisten Impfstoffe gegen den Schnupfenerreger Calicivirus veraltet, sie passen nicht mehr zu den aktuell zirkulierenden Virustypen. Das weiß die Wissenschaft schon lange, den meisten Herstellern scheint das aber egal zu sein.
Interview: Judith Seiffert