
Bockenem (mv). Beinahe hätte Marion Guevara den Schuhkarton mit den alten Dokumenten ins Altpapier geworfen. Doch zum Glück schaute sich die Bockenemerin den Inhalt noch einmal ganz genau an. Dabei stieß sie auf eine Menü-Karte der besonderen Art. „Wenn ich es richtig deute, hat mein Urgroßopa Adolf Iser den damaligen Kaiser Wilhelm II. bekocht. Zumindest gab es in seinem Gasthaus ein großes Festessen. Acht Gänge sind für damalige Verhältnisse doch recht üppig, zumindest als Menü für den normalen Bürger. Daher liegt die Vermutung doch sehr nahe, dass der Kaiser bei ihm zu Gast war“, berichtet Marion Guevara, die in Bockenem das Café Alt Iser betreibt.
„Festessen zur Geburtstagsfeier Sr. Majestät des Kaisers und Königs am Freitag, 27. Januar, 1911 in Adolf Isers Gasthaus – Ahlden a. d. Aller“ steht darauf geschrieben. Auf der anderen Seite findet der Betrachter dann die Speisen-Folge. Los geht es mit einer „Schwedischen Schüssel“. „Was das genau ist, konnte ich bislang nicht herausfinden. Auch im Internet gab es dazu keine schlüssigen Informationen“, erzählt die Gastronomin. Es folgten eine Hühnersuppe, ein Rindermürbebraten mit allerlei Gemüse, Steinbutt mit Butter, Stangenspargel mit Prager Schinken und Zunge, gefüllter Puter, Salat und eingemachte Früchte. Abgerundet wurde der festliche Schmaus mit einer Fürst-Pückler-Creme und einer Auswahl an Käse mit Butter.
Wilhelm II. wird es sicherlich gemundet haben – sollte er tatsächlich bei Marion Guevaras Urgroßopa am Tisch gesessen haben. Urgroßoma Charlotte war schließlich als Köchin am Braunschweiger Hof zu Höherem berufen.
1911 verschlug es die Isers nach Bockenem. Sie eröffneten in der Bönnier Straße ein Feinkostgeschäft. Adolf Iser sen. war die Lust an der Gastronomie zwischenzeitlich vergangen. Iser handelte nun mit erlesenen Delikatessen und Nahrungsmitteln. Spargel wurde auf Wunsch der Kunden gleich vor Ort geschält. Damals gab es noch nicht so viele andere Geschäfte in der Stadt. So war das Feinkostgeschäft Iser in dem heute denkmalgeschützten Haus in der Bönnier Straße eine beliebte Adresse. Aber auch wegen der hohen Qualität kauften die Bockenemer in der Bönnier Straße ein.
Anfang der 30er Jahre übernahm Adolf Iser jun. das Geschäft von seinem Vater. In den 60er Jahren wurde das Feinkostgeschäft von den Geschwistern weitergeführt, bis es aus Altersgründen 1975 nach 64 Jahren aus dem Bild der Stadt verschwand.
Heute erstrahlt das Gebäude in neuem Glanz. 1996 hauchte die Großnichte und Enkelin dem Fachwerkhaus neues Leben ein. Nach umfangreichen Außen- und Innenarbeiten fand 1998 schließlich die Eröffnung des historischen Cafés „Alt Iser“ statt. „Dieses Haus war immer ein Ort für Kommunikation, Geselligkeit und Gastfreundschaft. So soll es auch in Zukunft bleiben“, sagt die Bockenemerin, die auf eine individuelle Küche setzt.
Und vielleicht finden sich ja auch schon bald einige Speisen aus dem Geburtstagsmahl des Kaisers – einschließlich der „Schwedischen Schüssel“ – auf der aktuellen Karte wieder. Wenn es Marion Guevara denn gelingt, das Geheimnis um das Rezept zu lüften.