
Am 9. November 1989 fiel die Mauer. Menschen auf beiden Seiten lagen sich plötzlich in den Armen, viele werden diese Tage und Nächte nie vergessen. Wie haben Sie die Zeit erlebt, als Deutschland eins wurde? Wir sind gespannt auf Ihre Geschichte.
Und Ihre Geschichte zum Mauerfall? Hier können Sie Ihre Erlebnisse schildern:
Wie ein HAZ-Redakteur das Ende der deutschen Teilung 1989 erlebte
Von Rainer Breda
Ich weiß nicht mehr genau, wie ich es erfahren habe. Doch mir war sofort klar: Da muss ich hin! Ich muss nach Berlin, muss miterleben, was da vor sich geht - auch, weil ich es mir nicht vorstellen konnte. Die Mauer soll offen sein? Man kann sich frei von West nach Ost und vor allem umgekehrt bewegen? Ohne Beklemmung, ohne diese Angst, etwas falsch gemacht zu haben und der Willkür der Ostgrenzer ausgeliefert zu sein?
Ich war damals 24 Jahre, Jung-Redakteur bei der HAZ, kannte Berlin von vielen Besuchen, der letzte lag nicht lange zurück. Ein Freund wohnte in der Waldemarstraße in Kreuzberg, das Haus stand nah der Grenze. Ob ich wohl spontan bei ihm vorbeikommen könnte...? Na klar. Und so ging es am frühen Morgen des 10. November 1989 los, gemeinsam mit meiner damaligen Freundin, die es ebenfalls nicht fassen konnte.
Doch dass dieses Märchen wahr geworden war, zeigte sich bereits auf der Transitstrecke, wie die Verbindung bei uns damals hieß - bis dato für mich eine trostlose Schneise durch eine freudlose Landschaft. Diesmal reihte sich zwischen Helmstedt und Magdeburg ein Trabant an den nächsten, überschwänglich hupend zog die endlose Karawane an uns vorbei in Richtung Westen, unzählige Hände winkten uns entgegen. Natürlich winkten und tröteten wir zurück. Es war das erste Mal, das ich auf dieser Route die Hupe drückte.
In Berlin angekommen, steuerten wir direkt das Brandenburger Tor an. Von dort aus sollte es in den Osten gehen. Wir wollten einfach unter der Quadriga durchspazieren. Doch in der Aufregung hatten wir nicht mitbekommen, dass die DDR-Regierung sich ausgerechnet an dieser Stelle dem Druck der Massen noch entgegenstemmte. Mochten auch an zig Grenzübergängen in der Stadt seit Stunden die Menschen hin- und her strömen, seit Politbüro-Mitglied Günter Schabowski in seiner berühmten Pressekonferenz am Abend zuvor um 19 Uhr so ganz nebenbei die Mauer erledigt hatte - den Pariser Platz, diesen symbolträchtigen Ort, wollten Krenz & Co damals nicht ohne weiteres preisgeben.
Und so erwartete uns am Brandenburger Tor eine Riesenenttäuschung: Auf der Mauer stand ein Kordon von DDR-Soldaten, die jeden Versuch, das Bollwerk zu be- oder übersteigen, mit Bestimmtheit unterbanden. Da mochte die Menge davor noch so lautstark das Gegenteil fordern: Hier hielt die Mauer noch. Doch in manchen Gesichtern zeichnete sich bereits das Ende der deutschen Teilung ab. Zwar starrte mancher DDR-Mauerschützer mit gewohnt ungerührtem Blick stur geradeaus. Bei anderen aber schmolz bereits das Eis im Gesicht, etliche lächelten - kein Wunder. Diese Momente am Fuße der Mauer, in denen ich zum ersten Mal in meinem Leben den sprichwörtlichen Atem der Geschichte spürte, jagten mir einen Schauer nach dem nächsten über den Rücken. Wie mussten da erst die Soldaten dort oben empfinden angesichts dieser gewaltigen Masse vor ihnen, aus der ihnen eine euphorische, freundliche Stimmung entgegenschwappte. Ein Gefühl, das für die meisten Grenzer auf der Ostseite neu gewesen sein dürfte.
Irgendwann in der Nacht zogen wir ab, am Morgen reisten wir über die Friedrichstraße nach Ostberlin ein. Wir liefen Unter den Linden entlang, staunten auf dem Marx-Engels-Forum über die übergroßen Skulpturen der beiden Namensgeber, spazierten auf dem Rasen hinter dem Dom, tranken Kaffee in einem Restaurant gegenüber der Marien-Kirche. Dann fuhren wir zurück nach Hildesheim. Einige Woche später sahen mein HAZ-Kollege Peter Rütters und ich uns mit dienstlichem Auftrag in Sangerhausen um, der Partnerstadt des Landkreises Hildesheim. Wir befragten Bürger, was sie von der Entwicklung hielten, einer von ihnen soll ein Spitzel der Staatssicherheit gewesen sein, wie wir später erfuhren. Wir waren ihm auf den Leim gegangen - eine Erkenntnis, die vielen DDR-Bürgern mit anderen Stasi-Zuträgern noch bevorstand.
Wenn ich heute auf dem Pariser Platz unterwegs bin, suche ich immer noch den kleinen Aussichtsturm am Tiergarten, von dem aus man in die DDR hinübersehen konnte. Er ist lange verschwunden, wie die Mauer. Und wenn ich dann wie jüngst, bei der Feier zum 60. Geburtstag des Grundgesetzes, durchs Brandenburger Tor spaziere, ist sie wieder da, die Gänsehaut. Vor Glück.

Es war kurz vor Weihnachten 1989, ich betrieb damals einen Buchhandel in der Schuhstraße. Nebenan hatte ich einen Laden für die Spezialabteilung „Landkarten, Geographie, Reiseführer/-beschreibungen und alte Graphik“ angemietet. Sehr verschüchtert trat ein junger Mann in den Laden und schaute sich zaghaft um. Ich ging nach einer Weile auf ihn zu und fragte ihn, ob ich ihm helfen könne. Er zeigte auf die Landkarten und fragte verlegen, ob er einmal eine westdeutsche Karte ansehen dürfe. „Aber gern, was interessiert sie denn besonders? Es gibt ja Hunderte Karten in den verschiedensten Maßstäben und Ausführungen als Wanderkarten oder Autokarten.“
In seiner Hand trug er eine DDR-Autokarte und ein braunes Buch, total abgegriffen. Jetzt erzählte er, dass er am späten Vortage mit seiner Familie zu einer Erkundungsfahrt aus Sachsen in den Westen aufgebrochen sei. Aber seine Karten reichten nur bis zur DDR-Staatsgrenze - im Westen war alles weiß. Nur andeutungsweise waren Punkte mit Städtenamen, Lüneburg, Hannover, Braunschweig, Goslar und Göttingen vermerkt. Er hatte sich total verfahren, war absolut verzweifelt. Jetzt bemerkte ich auch seine Frau mit zwei kleinen Kindern vor dem Schaufenster. Ich holte sie aus der kalten Morgenluft in den warmen Laden. Zur Weihnachtszeit pflegte ich den Kunden immer Süßigkeiten, Gebäck oder, wie in diesem Jahr, Nürnberger Lebkuchen anzubieten. Doch die junge Frau lehnte dankend ab: Sie hätten nicht genug Westgeld, den Rest benötigten sie für die Rückfahrt - hier sei alles so teuer. Aber, so flüsterte sie mir ins Ohr, ob sie einmal mit den Kindern auf die Toilette gehen könnte? Mein Lehrling führte sie in den Keller und nahm frische Handtücher mit. Denn im Keller hatte ich auch die Warmwasserversorgung.
Inzwischen zeigte mir der junge Mann das Buch: Es war ein Conti-Autoatlas aus dem Jahre 1935 - damit wollte er über die gefallene Grenze in den Westen reisen. Aber Karten und Straßen stimmten schon lange nicht mehr überein. Ich schlug ihm vor, er möge mir seinen alten Atlas überlassen, als Gegenleistung bekäme er den allerneuesten Shell-Atlas. Sein ungläubiges Gesicht sehe ich noch heute vor mir. Mein Lehrling hatte inzwischen eine Plastiktüte mit Lebkuchen vollgepackt. Nachdem sich die ganze Familie frisch gemacht hatte - die Vier hatten die Nacht in ihrem Trabbi verbracht - starteten sie erleichtert einen Schaufensterbummel.
Es verging keine halbe Stunde. Ein langjähriger guter Kunde kam in den Laden und sah den antiquarischen „Conti“ auf dem Tresen liegen. Seine Stimme veränderte sich schlagartig. „Seit Jahren suche ich dieses Buch, jetzt liegt es hier offen bei meinem alten Buchhändler!“ Er nahm das Buch liebevoll in die Hände, streichelte es sanft. „Ich komme aus Ostpreußen, dort war ich Handelsvertreter. Mein Gebiet umfasste die gesamten verlorengegangenen Gebiete. Jetzt kann ich wieder in meinen Erinnerungen schwelgen. Sie sind ein Schatz!“, sagte er, umarmte mich und drückte mich fest. Nach dem Preis fragte er nicht, sondern legte einfach einen größeren Schein auf den Tisch. Ich wollte den Atlas noch weihnachtlich verpacken, aber er nahm ihn gleich in die Hand und steckte ihn in eine Tasche. Strahlend zog er vondannen und rief mir zu: „Mein schönstes Weihnachtsgeschenk!“
Zufällig sah ich später die sächsische Familie, wie sie am Laden vorbeiging. Ich rief sie zurück. Sie waren völlig verdattert, erschreckt: War etwas falsch gelaufen? Zögerlich kamen sie in den Laden. „Ich habe eben Ihren alten Conti verkauft!“ Ich erzählte ihnen kurz die Geschichte und drückte ihnen noch einen Geldschein in die Hand. Der Mann schloss seine Frau in die Arme und sagte: „Das ist wie Weihnachten, Muttchen!“

Ich bin Hildesheim aufgewachsen, im Herbst 1989 lebte ich als Foto-Student am Halleschen Tor in Berlin. Beim Abwaschen hörte ich in den Nachrichten, dass die Mauer geöffnet sein soll. Darauf fuhr ich mit zwei Kameras, vier Objektiven und zehn Filmen gegen 20 Uhr zum Checkpoint Charlie in die Friedrichstraße. Dort warteten einige Westberliner am alliierten Grenzabfertigungshäuschen. Da nichts passierte, steuerte ich den Übergang Heinrich-Heine-Straße an. Nach kurzer Zeit öffnete sich die Grenze, die ersten DDR-Bürger wagten sich hinüber. Rechts Fußgänger, glücklich, ungläubig, fassungslos. Links Trabbis, Wartburgs und Barkas. Manche Wagen wurden von Westberlinern in den Westen getragen. Einige Passanten ließen ihren Tränen freien Lauf, andere schrien vor Freude. Die meisten zeigten stille Neugier.
Nach einiger Zeit war der Platz überfüllt, nun machten im Gegenzug die Westler rüber. Auch ich. Die DDR-Grenzer reagierten unterschiedlich: Ein älterer Beamter trank nach kurzer Bedenkzeit einen Schluck Bier aus einer Flasche, die ihm ein Westdeutscher anbot. Einer seiner Kollegen jedoch brüllte mich an, dass das Fotografieren der Grenzsicherungsanlagen der DDR verboten sei. Ängstlich öffnete ich die Rückwand der Kamera, zog den Film heraus und ließ ihn fallen. Der Grenzer blieb unbeeindruckt und rief nach Unterstützung. Da flüchtete ich zurück in den Westen. Kurze Zeit später traf ich auf einen Bekannten, der mit drei Freunden unterwegs war. Zu viert brachen wir zum Übergang Invalidenstraße auf.
Die Lage dort war gespenstisch. Alle Lichter waren aus. Westberliner Polizisten bildeten am Grenztor vor der wartenden Masse eine Kette. Nach einiger Zeit gingen Scheinwerfer an, Motorengeräusch dröhnte durch die Nacht. Das Tor öffnet sich, ein Ikarus-Reisebus zuckelte im Schritttempo in den Westen.
Im nächsten Moment stürmte von dort die gesamte Westseite durch das Tor, ich und meine Begleiter mittendrin. Unser Plan: Wir wollten von Osten zum Brandenburger Tor. Nicht als einzige. In Massen strömten Menschen die Straße unter den Linden hinunter. Es gab keine Absperrung, keine Kontrollen. Auf der Mauer standen Menschen, zogen andere mit den Händen hoch. Erst fotografierte ich von unten, dann erklomm auch ich die Mauer. Plötzlich bildeten DDR-Grenzer am Tor eine Kette. Der Weg zur Mauer war dicht, nur der Rückweg erlaubt. So ging es für mich zum dritten Mal in dieser Nacht gen Osten, vorbei am Palast der Republik zum Alex, zum Übergang Heinrich-Heine-Straße. Die Rückkehr in den Westen gestaltete sich schwierig. Denn die DDR-Grenzer verlangten Einreise-Papiere. Die gab es natürlich nicht. Ein Beamter belehrte mich und meine Begleiter darauf, dass wir uns eines schweren Vergehens schuldig gemacht hätten, ließ uns aber gehen: „In Anbetracht der außergewöhnlichen Ereignisse wird von einer Strafverfolgung abgesehen.“

Ich stamme aus der ehemaligen DDR, im Oktober 1979 siedelte ich mit meinem achtjährigen Sohn nach Hildesheim über. Hier lebte mein Mann, der unsere Ausreise durch Kontakte zur Bundesregierung vorangetrieben hatte - auch mit Hilfe von Herbert Wehner, der damals Minister für gesamtdeutsche Fragen war.
Danach war der Kontakt zu Verwandten und Freunden im Osten nie abgerissen, ab August 1989 ging es in Briefen und Telefonaten offener zu. So erhielten wir seinerzeit Post aus Dresden. Der Absender berichtete, dass die Volkspolizei die vielen Menschen, die den Zug mit den Flüchtlingen aus der Prager Botschaft am Bahndamm begleiteten, nicht angegriffen hatte. Die Leute - darunter jung und alt - hatten große Angst, mit Waffen vertrieben zu werden. Es war unbegreiflich, dass dieser Brief uns erreicht hatte und nicht abgefangen worden war, auch der Absender blieb unbehelligt.
Am ersten Novemberwochenende 1989 rief mich eine Freundin an, die fürs nächste Wochenende eine Fahrt in die Tscheslowakei plante. Von dort wollte sie über die Grenze. „Wir besuchen euch dann in Hildesheim“, kündigte sie an. Doch dann fiel am Donnerstag davor, dem 9. November, die Mauer. So konnte meine Freundin den direkten Weg nach Hildesheim nehmen. Nun war freie Fahrt!
In der Schule, in der ich als Lehrerin arbeitete, hatte man spontan eine Vertretung für mich organisiert - man wusste, dass der Kontakt zu meiner Heimat nie abgerissen war. So war meine Freundin am Freitag, 10. November, der erste Besuch aus dem Osten bei uns nach der Wende. Wir hatten uns an der Tankstelle Hildesheimer Börde verabredet, dort stand auch eine Familie aus der ehemaligen DDR, die Verwandte abholen wollte. Spontan nahmen wir uns in die Arme.
Am ersten Wochenende nach der Wende besuchten uns 14 Bekannte. Viele Tage mit vielen Gästen folgten. Freude, Tränen, Hoffnung, auch Ungewissheit werden mir in ewiger Erinnerung bleiben.
Ein Spaziergang durch Hildesheim durfte nie fehlen. In der Bernwardstraße hatte gerade ein türkisches Lokal geöffnet, der Besitzer betrieb zudem einen Laden für Obst und Gemüse in der Peiner Landstraße/Ecke Altes Dorf, bei dem wir regelmäßig einkauften. Er lud uns alle zu einem Getränk ein und wollte wissen, ob es wahr sei, dass es in dem „anderen Deutschland“ keine Bananen gibt. Als diese Frage mit einem zögernden Ja beantworte wurde, gab er mir den Schlüssel seines Ladens: Wir sollten hingehen, die „anderen Deutschen“ sollten die Bananen und alles nehmen, was sie wollten. Wir waren sehr beeindruckt. Unsere Besucher freuten sich gewaltig, von einigen Gästen erhielt der türkische Gemüsehändler später Dankes-Briefe.
Zu vielen Freunden besteht bis heute Kontakt. Doch leider gibt es Menschen, die vergessen haben, warum sie 1989 auf die Straßen gegangen sind, warum sie mit friedlichen Demonstrationen, Montagsgebeten und Kundgebungen der besonderen Art für Freiheit kämpften. Dieses Wort ist kaum noch zu hören - was ich sehr bedauere.
Wenn man mir 1987, als ich nach dem Studium als Mittzwanziger und Berufsanfänger nach Berlin zog, gesagt hätte, was ich in den kommenden Jahren dort erleben durfte, hätte ich dies kaum geglaubt. Meiner Frau, die ebenfalls aus meiner Heimatstadt Essen kommt und die ein Jahr später nachkam, ging es nicht anders. Die ersten zwei Jahre waren geprägt vom Fahren auf der Transitautobahn, vom Intershop, dem eisernen Vorhang. Berlin war eine Insel.
Ausgerechnet am 9. November 1989 war ich nicht dort, sondern für zwei Tage in Bordeaux. Die wirklich interessante Zeit für uns kam allerdings in den nächsten Wochen und Monate. Unmittelbar nach dem 9. November war es einfacher für DDR-Bürger, nach Westberlin oder in die Bundesrepublik zu reisen als umgekehrt. Denn für die „Wessies“ war immer noch der alte Genehmigungsweg gültig. Aber das erledigte sich schnell. Teils offiziell, teils einfach nur gelebt. Als wir am Silvesterabend 1989 zu Fuß von unserem beschaulichen Stadtteil Kladow über die Grenze wollten, wurden wir von einem Westberliner Polizisten aufgehalten, der den provisorischen neuen Grenzübergang – ein Loch im Drahtgitterzaun – bewachte. Schließlich wurde auch ihm die Unsinnigkeit seiner Anweisung klar, als immer mehr Menschen von der anderen Seite in Richtung Westen kamen.
Die Bilder und Erlebnisse unserer Berliner Zeit bis Ende 1990 werden uns immer in Erinnerung bleiben. Spazieren vor, auf und hinter der Mauer. Als „Mauerspecht“ auf Andenkenfang hinter dem Reichstag und bloß nicht von der Westberliner Polizei erwischen lassen. Später mit dem Fahrrad Ausflüge auf dem ehemaligen Todesstreifen hinter dem „antifaschistischen Schutzwall“. Sehen, wie Menschen mit Begrüßungsgeld in der Hand ungläubig im Supermarkt realisieren, dass es ein Dutzend Sorten von Aluminiumfolie gibt und sich dann für die Marke entscheiden, die sie aus der Werbung im Westfernsehen kannten. Seit 1992 leben wir in Barienrode, wir sind gerne hier. Wenn wir heute ab und zu nach Berlin fahren, erkennen wir die Stadt nicht wieder. Unser Vokabular aus unserer Berliner Zeit hat sich hier schnell angepasst, so sind Schrippen wieder Brötchen. Ein Begriff ist aber geblieben: Noch heute sagen wir, wenn wir unseren Familien in Essen besuchen, „wir fahren mal rüber“. Die Wiedervereinigung ist eine Generationenfrage. Für unsere Eltern, die vor dem Krieg geboren sind, gab es immer nur ein Deutschland. Für uns, die nach dem Mauerbau auf die Welt kamen, war die DDR eine Art deutschsprachiges Ausland wie Österreich. Für unsere Kinder, die in Hildesheim und nach dem Mauerfall geboren wurden, ist es unvorstellbar, dass es einmal zwei Deutschlands gab.
Bedauerlich bleibt, dass man den 3. Oktober zum Nationalfeiertag gemacht hat. Ja, das war das Datum der offiziellen Wiedervereinigung. Aber der Mauerfall am 9. November hätte sich als Gedenktag besser gemacht. Denn an diesem Tag ging wirklich alle Macht vom Volke aus.

Vom 2. bis 5. November 1989 war ich mit den Staatstheaterfreunden Braunschweig in Dresden, es war die Zeit der Demonstrationen. Als wir abends zur Semperoper fuhren, sahen wir die Lichterprozession von weitem, unser Bus wurde umgeleitet. Vor der Vorstellung forderten Künstler in einer Erklärung Reisefreiheit - das beeindruckte uns.
Mit meiner Mutter besuchte ich eine Großtante in der Dresdner Neustadt. Sie erzählte von den Demos am Hauptbahnhof, die sie aus nächster Nähe miterlebt hatte. Wir dachten, dass die alte Frau übertreibt - so etwas war bis dahin ja in der DDR nicht üblich. Die Großtante hatte Angst, dass das Regime zur Gewalt greift. Zu Recht: Erst jetzt, als ich den Bericht über Dresden in der HAZ gelesen habe, weiß ich, was abgelaufen ist.
Am 9. November 1989 berichtete ich bei einem Treffen einer Frauengruppe in der Lamberti-Gemeinde von unserer Dresden-Reise. Dabei erzählte jemand von der berühmten Pressekonferenz mit Günther Schabowski. Wir konnten es nicht glauben: Sollte es jetzt wirklich Reisefreiheit in der DDR geben? Am nächsten Morgen im Umschulungskurs in der Buhmann-Schule erfuhr ich, dass alles wahr war, kein Traum. Ein Mitschüler berichtete, dass sein Cousin aus Ostberlin mitten in der Nacht bei ihm vor der Tür stand, er war gleich nach Schabowskis Erklärung losgefahren.
Am 18. und 19. November hielt ich mich in Braunschweig auf. Der Bahnhof war voll von Besuchern aus dem Osten, an der Straßenbahn fragten sich alle gegenseitig, wo sie herkämen. Fahrkarten wurden nicht gebraucht, die Straßenbahn war rappelvoll, ein Paar unterhielt sich in breitestem Sächsisch. Ich hörte, wie sie zu ihm sagte: „Ich kann es noch nicht glauben, dass wir wirklich in Braunschweig sind.“ Ich war sehr gerührt, meine Familie mütterlicherseits stammt aus dem Osten, aus der Nähe von Leipzig. Meine Großmutter hätte sich sehr gefreut, wenn sie die Grenzöffnung noch erlebt hätte.

Ich bin in Westberlin geboren. 1978 besuchten mich Bekannte aus der Gemeinde Sibbesse, die ich dort in einem Jugendclub kennengelernt hatte – meine Eltern besaßen in der Gegend ein Wochenendhäuschen. Zu dritt erkundeten wir im Osten die Museumsinsel, flanierten über den Alexanderplatz, kehrten zum Hähnchen-Essen ein und betrachteten das Rote Rathaus. Zum Abschluss wollten wir unbedingt zum Brandenburger Tor. Doch wir wurden enttäuscht: Von der östlichen Seite aus konnte man damals noch weniger sehen als vom Westen. Dabei wäre ich so gern einmal unter der Quadriga hindurch gegangen! Wenige Tage später sah ich mit meinen Eltern den Billy-Wilder-Film „1-2-3“. Ununterbrochen fuhr Horst Buchholz in einer schwarzen Limousine durch das Brandenburger Tor. „Ich will auch durchs Tor fahren“, rief ich. „Eher geht ein Kamel durch ein Nadelöhr“, erhielt ich zur Antwort.
Im November 1989 lebte ich mit meiner eigenen Familie in der Gemeinde Sibbesse. Mein Sohn Andi war ein gutes Jahr alt. Wir spielten mit Bausteinen, als ein Satz in den Radionachrichten meine Aufmerksamkeit weckte. „Seit gestern Abend, um 21.30 Uhr, kann die ständige Ausreise über alle Grenzübergangsstellen der DDR zur BRD beziehungsweise zu Berlin-West erfolgen.“
Ich schaltete den Fernseher ein und sah Menschen auf der Berliner Mauer sitzen, stehen und tanzen. Die Kamera fuhr weiter, zeigte eine Lücke in der Betonwand. Schnitt zum Übergang Bornholmer Straße. Trabis auf dem Weg nach Westberlin, hupend. Menschen tanzten auf der Straße, lagen sich in den Armen, weinten, sangen, starrten still vor sich hin. Sektkorken knallten.
Selbst der Journalist sprach mit belegter Stimme. „Die Mauer ist offen.“
Ich hatte nicht bemerkt, dass mir Tränen über die Wangen liefen und ich meinen Sohn viel zu fest an mich drückte. Mein Herz schlug mir bis zum Hals. Ich schluchzte leise.
Später sah ich in Fernsehreportagen Menschen mit Hammer und Meißel kleine Brocken aus der Mauer picken. Ein Bagger riss ein ganzes Element um, um einen neuen Grenzübergang zu schaffen. Die Mauer war gefallen.
Auch wir fuhren an einem Wochenende – in einer unendlichen Kolonne von Fahrzeugen – nach Berlin, Hammer und Meißel im Gepäck. Noch Freitagabend gesellten wir uns in Kreuzberg zu den Mauerspechten und eroberten unsere ganz persönlichen Mauerbrocken. Auch der einjährige Andi klopfte ein paar Betonsplitter ab.
Natürlich fuhren wir auch zum Reichstagsgelände. Zum ersten Mal legte ich meine Hand auf die Steine des Brandenburger Tors, ging darunter, zeigte meinen Ausweis vor, erhielt einen Stempel und schritt, meinen Sohn auf dem Arm, hindurch. Für Autos war das Brandenburger Tor nach wie vor gesperrt, doch plötzlich klang mein Wunsch überhaupt nicht mehr abwegig.
Wieder zu Hause angekommen, hatte ich im Keller Wäsche sortiert und eine Ladung Handtücher in die Maschine gestopft. Während ich die Treppe hinauf stieg, hörte ich seltsame Geräusche aus der Küche. Irgendetwas klopfte laut. Ich trat durch die Türöffnung. Andi dreht sich strahlend zu mir um. Hammer und Meißel in der Hand. Mehrere Löcher in der Küchenwand. „Mauerspecht“, sagte er fröhlich. Ich ließ mir Hammer und Meißel geben und legte sie hoch. „Das ist keine Mauer, das ist eine Wand. Die brauchen wir noch.“ Abwechselnd grinsend und kopfschüttelnd sammelte ich die Putzbrocken auf, wickelte sie in ein Taschentuch ein und legte sie in die Schachtel zu den echten Mauerstücken. Inzwischen bin ich schon mehrmals um das Brandenburger Tor herum gefahren und hindurch gegangen. Die wenigen Tage im Jahr 1990, an denen man mit Autos durch das Tor fahren durfte, habe ich verpasst.
Doch als Fußgängerin schaue ich immer mal wieder vorbei.

Mehrmals im Jahr führt mich meine ehrenamtliche Arbeit im Kolpingwerk in das Kolping-Familienferienzentrum in Duderstadt. Das Haus war 1982 wenige 100 Meter von der innerdeutschen Grenze entfernt errichtet worden. So stand auch vom 10 bis 12. November 1989 ein Bildungswochenende des Kolpingwerkes in Duderstadt in meinem Kalender. Die Grenzöffnung am Vorabend ließ uns mit großer Spannung an die Grenze fahren. Doch wie sehr die Ereignisse unser Wochenendseminar durcheinander bringen würden, hatten wir nicht geahnt.
Die Kleinstadt mit Grenzübergang für den sogenannten kleinen Grenzverkehr war von DDR-Bürgern übervölkert. Wir gingen gleich nach Ankunft zur Grenze. Trabbi reihte sich an Trabbi, eine unendliche Schlange zuckelte in die Stadt.
Der Ort selbst war zugeparkt. Über ihm lag der aus DDR-Besuchen bekannte Geruch von 2-Takt-Motoren. Irgendjemand hatte das Ortsschild „Duderstadt“ mit „Trabbi-Town“ überklebt. Menschen waren mit Kaffee, Tee, Keksen, Schokolade und Bananen an die Grenze gekommen, um die Ostdeutschen zu begrüßen. Die Stimmung war ausgelassen. Leute, die sich bisher nicht kannten, umarmten sich. Plötzlich hielt genau vor mir ein Trabant mit vier jungen Leuten. Ein junger Mann sprang unmittelbar nach Erreichen der Bundesrepublik aus seinem Auto und rannte auf mich zu. „Ich bin im Westen! Ich bin im Westen! Los, kneif mich!“, forderte er mich auf. Nachdem ich entgegnete, ich könne ihm doch nicht weh tun, rief er: „Ich will endlich wissen, ob das alles Wirklichkeit ist oder doch nur ein Traum“. Die Stadt zahlte den DDR-Bürgern ein „Begrüßungsgeld“ von 100 Mark pro Person. Da nicht genug Mitarbeiter zur Verfügung standen, rief der damalige Hauptamtsleiter und heutige Bürgermeister Wolfgang Nolte in unserem Ferienzentrum an. Er sagte, Kolpinger seien seriöse Leute und fragte, ob nicht einige Kursteilnehmer bereit seien, in der Nacht beim Austeilen des Begrüßungsgeldes zu helfen. Wir waren bereit.
Meine „Schicht“ lief von 0 Uhr bis 2 Uhr. Wir begaben uns in die Eichsfeldhalle (Stadthalle). Dort lagen übermüdete DDR-Bürger auf den Fluren und Treppen: Mütter mit kleinen Kindern, Omas und Opas. Wir bekamen in einem Nebenraum gegen Unterschrift ein Bündel mit Einhundertmark-Scheinen im Wert von insgesamt 10?000 D-Mark in die Hand und gingen zu einem Tresen.
Dort händigten wir jedem DDR-Bürger gegen Vorlage des Personalausweises 100 Mark aus. In den Ausweis kam ein Stempel, um Doppelzahlungen zu vermeiden, bei Bedarf holten wir neue Geldschein-Bündel. Dankbarkeit, Freude und ein unbeschreibliches Gemeinschaftsgefühl bestimmten die Atmosphäre.
Ich habe auch nach Rückkehr ins Ferienzentrum kaum geschlafen in dieser Nacht. Es war wohl das ungewöhnlichste Bildungswochenende meines Lebens: Ich habe selten so eindrucksvolle Erfahrungen mit nach Hause genommen.

Mein Mann, unsere Cockerhündin und ich machten uns am Morgen des 12. November 1989 auf den Weg in den Harz, um mit meinem Bruder, meiner Schwägerin und deren Dackelhündin aus Braunlage den Grenzübergang zwischen Stapelburg und Bad Harzburg zu erleben. Doch in Bad Harzburg waren bereits alle Straßen verstopft. Auf unserer Fahrt hatten wir zuvor im Radio gehört, dass um 13 Uhr auch die Grenze in Braunlage geöffnet werden soll. So entschlossen wir uns zur Weiterfahrt in den Oberharz. Bereits von meinem Bruder und seiner Frau erwartet, fuhren wir zunächst zum Rathaus in Braunlage, wo die Herzog-Johann-Albrecht-Straße schon überquoll von Trabbis, Wartburgs und anderen DDR-Fabrikaten, die wir nicht kannten.
Die Begegnungen zwischen Ost und West lösten großen Jubel aus, der mit „Rotkäppchen-Sekt“ von „drüben“ begossen wurde. Gegen 13 Uhr fuhren wir zur Grenze Richtung Elend.Leider passierte dort nicht das, worauf wir so ungeduldig warteten. Die Grenzer auf der West-Seite erzählten, dass sie noch keinen Auftrag hatten, die Grenze zu öffnen. Doch wir freuten uns, dass aus einem Jeep hinter dem Zaun DDR-Grenzer mit einer roten Fahne herüberwinkten – ein ungewohntes Bild.Nun entschlossen wir uns, zur „Fuchsfarm“ zu wandern, um eine Kleinigkeit zu essen. Mit Mühe ergatterten wir einen Platz: Die DDR-Besucher, die über die Harzburger Grenze gefahren waren, hatten bereits viele Stühle belegt. Auch hier waren die Begegnungen voller Freude und Fröhlichkeit. Nach dem Essen wollten wir eigentlich zurück zum Auto, das etwa 100 Meter entfernt stand. Doch mein Mann hatte eine Eingebung, die uns nochmals zurück zum Übergang zog. Zum Glück! Von Weitem hörten wir Rufe und Jubelschreie. Kolonnen von DDR-Bürgern standen am oberen Zaun und warteten darauf, dass die Grenze geöffnet wurde – was auch geschah. Im Nu floss ein Menschenstrom in unsere Richtung über den Grünstreifen. Mein Bruder schaltete sofort und ging auf unsere Grenzer zu, die sich an unserem Zaun zu schaffen machten und fragte, ob auch wir hinübergehen dürfen. „Wenn Sie Ihre Pässe dabei haben, dürfen Sie.“ Natürlich hatten wir, ebenfalls Visa für Besuche im „kleinen Grenzverkehr“. Auf unsere Frage, ob auch die Hunde Tobsi und Peggy uns begleiten dürfen, kam die Antwort: „Heute dürfen alle, auch die Hunde.“ So kam es, dass wir vier mit unseren treuen Begleitern gegen 15 Uhr die Ersten waren, die von Braunlage den Weg nach Elend nahmen. Es war unbeschreiblich, zu Herzen gehend. Weinend fielen wir vielen Menschen, die uns entgegenkamen, in die Arme. Alles, was laufen konnte, war auf den Beinen: Jugendliche, Familien mit Kleinkindern und Alte, die Mühe hatten, die sechs Kilometer von Elend bis Braunlage zu meistern. Wir spazierten frohen Mutes bei herrlichem Wetter in die entgegengesetzte Richtung, passierten einen weiteren Zaun mit zahlreichen Stacheldrähten und sprachlosen Grenzern.
Als wir endlich in Elend eintrafen, begrüßte uns der Vollmond über der kleinsten Holzkirche Deutschlands. Die erste Gaststätte, die wir aufsuchten, das FDGB-Ferienheim „Donbass“, bot kaum noch einen Stehplatz. Das Bier war bereits ausverkauft, aber ein Schnäpschen zum Anstoßen auf diesen Freudentag war noch zu haben.Nach einiger Zeit wanderten wir überglücklich in dieser herrlichen Vollmondnacht den langen Weg zurück nach Braunlage und begegneten all denen, die wir auf dem Hinweg gesehen hatten – nun aber bepackt mit Einkaufstüten. Wie staunten wir, als wir an unserem Ausgangspunkt ankamen: Auf dem Grünstreifen war bereits zwischen den Kontrollstellen ein breiter Weg angelegt, zwischen Grenze und der Ortsmitte von Braunlage pendelte ein Bus.Am Haus meines Bruders erlebten wir eine weitere Überraschung. Ungeduldig warteten unsere Cousine und deren Mann auf uns. Sie hatten sich aus Silstedt/Wernigerode zu uns in den Westen auf den Weg gemacht. So wurde der Ausflug mit einem fröhlichen Beisammensein abgerundet. Es war ein wunderbarer Tag mit bleibenden Erinnerungen. Ich werde ihn niemals vergessen.
Im Gedächtnis bleibt auch das, was wir ein paar Tage später mit einem befreundeten Ehepaar aus Grasleben auf einer Wanderung von Grasleben nach Weferlingen durch das frisch geöffnete Grenzgebiet erlebten. Auch hier begleitete uns der Sonnenschein. Und von einem Balkon in Weferlingen erklang „So ein Tag, so wunderschön wie heute“ ...

Obwohl in Hildesheim geboren und aufgewachsen, war ich schon am Abend des 9. November 1989 ein „Wossi“. Meine Geschichte dazu beginnt 1986.
Während der 80er Jahre studierte ich an der Technischen Universität im damaligen West-Berlin, als ich mich mit einem Freund eines Sonnabends darauf einigte, zur Abwechslung einmal die Ost-Berliner Abendkultur kennen zu lernen. Nachdem wir die Touristenecken am Alexanderplatz gelangweilt abgegrast hatten, setzten wir uns nach dem Zufallsprinzip in eine U-Bahn und stiegen irgendwo wieder aus, um möglichst mit Einheimischen den Abend zu verbringen. Wie es das Schicksal wollte, lernte ich dabei an jenem Tag meine heutige Frau kennen, eine Mecklenburgerin, die ebenfalls zur Ausbildung nach Ost-Berlin gezogen war. Später besuchte ich sie gelegentlich, dann immer öfter, bis ich schließlich meine ganze Freizeit im Osten verbrachte und mit meinem studentischen Taschengeld durch den Zwangsumtausch von 25 D-Mark pro Tag zu einer wichtigen Devisenquelle der DDR-Staatsbank wurde.
Mittlerweile wusste ich, dass mich die U-Bahn an dem Abend nach Pankow verschlagen hatte - mein ganz persönlicher Sonderzug. Der Weg führte mich immer über den später so legendären Grenzübergang Bornholmer Straße. Als wir 1987 in Pankow heirateten und meine Frau auf dem Wege der „Familienzusammenführung“ zu mir nach Schöneberg in West-Berlin ausreisen durfte, hatte ich im Osten genauso viele Verwandte, Freunde und Bekannte wie im Westen. Und ich wusste, was ein Broiler ist.
Am Abend des 9. November saß ich am Schreibtisch an meiner Diplom-Arbeit und beschloss um 23 Uhr, die ARD-Tagesthemen anzuschalten. Seit dem Sommer hatten wir keine einzige Nachrichtensendung verpasst, es gab ja ständig wichtige Informationen aus dem Osten. Um Helmut Kohl zu zitieren, war in dieser Zeit jeder Tag ein historischer Tag. So habe ich es auch erlebt.
Ich erinnere mich genau an diese besonderen Tagesthemen, wegen der berühmten Pressekonferenz mit Günter Schabowski, die zur Öffnung der Mauer führte. Denn ich fragte mich damals vor dem Bildschirm, wie denn seine Worte zur Reisefreiheit zu interpretieren wären. Die Sendung schloss mit einem Livebericht vom Grenzübergang Invalidenstraße. Dort gab es eine große Menschenansammlung, aber keine besonderen Vorkommnisse. Denn: Das Fernsehteam war am falschen Übergang! „Meine“ Bornholmer Straße wurde gerade in diesem Augenblick geöffnet, doch ich ging nichts ahnend ins Bett. Aber dort blieb ich nicht lange. Dann weckte erst das Telefon meine Frau und sie dann mich: Ihre Schwester Silke teilte uns mit, sie sei gerade über die Grenze, habe sich von einem West-Berliner 20 Pfennig für die Telefonzelle besorgt, wir sollten uns das unbedingt anschauen. Meine Frau musste um 6 Uhr arbeiten und legte sich wieder hin, aber mir als Student war der Folgetag in dieser Situation egal. Ich stürzte hoch und in Richtung Bornholmer Straße, unwissend und ungläubig, was mich erwarten würde.
Das Kamerateam war wohl inzwischen auch dorthin gewechselt - und es war wirklich genau so wie es die weltbekannten Fernsehbilder gezeigt haben: Ein endloser Überschwang der Freude, gepaart mit etwas Angst. Wildfremde Menschen lagen sich in den Armen, alle jubelten und feierten. Freudige Menschen strömten aus dem Osten nach Westen, und einer, nämlich ich, in die umgekehrte Richtung. Meine Schwägerin Silke traf ich in dem Trubel nicht mehr, so beschloss ich, meine andere Schwägerin Kerstin zu wecken. Sie wohnte einige Gehminuten hinter dem Übergang in Pankow. An der Grenze traf ich die vollkommen konsternierte Grenzer, die mich über Jahre hinweg gepiesackt hatten. Einige lächelten mich sogar freundlich an, keiner wollte meinen Ausweis sehen oder mir ein Visa erteilen. Die Kasse war geschlossen. In dieser Nacht war der Eintritt nach Ost-Berlin frei. Ich nutzte die chaotische Situation und ging einfach rüber, als wenn das selbstverständlich gewesen wäre.
Bei aller Freude kann ich mich an die unterschwellige Angst erinnern, als ich durch das nächtliche Pankow spazierte. Was wäre, wenn die DDR-Führung umschwenken und die Sicherheitskräfte in Marsch setzen würde? Für diese Linie war der Staat seit 40 Jahren bekannt.
Doch egal, diesen Abend wollte ich mir nicht vermiesen lassen. Ich weckte meine erstaunte Schwägerin, die meine Berichte nicht glauben konnte. Anfangs war sie skeptisch, meiner Idee zu folgen, mich nach Hause zu begleiten, um uns endlich zu besuchen. Aber ich konnte sie überzeugen, diese historische Chance zu nutzen. Und zwar schnell, bevor die Grenze wieder dicht gemacht würde, alles andere fände sich schon später. So dachten wir in dem Augenblick. Zu Hause fielen sich die Schwestern in die Arme.
Schon damals war mir klar, dass die nächsten Tage in Berlin nichts mehr gehen würde, außer zu feiern. Allerdings nur, wenn das Politbüro nicht doch noch die Nerven verliere. Meine Sorge war unbegründet, Gorbatschow sei Dank.
Wir erlebten das aufregende verlängerte Wochenende gemeinsam mit tausenden Ossis und Wessis und waren glücklich, zu dieser Zeit in Berlin sein. Viele unserer Freunde kamen und ließen sich von uns „den Westen“ zeigen. Schon am nächsten Abend war unsere Wohnung so voll, dass wir zu fünft in unserem Ehebett übernachteten. Diese Tage werden mir für immer in Erinnerung bleiben.

„Zurück!“ Brüllte der DDR-Grenzschützer aus seinem Wachhäuschen der Grenzanlage in Marienborn. Ich war einen Meter zu weit gefahren, weil ich annahm, einer der anderen Grenzer, die am Straßenrand klönten, werde uns diesmal den Stempel in die Pässe drücken. Ich fuhr zurück und sagte zu dem aufgeregten Polizisten: “ Sie haben wohl noch nicht gemerkt, dass Honecker und Komplizen seit vorgestern die DDR nicht mehr schikanieren. Solche Töne sind wir im Westen nicht gewöhnt!“ Wir bekamen unsere Stempel trotzdem, und als wir an den anderen Grenzern vorbeifuhren, feixten sie so, als freuten sie sich, dass ihr „Genosse“ mal eine Antwort bekommen hatte.
Es war der 11. November 1989. Meine Frau und ich waren auf dem Wege von Hildesheim nach Berlin zu einer Ausstellung polnischer naiver Holzschnitzer in der „Kommunalen Galerie“ in Berlin-Wilmersdorf.
Aber unterwegs konnten wir an unser eigentliches Ziel gar nicht denken: In beiden Autobahnrichtungen winkten die Beifahrer mit Tüchern aus Seitenfenstern oder Schiebedächern, und die Fahrer jubelten mit Hupkonzerten, dass über 40 Jahre deutsche Teilung wohl ihrem Ende entgegengingen. So dauerte unsere Reise länger als erwartet. Aber in Westberlin wurde der Verkehr noch viel stärker; und man konnte an den Trabis, Wartburgs und Skodas erkennen, wie viele Leute aus der DDR erst einmal das andere Berlin sehen wollten, ehe vielleicht die Reise- oder Besuchserleichterungen wieder aufgehoben wurden. Man wusste ja nicht, ob sich Schabowski mit seiner Politik durchsetzen würde, oder Modrow oder Krentz. Es dauerte eine Ewigkeit, bis wir einen Parkplatz gefunden hatten. Nach einer kurzen Verschnaufpause in unserer Pension hielt es uns aber nicht länger; wir musste auf die Straße und uns mitfreuen mit den Menschen, die zum ersten Male im Zentrum Westberlins über den Ku-Damm - ja nicht bummelten, sondern sich drängelten und immer wieder ihrer Begeisterung Luft machten über die Auslagen in den Geschäften, über die schön aufgebauten Häuser, darüber, dass sie überhaupt im „Westen“ waren.
Der 11. November war ein Sonnabend, viele Geschäfte hatten noch geöffnet. Und es gab manch sehnsüchtigen Blick auf Dinge, von denen man zuhause träumte, für die man aber nicht die nötige D-Mark besaß. Doch sahen wir immer wieder „Wessies“, die mit den ostdeutschen Besuchern nicht nur über die neue politische Situation diskutierten, sondern ihnen manchen grünen oder braunen Geldschein zusteckten, damit sie sich in ihrer neuen Heimat finanziell ein wenig rühren konnten. Wir glaubten, ganz Ostberlin wäre hier versammelt; und so waren endlich die Hauptstadt der DDR und die „selbstständige politische Einheit Westberlin“ quasi vereinigt zur Stadt Berlin, der heutigen Hauptstadt der Bundesrepublik Deutschland.
Am nächsten Morgen waren schon wieder Mengen von DDR-Bürgern in Westberlin; aber doch konnten meine Frau und ich rechtzeitig zur Eröffnung der Ausstellung „Naive Polnische Kunst“ im Kunstamt Berlin-Wilmersdorf die Organisatorin der Ausstellung Gretel Bouchette und Jadwiga Prasolik aus Warschau begrüßen.

Im November 1989 lebten wir in Toulouse in Frankreich. Am Tag, als die Mauer fiel, befand sich mein Mann auf Dienstreise. Ich war allein zu Hause und ahnte noch nicht, wie geschichtsträchtig dieser Abend werden sollte.
Ich hatte wie immer die Nachrichten im deutschen Fernsehen gesehen und dabei von einem neuen Reisegesetz gehört, das jedem DDR-Bürger mit einem Visum die Ausreise gestatten sollte. Doch von der Öffnung der Mauer oder Ähnlichem war nicht die Rede gewesen. Später dann, es muss nach 21 Uhr gewesen sein, klingelte das Telefon. In der Annahme, es sei mein Mann, nahm ich ab, konnte aber gerade noch ein kurzes Hallo über die Lippen bringen, als ich die sehr aufgeregte Stimme meiner Nachbarin Nadine vernahm. Immer wieder sprach sie von einer gefallenen Mauer und riet mir, sofort das französische Fernsehen einzuschalten. Was ich dort sah, war einfach überwältigend: Menschen tanzten auf der Mauer, Frauen und Männer lagen sich in den Armen, Jugendliche und Kinder, lachend und weinend, singend und aufgeregt erzählend. Es war so bewegend, mir liefen die Tränen nur so die Wangen herunter.

Meinen Mann konnte ich nicht erreichen, meine Mutter in Hildesheim schon: Sie hatte die Neuigkeit noch nicht gehört, machte den Fernseher an - und konnte nicht begreifen, was sie da sah, knapp sechs Monate nach dem Tod meines Vaters. Er hatte uns Kindern immer von den schönsten Stränden der Ostsee, den Inseln Rügen, Hiddensee und Usedom erzählt. Nun hätte er sie uns zeigen können.
In dieser Nacht stand mein Telefon nicht mehr still, viele wollte mir erzählen, welches historische Ereignis in Deutschland stattfand - nur mein Mann kam nicht durch! Erst weit nach Mitternacht gelang es ihm, nicht ahnend, dass ich dank unserer französischen Nachbarn bereits Bescheid wusste. Die nächsten Tage sahen wir ständig ARD und ZDF. Wir wollten, obwohl weit weg, am Geschehen teilhaben. Die Bilder der langen Autoschlangen, dieser bewegten Menschen, ihre lachenden Gesichter, ihre Freude, wirklich frei zu sein, zu spüren, dass sie kaum glauben konnten, was geschah, dass sie zu uns reisen durften, in den goldenen Westen - diese Bilder werden für mich auf immer mit dem Mauerfall verbunden sein. Mehr als alles politische Geschehen, was folgte.

Acht Tage waren seit dem Mauer-Fall vergangen, als ich am frühen Morgen des 18. November 1989 voller Ungeduld zu meinem Heimatort Lindewerra im thüringischen Eichsfeld aufbrach. 30 Jahre lang war mir der Zutritt verwehrt gewesen - auch im grenznahen Verkehr durfte ich die Stätte meiner Kinder- und Jugendzeit nicht betreten, weil sie in der “500-Meter-Grenzsperrzone“ lag, streng militärisch bewacht, mit Schikanen für die Bewohner, selbst für Bürger aus der DDR nur mit besonderem Passierschein zu erreichen. In schlechter Erinnerung war mir noch immer die unmenschliche Aktion „Ungeziefer“, bei der zwischen 1952 und 1961 alteingesessene Familien aus dem Grenzgebiet brutal ins Innere der DDR evakuiert wurden, weil sie die Stasi für unzuverlässig hielt.
Weil die direkte Zufahrt nach Lindewerra durch das Werratal von Bad Sooden-Allendorf aus noch nicht möglich war, musste ich den Grenzübergang von Neueichenberg in Hessen nach Hohengandern in Thüringen benutzen. In meinem Vaterhaus angekommen, saßen dort schon zu meiner Überraschung die ersten Tagesbesucher aus Hessen bei den Bewohnern am Kaffeetisch: Um sechs Uhr war zwischen Bad Sooden-Allendorf und dem thüringischen Wahlhausen, einem Nachbarort von Lindewerra, ein Fußgänger-Grenzdurchlass eröffnet worden. Eine schnell zusammengetrommelte Blaskapelle aus dem Eichsfeld und das Jagdhornbläserkorps von Bad Sooden-Allendorf umrahmten die historische Stunde, in der sich die Bürgermeister beider Grenzgemeinden die Hand reichten. Beim „Ich bete an die Macht der Liebe“ lagen sich alle Frühaufsteher weinend in den Armen.
Wir haben dann gemeinsam die hessischen Besucher wieder über die Grenze in ihren Wohnort zurückgebracht, so konnte ich nach 40 Jahren meinen alten Schulweg von Lindewerra ins 7,5 Kilometer entfernte Bad Sooden-Allendorf zurücklegen - überglücklich! Die Straße glich einer Ameisenstraße, auf hessischer Seite standen DRK- und andere Stände mit Begrüßungsgetränken, von der Eschweger Klosterbrauerei gab's für DDR-Bürger kostenlos Bier im Sechserpack. Beim Passieren der Grenze wurde ich Zeuge der militärisch exakten Begrüßung des gerade per Hubschrauber aus Kassel gelandeten Kommandeurs des Bundesgrenzschutzkommandos Mitte durch den Abschnittskommandeur der NVA-Grenzkompanie - vor zehn Tagen noch unvorstellbar! Am Marktbrunnen in Bad Sooden-Allendorf trafen wir die Bläser wieder; alle Aktiven hatten eine Rosette (den Kokarden der französischen Revolution von 1789 nachgebildet) bekommen, handgroß in schwarz-rot-goldener Seide mit entsprechenden Schleifen und der Inschrift auf einer weißen Kunststoffscheibe mit einer Skizze der durchbrochenen Mauer: „Zur Erinnerung an den Tag der Freiheit - 9. November 1989!“
Der Busfahrer des „VEB-Kraftverkehr“ Heiligenstadt im Eichsfeld ließ den Fahrplan Fahrplan sein, auf eigene Faust fuhr er im Pendelverkehr zwischen Lindewerra und Wahlhausen für die Grenzgänger von und nach Sooden-Allendorf. Fast jedes Haus in Lindewerra hatte Besuch aus dem Westen, in dem bis dato so toten letzten Dorf vor der Grenze herrschte ein Leben und Treiben wie seit 40 Jahren nicht mehr. In der einzigen Gaststätte des Ortes war Riesenstimmung, sie befand sich fest in der Hand der Grenzgänger aus dem hessischen Nachbarkreis. Die ersten zwei Stunden am Morgen gab's Freibier, anschließend ist so manch' harte D-Mark in die Privattaschen des Konsum-Wirtsehepaars gewandert… Am Nachmittag besuchte ich die Burgruine Hanstein in den Werrabergen im Nachbarort Rimbach-Bornhagen, ebenfalls bis vor kurzem unzugängliche 500-Meter-Grenzsperrzone und zudem Stütz- und Beobachtungspunkt der Grenztruppen.
Zurück in meinem Heimatdorf schaute ich bei zwei früheren Schulkameraden vorbei, auch hier gab es eine riesige Wiedersehensfreude. Der eine schlachtete gerade zufällig das Familienschwein - so gut hat's mir noch nie geschmeckt! Die Erinnerung an die Erlebnisse im November 1989 wird, trotz aller folgenden Ernüchterung - in mir bis zu meinem letzten Atemzug leuchten!
Wie haben Sie den Mauerfall erlebt? Erzählen Sie uns Ihre Geschichte, die Redaktion ist per Mail unter br@hildesheimer-allgemeine.de und per Post an die HAZ, Rathausstraße 18-20, 31134 Hildesheim, Stichwort „Mauerfall“, zu erreichen.

Als 18-Jährige lebte ich im November 1989 in einer Kleinstadt im thüringischen Eichsfeld, zehn Kilometer von der innerdeutschen Grenze entfernt. Gemeinsam mit meinem Vater, der sich im „Demokratischen Aufbruch“ engagierte, bereitete ich mit Mitgliedern der katholischen Pfarrgemeinde in Worbis Friedensgebete und Demonstrationen vor. Unter anderem malten wir Plakate für die Montags-Demo, die von der mittelalterlichen Klosterkirche am Stadtrand vorbei an den Gebäuden der SED-Kreisleitung und der Staatssicherheit zur Stadtkirche im Ortszentrum führte. Kerzen, als Zeichen der Solidarität mit den Demonstranten, brannten Montagabends in fast allen Fenstern der Stadt.
Besonders beeindruckten mich die persönlichen Zeugnisse von Menschen, die während der Friedensgebete öffentlich von persönlichen Repressalien berichteten, wie berufliche Benachteiligung und Bespitzelung. An diesen Abenden war der Drang der vielen hundert Menschen nach Freiheit und ihre Hoffnung auf eine Verbesserung der gesellschaftlichen Situation fast mit den Händen zu greifen. Trotz Angst vor der potentiellen Gefahr, die von dem Überwachungsstaat DDR ausging, wagten sie den inneren und äußeren Aufbruch. Als gläubige Christin erinnern mich die Erlebnisse vom Herbst 1989 an den Aufbruch des Volkes Israel aus der Knechtschaft in Ägypten, wie es das Alte Testament berichtet. So wurde der 9. November 1989 zu meiner persönlichen Exodus-Erfahrung.

In den Abendnachrichten erfuhren wir von der Öffnung der Grenzen. Noch heute bin ich tief bewegt, wenn ich an diesen zunächst unfassbaren Moment denke.
Erst als ich am nächsten Morgen die etwa 300 Menschen, die ein Visum für die Ausreise beantragen wollten, vor der Polizeiinspektion in Worbis sah, wurde mir bewusst, dass der Traum Wirklichkeit geworden war.
An diesem Tag fuhr ich per Bahn zur Berufsschule nach Gotha. Überall begegneten mir Menschen, die freudestrahlend berichteten: „Die Grenze ist offen!“ Der Gothaer Bahnhof war überfüllt von Reisenden, die per Zug in den Westen wollten. Es herrschte Feierstimmung. Als ich am Abend nach Worbis zurückkehrte, stauten sich Trabis vom Grenzübergang Duderstadt-Worbis kommend 40 Kilometer in Richtung Nordhausen zurück. Wir versorgten die Wartenden in den Autos mit Getränken. Noch einige Wochen lang schob sich die Trabi-Karawane durch unseren Ort.
Ich selber fuhr am 11. November mit einem Bus innerhalb des kleinen Grenzverkehrs erstmals in den Westen, die Busse wurden von Fahrzeugen der DDR-Volkspolizei am Stau entlang eskortiert. Duderstadts Ortseingangsschild war überklebt mit einem Plakat, welches uns mit „Welcome in Trabi-Town“ begrüßte. Wenn ich heute mit meinen Kindern zu den Großeltern nach Worbis fahre und dabei den ehemaligen innerdeutschen Grenzübergang passiere, wollen meine Söhne von meinen Erfahrungen vom Herbst '89 hören. So wird für sie heute, 20 Jahre nach dem Mauerfall, innerdeutsche Geschichte lebendig.

Die Südharzberge leuchten im Sonnenlicht, als ich mich von Ellrich aus dem Gebirge nähere. Es ist der 19. November 1989, ich will den Brocken hinauf. Über Straßen, die 37 Jahre für fremde Besucher nicht existierten. Vorbei geht's an Schlagbäumen und leeren Kontrollgebäuden. Vor zehn Tagen noch wurde hier überall unbefugten Passanten die Einfahrt verwehrt.
Von Sorge nach Elend führt die Fahrt am Metallgitterzaun der Grenzbefestigungen entlang. In allen Orten reiht sich eine Stoßstange an die andere, die Halter sind zu Ausflügen in den Westen aufgebrochen. In Schierke finde ich nur mit Mühe einen Parkplatz, dann schließe ich mit dem Strom der Wanderer an.
Die Wegemarkierung weist auf den Benneckenberg und die Brockenstraße hin, etwas höher steht „Eckerloch“ auf einem Schild. Ich überquere die Trasse der stillgelegten Brockenbahn, betrachte die verrosteten Gleise.
Parallel zu ihnen geht es zum Eckerloch. Dort wechseln moorige Abschnitte mit felsigem Untergrund, über Granitblöcke windet sich der Weg vorbei an Fundamenten ehemaliger Schutzhäuser zur Brockenstraße.
Doch oberhalb der Heinrichshöhe scheint die Wanderung zu Ende.
Unübersehbar weisen alte und neue Schilder darauf hin, dass das Sperrgebiet des Gipfels beginnt. „Unbefugte“ dürfe es weder betreten noch befahren, nicht einmal „bildlich darstellen“.
Zwei Grenzsoldaten, barhäuptig und ohne die sonst übliche Kalaschnikow, diskutieren mit Wanderern über die Chancen einer Öffnung des Gipfels. Er liegt 500 Meter entfernt, von dort grüßen ein Fernseh-Antennenturm und das Dach eines undefinierbaren Gebäudes.
Allen Besuchern steht die Enttäuschung, bereits hier umkehren zu müssen, ins Gesicht geschrieben. Doch führt nicht auf der anderen Seite ein Trampelpfad ins Moor? Zusammen mit einer Familie aus Thale folge ich ihm, bis wir erneut vor Sperrschildern stehen, dahinter verläuft die Trasse der Brockenbahn. Nachdenklich schaue ich den Schienen nach. Kann es so schlimm sein, ein Stück weiterzugehen, auch wenn ich mich dabei laufend etwa drei Meter weit im Sperrgürtel befinde?
Zaghaft, dann entschlossen, balanciere ich von Schwelle zu Schwelle.
Gespannt, was mich hinter der nächsten Kurve erwartet. Ein Mann und ein Junge kommen mir entgegen, sie berichten von zwei Grenzposten in zwei Kilometern, wo die Mauer um den Westteil des Gipfels beginnt: Sie seien 100 Meter vorher umgekehrt, erfahre ich. Ebenfalls halb zur Umkehr entschlossen, siegt in mir die Neugier auf „noch mehr Brocken“, ich fühle eine Art Erstbesteigungseuphorie. Also stolpere ich weiter.
Vom Gipfel ist das Dröhnen von Aggregaten zu hören. Doch noch versperren Krüppelfichten den Blick ganz nach oben. Ein Blick auf die Harzklubkarte von 1930 bestätigt meine Vermutung: Ich befinde mich in der letzten großen Ostschleife der Brockenbahn, kurz vor dem Schwenk auf das Gipfelplateau.
Im nächsten Augenblick tauchen linkerhand riesengroß die massigen Gebäude der sowjetischen Radaranlage auf. Zum Greifen nahe, kaum 150 Meter entfernt. In einer Schneise mache ich auf dem Gipfel einen Beobachtungsturm der Grenztruppen aus, er scheint besetzt. Ich verzichte deshalb zunächst auf ein Foto. Das Herz schlägt mir bis zum Hals, als ich weiterpirsche, auf die Umschließungsmauer zu, 60 Meter vor mir. Weit und breit ist kein Posten zu entdecken, auch nicht an dem großen Eisengittertor am Beginn der Mauer.
Aber die Verbotsschilder stehen nun nicht nur parallel, sondern auch quer zur Bahnlinie. Jetzt wird es mir zu gefährlich. Der Verstand meldet sich - auch angesichts der letzten Sonnenstrahlen. Spätestens in einer Stunde ist es dunkel, ich muss noch nach Schierke zurück, zum Teil über halsbrecherisches Gelände. Ein letzter Blick hinauf, ich schieße ein Foto von einer Stelle, an der ich vom Wachtturm nicht gesehen werden kann. Und ab geht es zurück. Erst als ich anderthalb Stunden später an meinem Auto stehe, ist die fiebrige Erregung verflogen.

1989 war ich Student in Berlin. Am Abend des 9. November hatte ich in meiner Wohnung in Neukölln den Fernseher angemacht, um Nachrichten zu sehen. Dort kam dann auch die Pressekonferenz, in der dieser merkwürdige Satz von Günter Schabowski aus dem Politbüro fiel. Ich dachte mir, was meint er damit, Ausreisemöglichkeiten für DDR-Bürger ab sofort? Sicherlich würde es ab sofort die Gelegenheit geben, Anträge auszufüllen und Visa zu bekommen, mehr konnte es ja wohl nicht bedeuten. Ich schaltete den Fernseher ab und schlief ein ...
Am nächsten Tag traf ich überall auf Menschenmengen, insbesondere auf den U-Bahnhöfen, am U-Bahnhof Kottbusser Tor war ein einziges Chaos. Die Mauer war auf. Ein älterer Mann sprach mich vor Freude an und sagte mir, dass er das letzte Mal vor 40 Jahren hier gewesen sei, unglaublich. Ich fuhr zur Uni, aber da war kaum jemand, viele waren am Brandenburger Tor oder im Ostteil der Stadt oder waren noch außer Gefecht wegen der Feierei am Abend zuvor, den ich verschlafen hatte.

Auch ich habe dann Uni Uni sein lassen und bin zum Rathaus Schöneberg, wo Willi Brandt, Richard von Weizsäcker, Kohl, Momper und andere sprachen: Es sollte zusammenwachsen, was zusammengehörte. Es war saukalt. Danach ging es zum Brandenburger Tor. Dort standen Soldaten der DDR-Grenzarmee auf Stahlbetonplatten, die auf der Ostseite als Schutz gegen Panzer aus dem Westen gestapelt worden waren, wodurch oben ein etwa 1,50 Meter breites Plateau entstand. Ich fragte mich, was würde passieren? Würden Waffen eingesetzt? Ein, zwei Tage später bin ich mit Freunden wieder zum Brandenburger Tor, diesmal stand eine große Menschenmenge darauf. Jemand half mir heraufzukommen, es war unglaublich. Wir standen vielleicht mit 100 oder 200 Leuten oben auf dem Stahlbetonplateau, unten die DDR-Grenztruppen in Reih und Glied aufgestellt, daneben drei oder vier Lastwagen. Ich glaube, wir hatten alle ein mulmiges Gefühl. Doch auf einmal hatte ich den Eindruck, dass es ganz still würde, wie eine Glasglocke, die sich über mich stülpt, und ich fragte mich, wie ich mich wohl verhalten hätte, wäre ich in der DDR und nicht in Westdeutschland aufgewachsen. Hätte ich die Kraft und den Mut gehabt, den Mund aufzumachen? Hätte ich die Kraft gehabt, mich denunzieren zu lassen, mich ignorieren, isolieren und überwachen zu lassen? Hätte ich die Kraft gehabt, in dieser piefigen Enge mit Mauern im Kopf zu existieren, wo nur die „Gemeinschaft“, das so genannte Kollektiv, zählt, nicht aber der Einzelne? Ich hoffte es. Die Glasglocke verschwand, der Rest des Tages ging unter in freudigem Taumel, vermischt mit einem leichten Hauch von Unbehagen.

Im Juni 1989 war die Cousine meines Mannes, die in Berlin wohnt, in Hildesheim zu Besuch. „Besucht mich doch auch einmal“, bat sie. Wir waren eine Gruppe Frauen, die sich regelmäßig trafen. Da diese Treffen immer zu Hause stattfanden, nannten wir uns „Puschenclub“.
Das wäre ja eine tolle Idee, mit dem Club mal nach Berlin zu fahren, überlegten wir uns. Nur, unter fünf Frauen einen gemeinsamen Termin zu finden, das war sehr schwer. Wir holten unsere Kalender hervor und fanden tatsächlich einen Termin, an dem wir alle Zeit hatten. Es war ausgerechnet der 8. November - was an diesem Tag passieren sollte, ahnten wir natürlich nicht.
In der Zwischenzeit bis zu unserer Reise spitzten sich die Dinge in der DDR dermaßen zu, dass wir uns schon überlegten, ob wir überhaupt fahren sollten. Mein Mann überzeugte uns, dass die Ereignisse in Berlin weltgeschichtliche Bedeutung erlangen könnten: „Ihr müsst einfach fahren!“
So fuhren wir. Aufgeregt kamen wir an, dann überstürzten sich die Ereignisse. Am Morgen fuhren wir schon ganz früh zum Checkpoint Charlie, um zu sehen, ob es auch tatsächlich stimmte, was wir über die Medien erfuhren. Wir trauten unseren Augen nicht!

Die Grenze war offen, eine Schlange von Trabis kam uns entgegen. Die Menschen standen in ihren Autos und weinten. Wir konnten es einfach nicht glauben, auch uns standen die Tränen in den Augen. Plötzlich hielt ein Trabi vor uns. Der Fahrer stieg aus seinem Auto, ging zum Kofferraum und holte eine Trompete hervor. Er begann zu spielen: „So ein Tag, so wunderschön wie heute…“
Es war Gänsehaut pur. Wir ließen den Tränen freien Lauf. Wir jubelten den Menschen und diesem Spieler zu und werden diesen Augenblick nie im Leben vergessen. Noch heute habe ich diesen ergreifenden, herzzerreißenden Trompetenklang in meinen Ohren. Ich bin glücklich, dass ich dieses historische Ereignis hautnah miterleben durfte.

Wir sind 1974 nach Helmstedt gezogen und wohnten im Ostteil der Stadt.
Von unserem Balkon aus konnten wir in etwa 500 Metern Entfernung die Bundesstraße 1 sehen. Dahinter war der Zaun. Auf der alten B 1, die heute nach Morsleben führt, hat unsere Tochter das Radfahren gelernt. Es war eine Sackgasse. Sie endete am Zaun. Im Niemandsland lag ein ausgebrannter Omnibus. Von dort aus konnte man auch die Grenzabfertigungsanlage in Marienborn sehen.
Am 9. November, einem Donnerstag, lag ich auf dem Sofa und war krankgeschrieben. Ich habe die Reden auf dem Alexanderplatz im Fernsehen verfolgt. Abends kam die Pressekonferenz mit Schabowski. Am Freitag hatte ich gegen Mittag noch eine Abschlussuntersuchung im Krankenhaus.
Die Stadt war voll mit Trabis. In der Stadt schoben sich die Menschen.
Gegen Abend sind wir zu Fuß zum Grenzübergang gegangen. Wir waren überrascht, dass die DDR-Bewohner keine Karten für Westdeutschland hatten. Mitarbeiter der Stadtverwaltung haben an der Grenze für den groben Überblick kopierte Karten verteilt. Am Sonnabendvormittag fuhren wir wie immer früh zum Wochenmarkt in die Stadt. Wieder kaum ein Parkplatz. Am Rathaus stand eine Riesenmenschenschlange um das Begrüßungsgeld abzuholen. Alle schwiegen. Es war bedrückend. Auf dem Markt wurde bis zum Abend Obst verkauft. Die ersten fliegenden Händler waren da, die den armen Ossis billige Unterwäsche andrehen wollten. Uns ging das Messer in der Tasche auf.
Am Sonnabendabend sind wir wieder zu Fuß in die Stadt gegangen. Alle Geschäfte waren noch geöffnet. Beim Geld herrschte Kreisverkehr. Die Hunderter kamen vom Rathaus in die Geschäfte und wurden auf dem kleinen Dienstweg von Rathausmitarbeitern gegen Quittung wieder abgeholt. Die NordLB hat am Sonntag mit einem Hubschrauber Geldkoffer von Braunschweig nach Helmstedt fliegen lassen.
Sonnabendabend haben viele Helmstedter spontan DDR-Bürger mit zu sich nach Haus genommen. Wir hatten auch zwei Ehepaare kennen gelernt und zu uns eingeladen. Natürlich sollten wir auch zu einem Gegenbesuch kommen.
Wir waren nur einmal in der Nähe von Halberstadt in einem Dorf. Einer der Männer muss ein Stasi-Mitarbeiter gewesen sein. Die Wohnungseinrichtung war nicht DDR-Standard. Zu weiteren Besuchen kam es nicht.
Am Sonntag waren das Rathaus, der Markt und die Geschäfte wieder offen.
Über Nacht wurden mit Lastwagen Ware angeliefert und die Läden wieder gefüllt. Es wurde die freie Marktwirtschaft vorgeführt. Der Kapitalismus hatte den Sozialismus besiegt.
Am Montag hörte ich in der Bank Leute die fragten: „Waren eure Verwandten auch schon da?“ Nur Pakete schicken war einfach, doch plötzlich stand die liebe Verwandtschaft ständig am Wochenende vor der Tür. Das war dann der „kleine Grenzverkehr“ in der Praxis. Heute schrumpft Helmstedt immer mehr. Viele Firmen gingen mit Fördergeldern nach Sachsen-Anhalt. Die Stadtdirektorin Heister-Neumann wurde Ministerin in Hannover und wir zogen 1998 nach Harsum, da ich 1941 in Hildesheim geboren bin.
In meinem alten Reisepass sind Stempel zu sehen von der „Grenzkontrolle“ in Beendorf, Harbke, Weferlingen und Marienborn. Bei jeder Grenzöffnung zu den Nachbardörfern waren wir dabei. Es war immer feierlich und sehr herzlich. Es lagen sich wildfremde Menschen in den Armen. Die Grenze hatte viele Familien auseinander gerissen.

Was für Wien der Opernball ist, war in früheren Jahrzehnten für Wieda im Südharz der Sackball, das alljährliche glamouröse Betriebsfest der dortigen Papiersackfabrik. Als zuständiger Gewerkschaftssekretär war ich gemeinsam mit meiner Frau als Gast eingeladen, so auch am 11. November 1989.
Schon auf der Hinfahrt sahen wir in den Dörfern des Südharzes etlichen Trabis stehen. Viele Bewohner jenseits der Grenze nutzten die seit Donnerstagabend (9. November) geltende Reisefreiheit, um über den Grenzübergang Duderstadt-Worbis ihre Verwandten im Westen zu besuchen.
Dieser Grenzübergang war, wie alle anderen durch den Ansturm total überfordert, so dass an diesem Sonnabendabend das Gerücht die Runde machte, man wolle zusätzlich einen Übergang bei Eckertal einrichten.
Doch es sollte viel näher und sensationeller kommen: Der Sackball war kaum eröffnet, da hieß es, am Sportplatz im nahe gelegen Walkenried würden die Grenzanlagen beseitigt.
Neugierige Festteilnehmer setzten sich gleich ins Auto, um das Unglaubliche zu sehen. Und tatsächlich, die Grenze war offen. Bewohner des DDR-Ortes Ellrich strömten scharenweise nach Walkenried. Sogar eine Blaskapelle kam mit und musizierte freudig drauflos. In Walkenried, wo sonst bei Einbruch der Dunkelheit die „Bürgersteige hochgeklappt“ werden, wurde die Nacht zum Tag. Die Geschäfte hatten geöffnet. Die Menschen feierten auf den Straßen und am - nur für Fußgänger und Radfahrer eingerichteten - provisorischen Grenzübergang am Sportplatz.
Es dauerte nicht lange, bis der erste DDR-Besucher auf dem Sackball auftauchte. Er war zu Fuß von Ellrich nach Zorge gegangen. Da er seine Verwandten aber zu Hause nicht antraf, ließ er sich nach Wieda chauffieren. Hier wurde er mit Hallo empfangen und erzählte, dass er vor Öffnung der Grenze sechs bis sieben Stunden Bahnfahrt in Kauf nehmen musste, wenn er seine nur zwei Kilometer entfernt wohnenden Verwandten auf der anderen Seite der streng bewachten Grenze besuchen wollte.
Mancher Ballbesucher musste auch den Tanz vorzeitig abbrechen, da ein Anruf von zu Hause signalisierte, dass Onkel und Tante oder die Schwester aus Ellrich, Sülzhayn oder Niedersachswerfen eingetroffen waren.
Ich bin dankbar, dass ich an diesem Abend die Möglichkeit hatte, deutsch-deutsche Geschichte hautnah mitzuerleben. Zumal in einer Gegend, wo ich über Jahre damit konfrontiert wurde, dass die Teilung nicht nur ein wirtschaftliches und beschäftigungspolitisches Problem war, sondern für viele wegen der engen verwandtschaftlichen Beziehungen zu den Nachbarorten auf DDR-Gebiet auch zu einer Trennung der Familien führte.

Schon vor der Wende hatte ich interessehalber im Rahmen des Kleinen Grenzverkehrs mehrere touristische Tagesausflüge in die DDR gemacht. Als
ich am Freitag, dem 10. November 1989 (ich arbeitete in Braunschweig)
nachmittags nach der Arbeit zur Straßenbahn ging, traute ich meinen Augen nicht, als ich auf dem Weg dorthin viele parkende und fahrende Trabies und Wartburgs sah, was ich mir nicht erklären konnte. Am Bohlweg roch es überall nach süßlichen Trabi-Abgasen. Und es kamen mir in kleinen Gruppen viele ungewöhnlich aussehende Leute entgegen, die Richtung Fußgängerzone gingen, alle in hellen, verwaschenen Jeans und Stoffbeuteln in den Händen. Zu Hause in Hildesheim angekommen, habe ich sofort den Fernseher angeschaltet, vor dem ich bis in die Nacht hinein fassungslos und teilweise weinend gesessen habe. Zwei Jahre später habe ich für einige Zeit in Bernburg gearbeitet und bis heute nicht vergessen, mit welcher Freundlichkeit mir die dortigen Kolleg(inn)en aus der ehemaligen DDR begegnet sind. Heute, nach 20 Jahren gibt es leider
wirklichen Grund zum Weinen: denn nach einer neuesten Emnid-Umfrage sagt
die Hälfte der Ostdeutschen, „die damalige DDR habe mehr gute als
schlechte Seiten gehabt“.
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