Ex-Berber Uwe Wisseroth

So kennen ihn die Menschen in der Oststadt. Vor dem Rewe-Markt verkauft Uwe Wisserroth das Asphalt-Magazin.

„In Hannover bist du der letzte Penner“

Ex-Berber Uwe Wisseroth hat wieder ein Dach über dem Kopf

Der Mann ist nicht zu übersehen. Dick vermummt sitzt Uwe Wisseroth auf seinem kleinen Hocker vor dem Rewe-Einkaufsmarkt am Hildesheimer Ostbahnhof. Die Strickmütze hat der 47-Jährige tief ins Gesicht gezogen, seine gepolsterte, schwarze Winterjacke soll den Körper des schmächtigen Mannes vor dem eisigen Wind schützen. Handschuhe trägt er nicht, denn Wisseroth braucht seine Finger. Er verkauft das Asphalt-Magazin, mit der sich Obdachlose oder ehemals Wohnungslose einen kleinen Hinzuverdienst zum Hartz-IV-Regelsatz von 374 Euro sichern. 130 Exemplare hat er zum Stückpreis von 80 Cent gekauft, für das Doppelte will er die Straßenzeitung nun an den Mann bringen. Das Heft unterhält mit Reportagen und Portraits, thematisiert gesellschaftliche Brennpunkte und bringt immer wieder Nachrichten aus der Obdachlosen-Szene.

Die ist Uwe Wisseroth bestens bekannt, denn der Hildesheimer hat selbst „neun Jahre Platte gemacht“, bevor er in ein halbwegs bürgerliches Leben zurückkehrte. Heute wohnt er in einer kleinen Dachgeschosswohnung, die ihm Roderich Göhl von der Ambulanten Hilfe für Wohnungslose besorgt hat. In der Diakonie-Einrichtung kümmern sich drei Sozialarbeiter um Menschen wie Uwe Wisseroth. 328 Männer und 74 Frauen besuchten im vergangenen Jahr die Beratungsstelle in der Hannoverschen Straße 2. Nicht alle sind obdachlos, aber viele haben keinen festen Wohnsitz, übernachten bei Freunden und Bekannten.

In der Ambulanten Hilfe holen sie sich den Hartz-IV-Tagessatz von 12,47 Euro ab. Und sie können dort ihre Wäsche waschen, duschen, Kaffee trinken und einmal in der Woche kostenlos frühstücken. Donnerstags gibt es Lebensmittel von der Tafel. Wer ein Bett für die Nacht sucht, bekommt einen Platz im städtischen Wohnheim am Langen Garten zugewiesen. Dort hat die Ambulante Hilfe derzeit acht von 99 Betten belegt. Platz für weitere Obdachlose ist vorhanden: „Wir geben den Menschen das, was sie am meisten brauchen. Geld und einen Schlafplatz“, sagt Sozialarbeiter Göhl.

Wie wichtig dieses Angebot gerade jetzt ist, zeigte der strenge Winter 2011, als allein in Deutschland 15 Obdachlose erfroren. Hildesheim tauchte in der Statistik der Kälte-Opfer nicht auf.

Uwe Wisseroth kann sich noch gut an die Zeit erinnern, als er selbst „ganz unten war“, nicht wusste, wo er die Nacht verbringen soll. Es gibt mehrere Gründe, die ihn damals den Boden unter den Füßen wegzogen. Die gescheiterte Beziehung zu seiner Freundin zählt dazu, besonders aber der Alkohol: Anfang der 90er Jahre schlägt sich Wisseroth als Hilfsarbeiter auf dem Bau durch. Dort beginnt er mit dem Trinken. Erst nur Bier, zum Schluss sind es drei Flaschen Wodka oder Whiskey pro Tag. Eine Menge, die auf Dauer kein Körper aushält. 2001 wird er im Delirium auf die Intensivstation eingeliefert, muss operiert werden. Als ihn die Ärzte wieder entlassen, steht er auf der Straße und ist zu 40 Prozent schwerbehindert. Seine Bauchspeicheldrüse hat den jahrelangen Alkoholmissbrauch nicht verkraftet. Seit diesem Tag rührt Wisseroth keinen Tropfen mehr an: „Das wäre mein Todesurteil.“

Drei Jahre wohnt er nach der Operation in einer Hildesheimer Gartenlaube, knapst die Pacht für das Grundstück von der Sozialhilfe ab. Danach zieht es ihn nach Süddeutschland. Eine Gegend, an die er keine guten Erinnerungen hat. Besonders nicht an jenen Freitag, an dem sich der Obdachlose bei der Arbeitsagentur in Nürnberg seinen Wochenendsatz von knapp 25 Euro abholen will. Er gerät mit der Sachbearbeiterin in Streit. Ein Wort gibt das andere. Es kommt zum Eklat: Die Frau droht mit Hausverbot. Doch Uwe Wisseroth braucht das Geld, schnappt sich aus Verärgerung ein paar Akten und wirft sie gegen die Wand. Einer der Ordner trifft die Frau am Arm, die ihn prompt anzeigt. Weil er keinen festen Wohnsitz hat, wird er festgenommen und muss sechs Wochen in Untersuchungshaft. Ein Gericht verurteilt ihn später zu sechs Monaten Freiheitsstrafe mit dreijähriger Bewährungszeit.

Wisseroth kehrt im Dezember 2010 nach Hildesheim zurück. Das erste Weihnachtsfest in der alten Heimat verbringt er beim Guten Hirten, wo Diakon Otto eine festlich gedeckte Tafel mit Gulaschsuppe und bunten Tellern hergerichtet hat. Uwe Wisseroth genießt diese Herzlichkeit, die ihm nicht überall in Deutschland begegnet ist. Mal wird er nachts durch Fußtritte gegen den Schlafsack aus dem Bahnhof vertrieben, mal muss er sich vor einer Horde Jugendlicher in Sicherheit bringen, die ihn zusammenschlagen will. „In Hannover und den anderen Großstädten bist du der letzte Penner, aber in Hildesheim haben sie wirklich ein Herz für Obdachlose. Das ist kein Getue“, sagt der Asphalt-Verkäufer vor dem Rewe-Markt. Mit dem Erlös will er sich über Wasser halten, denn noch ist sein Antrag auf Erwerbsminderungsrente nicht durch.

Drei Zeitungen ist der Langzeitarbeitslose an diesem Morgen schon losgeworden. Eine Frau drückt ihm sogar einen Fünf-Euro-Schein als Trinkgeld in die Hand: „Weil es so bitterkalt ist.“


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