Ein bisschen aufgeregt ist sie schon. Immerhin trägt Nora Steen die Verantwortung, wie der 1000. Geburtstag des Weltkulturerbes St. Michael in diesem Jahr gefeiert wird. Fast 1000 Menschen hat die 33-Jährige ins Boot geholt, damit jeder Tag dieses Jubiläums ein besonderer Tag wird.
Rund eine Million Euro kostet das Unternehmen mit seinen 500 Terminen. Außer einer Grundfinanzierung durch die Landeskirche ist jeder Cent fremdfinanziert. Heute startet die Feierei. Tagsüber mit einem geschlossenen Festakt, an dem Bundespräsident Horst Köhler teilnimmt (siehe auch Lokalteil). Abends mit dem „Hilliard Ensemble“ aus England unter dem Titel „Arkhangelos“.
Steens religiöser Horizont ist weit geprägt: Nach dem Theologiestudium in Leipzig, Berlin und Göttingen hat die Braunschweigerin in Genf und Indien gearbeitet, Schulungen in Kuba und Afrika absolviert. Sie möchte mit dem „schönsten Beruf der Welt“ Vorurteile über Kirche abbauen helfen. In Gottesdiensten verkündet sie, „was mir wichtig ist“. Letztlich gehe es im Kern nämlich um Nächstenliebe, „um unser Zusammenleben.“ Wie sich das jeder ausgestalte, will sie niemandem vorschreiben.
Schon Jesus habe seinen Glauben frei von gesellschaftlichen Konventionen gelebt, den gläubigen Zöllner den Juden, den barmherzigen Samariter dem Priester gleichgestellt. „Er hat sich weder für Klassen noch für Hierarchien interessiert.“ In diesem Sinne möchte auch Nora Steen das Jubiläum gefeiert wissen: „Es geht um die Kirche.“
Eine Kirche, die nach fünfjähriger Sanierung jetzt für die Zukunft gesichert stolz auf dem Michaelishügel thront. Und bundesweit ihresgleichen sucht. So sind aus ottonischer Zeit (919 bis 1024 nach Christus) nur wenige Gebäude erhalten. Die Hildesheimer Denkmalpflegerin Maike Kozok nennt die Ruine der Kirche Waalbeck und die gut erhaltene Klosterkirche in Gernrode, beide in Sachsen-Anhalt. Den Mainzer Dom, der im vergangenen Jahr 1000 Jahre alt wurde, sieht Kozok eher kritisch, da nur extrem wenig der ottonischen Originalsubstanz erhalten sei. Im Gegensatz zur Hildesheimer Michaeliskirche, die sie in ihrem Erhaltungszustand und in ihrer vorausschauenden Architektur als einmalig lobt.
So soll auch das Programm sein, hatte sich Nora Steen vorgestellt, als sie 2007 ihren Schreibtisch bezog. Als Pastorin sollte sie im Auftrag der Landeskirche Hannover dem Projekt Michaelis 2010 Hand und Fuß verleihen. Was nicht ganz einfach war, da es viele Menschen gab, die mitreden wollten. Doch letztlich einigte man sich auf ein Konzept, an dem auch Profis mitwirken durften. Ziel: das Weltkulturerbe feiern – und zwar mit möglichst vielen Hildesheimern. Und mit viel Kultur.
Allerdings weder nur die hehre noch à la NDR-1 Türen öffnen, hieß die Devise. Und so startete Steen zu Beginn ihre Tour durch Institutionen in Hildesheim und Hannover. Und sie hat alle ins Boot geholt. Auch die, die mit Kirche wenig am Hut haben.
1000 Jahre Geschichte in Stationen
So wird der Verein IQ nach den außergewöhnlich guten Erfahrungen bei den „Wallungen“ diesmal mit 200 Mitwirkenden beim „Stationentheater“ zwischen Steingrube und St. Michael Geschichten aus 1000 Jahren erzählen (Uraufführung am 5. Juni). Für Steen eines der Highlights, „allerdings ist die Finanzierung noch schwierig“.
Die Künstler des BBK haben sich für das Jubiläum auf ein gemeinsames Thema geeinigt und stellen die „Gretchenfrage“ nach dem „Preis des Göttlichen“. Die Schätze Bernwards wird das Dom-Museum präsentieren, das Roemer- und Pelizaeus-Museum beteiligt sich mit einer Schau über Kirchen auf Zypern. Im Stadtmuseum kann man mit der „Familie Lautensack“ einen „Michaelistag im Mittelalter“, nämlich 1480, miterleben.
Uniprofessor Klaus Dierßen hat für den Kunstverein mit seinen Studenten das Thema Kirche und Kunst beleuchtet. Aber nur BBK und Kunstverein Hildesheim werden im Gotteshaus direkt ausstellen. „Der Raum muss erlebbar bleiben, Stellwände sind nicht erlaubt.“ Die anderen Kunstschaffenden finden in der Citykirche St. Jakobi, die Steen ab Oktober betreut, ihre Heimat.
Mit der deutschen Erstaufführung des Musicals „Children of Eden“ ist das Theater für Niedersachsen zu Gast in St. Michael. Die HAWK organisiert ein Symposium zum Thema und auf dem Michaelishügel eine Bauhütte für Kinder. „Außerdem haben die Studenten die Werbekampagne gestaltet“, ist Steen zufrieden.
Gesungen wird natürlich, was die Kehlen hergeben: Der Kreischorverband macht 1000 Jahre Musikgeschichte hörbar, die Andreaskantorei lässt die Matthäuspassion erklingen. Es gibt eine Gospelnight, Kinderchöre im Musical „Engelagentur“. Und der Sohn von Tony Marshall wird als „Marshall & Alexander“ mit „Götterfunken“ im Oktober auftreten. „Ich bin eigens nach Essen gefahren, um ihn mir auf den Tipp eines NDR-Redakteurs hin anzuschauen“, verrät Steen. Und erklärt, dass es sich um gut gemachten Klassik-Mainstream handelt. Und auch „Die Prinzen“ sorgen mit ihrem A-cappella-Konzert im August für lockere Unterhaltung. Selbst Hildesheimer Jugendbands hat die Pastorin ins Boot geholt: Allerdings findet das Rockkonzert im Innenhof des Michaelisklosters statt.
Anfangs sollte gemäß dem von oben verordneten Motto „Gottes Engel weichen nie“ das Programm nur mit hoher Kultur wie Knabenchören gefüllt werden und auch inhaltlich auf die geflügelten Gottesboten ausgerichtet sein. Über die Entscheidung, sich zu öffnen und viele Partner ins Boot zu holen, ist Steen jetzt froh. „Das hatte richtige Sogwirkung.“ Auch die kirchlichen Institutionen aus Hannover sind in Hildesheim mit dabei.
Aber die Feierei ist nicht auf abendliche Konzerte und Ausstellungen beschränkt. Jeden Tag wird von Ehrenamtlichen eine Mittagsandacht in St. Michael angeboten, es gibt Führungen, zum Teil mit Orgelkonzert. Dreimal pro Woche werden kirchenpädagogische Workshops für Schulklassen und Kindergruppen organisiert, und auf den Engelemporen sind Kindererzählstunden geplant. Der Kinderkirchentag am 13. Februar widmet sich dem Thema Engel. Kirchlicher Höhepunkt des Jahres ist das Michaelisfest vom 4. bis 6. Juni, bei dem unter anderem Michaelisgemeinden aus Lettland, Estland, England kommen. „Und natürlich vom Hamburger Michel“, freut sich Steen.
80 Menschen waren im Kompetenzkreis zum Jubiläum vereint, in zwölf Arbeitsgruppen mit Fachleuten wurde das Programm zusammengestellt. Für Steen persönlich sind der King’s College Choir Cambridge am 19. März, der Knabenchor Hannover am 25. Mai und die Nacht der Michaelisorganisten am 29. Oktober besondere Höhepunkte.
Und wer sorgt für die Visionen?
Gern hätte die Pastorin einen Vortrag von der ehemaligen Familienministerin Ursula von der Leyen im Programm gehabt. Auch die „Wise Guys“ und der Thomanerchor waren angefragt. Doch für deren Terminplanung kam Steen bereits im Herbst 2007 zu spät.
Am Herzen gelegen hätte der Theologin noch ein europäischer Visionär, „zum Beispiel ein Nobelpreisträger“. Und sie hätte gern die Frage stellen lassen, wie sich der Protestantismus zukünftig positionieren soll. Aber vielleicht kann ja der Erfurter Philosoph Hans Joas, der am 16. März beim Michaelisforum über das Thema „Die Zukunft des Christentums“ referieren wird, darüber Auskunft geben.
Von den rund 150 Kulturveranstaltungen ist bisher nur der „Elias“ mit Thomas Quasthoff ausverkauft. Karten für alle anderen Veranstaltungen gibt es im TicketShop der HAZ in der Rathausstraße, in den Filialen in Sarstedt und Bad Salzdetfurth. Das genaue Programm ist unter www.michaelis2010.de und überall auf Flyern zu finden.