Hildesheim (ha). Nichts geht mehr, am Hafen: Das Wasser- und Schifffahrtsamt Braunschweig hat den Stichkanal zum Wochenbeginn offiziell für den gesamten Schiffsverkehr auf unbestimmte Zeit gesperrt. Gesperrt ist auch der Hohnsensee: Dort soll das Eis für Schlittschuhläufer noch zu dünn sein.
Nachdem die Wasserstraßen im Osten schon seit Tagen nicht mehr passierbar sind, mussten nun auch die Kanäle nach Hildesheim und Salzgitter sowie der Mittellandkanal zwischen Hannover und Magdeburg vor dem Scholleneis kapitulieren.
Ein Eisbrecher hatte zwar noch versucht, die schmale Fahrrinne zwischen den Eispanzern beidseits des Ufers freizuschieben. Er kam aber nur bis Kilometer sieben, das ist knapp die halbe Strecken zwischen Bolzum und Hildesheim, dann musste auch er letztendlich die Segel streichen.
Der an den Tagen zuvor aufgebrochene Eispanzer hat sich zu immer höheren Schollen aufgetürmt, die nun auch noch zusammengefroren sind. Die Gefahr, dass sich die Binnenschiffer die stählernen Schiffsrümpfe beschädigen, wäre einfach zu hoch. Für etliche Schiffsführer heißt es nun, eine Zwangspause einzulegen.
Das deutsche Binnenschiff MS „Meggen“ konnte gerade noch seinen Spat abladen, das Hafenbecken verlassen kann es aber nicht mehr. Um möglichst tief einzutauchen und damit nur schwer zu behebende Beschädigungen im Kielbereich zu verhindern, hat der Schiffsführer gestern noch eilig Schrott geladen. Sein holländischer Kollege von der „Eureka“ hingegen ist mit 1000 Tonnen Spat festgefroren, die er jetzt nicht einmal mehr löschen kann.
Vor der Bolzumer Schleuse hat es „Gabe 9“ und „Nawa Trans 9“ aus Tschechien erwischt, die beide ebenfalls mit 950 Tonnen Schwerspat für Hildesheim vom Eis umschlossen sind, in Anderten hat das Binnenschiff „Greif“ mit mehr als 1000 Tonnen Spat kapitulieren müssen. Die Ladung all dieser Schiffe ist für die Deutsche Baryt-Industrie in Bad Lauterberg bestimmt, die nach Schließung der eigenen Gruben ihren Rohstoff jetzt zumeist aus China importiert.
Die Schifffahrtssperre hat für die Partikuliere (selbstständige Schiffseigentümer) auch rechtliche Bedeutung: Würden sie trotz der Warnung weiterfahren, verlören sie ihren Versicherungsschutz. So lange sie noch Ladung an Bord haben, muss für die Verzögerung die Reederei aufkommen. Die kann im Vorfeld einen Frachtzuschlag aushandeln, mit dem das Risiko pauschal abgegolten ist. Üblich, sagt Uwe Öhlmann, Chef der Hafenbetriebsgesellschaft, seien Zuschläge von etwa 30 Prozent, also drei Euro pro Tonne bei Frachtkosten von neun bis zehn Euro. Gelingt es dem Schiffsführer, seine Ladung rechtzeitig loszuwerden, kann er den Zuschlag einstreichen. Bleibt er tage- oder wochenlang manövrierunfähig, was im Moment zu befürchten ist, hat er das Nachsehen. War kein Frachtzuschlag ausgehandelt, hat er Anspruch auf Liegegeld, etwa 600 Euro täglich.
Wer hingegen gerade abgeladen hat und leer vom Winter eiskalt erwischt wird, hat das Nachsehen: Der Verdienstausfall geht dann zu seinen Lasten. Die Beschäftigten im Hafen nutzen die Zeit derweil zu Aufräum- und Sortierarbeiten in den Hallen und Silos, bummeln Resturlaub ab. Hält das Wetter an, sei vorsorglich schon Kurzarbeit angemeldet worden.
(Hildesheimer Allgemeine Zeitung, 27. Januar 2010)