Hildesheim (br/ha). Eis auf den Straßen, aber kein Streusalz im Lager: Diese Mischung hat gestern zu chaotischen Verkehrsverhältnissen geführt. Der Stadtverkehr (SVHi) stellte den Busverkehr ein, auch Regionalbusse fielen aus. Die Polizei nahm innerhalb von fünf Stunden 53 Unfälle auf – ein trauriger Rekord.
Etwas mehr als eine Viertelstunde braucht Kerstin Röper an normalen Tagen, um von ihrem Zuhause in Sorsum zum Arbeitsplatz im Medicinum zu fahren. Doch gestern war kein normaler Tag. So dauerte es 50 Minuten, bis die 28-Jährige in der Goslarschen Landstraße ankam. „Eine echte Schlitterpartie“.
Röper kam immerhin an, im Gegensatz zu vielen anderen Autofahrern. Allein zwischen 6.15 und 11.15 Uhr krachte es 53-mal, die Polizei eilte von Unfall zu Unfall. Als besonders tückisch erwies sich die Trogstrecke am östlichen Stadteingang, auch an der „Scharfen Ecke“ in Itzum kam mancher Fahrer ins Schleudern. Am Ostertor rutschte ein Lastwagen in eine Fassade. „Das Schaufenster zersprang, ein Heizkörper knallte von der Wand“, berichtet Christian Schulz vom betroffenen Laden. Menschen wurden in diesem Fall nicht in Mitleidenschaft gezogen, insgesamt zählten die Beamten aber siebe Leichtverletzte. Der Sachschaden dürfte mindestens 100 000 Euro ausmachen, schätzt Pressesprecher Claus Kubik. Die genaue Zahl lasse sich nicht absehen. „Zu einer Zusammenstellung sind wir nicht gekommen.“ Und selbst in der dürften viele Karambolagen fehlen. Denn bei mehreren Zusammenstößen einigten sich die Beteiligten ohne Polizei – sie hätten sonst zu lange warten müssen.
Wer statt des Autos den Bus nehmen wollte, schaute in die Röhre: Der SVHi ging angesichts der widrigen Zustände auf Nummer sicher, Geschäftsführer Kai Henning Schmidt ließ die 60 Stadt-Busse gar nicht erst ausrücken – aus Sorge um das Wohl möglicher Kunden, anderer Verkehrsteilnehmer und der Fahrer. Am Vorabend war gegen 23 Uhr ein Auto einem SVHi-Fahrzeug ins Gehege geraten, Fahrgäste bekamen zunehmend Mühe beim Ein- und Aussteigen. Das Unternehmen stellte den Betrieb darauf ein, die täglich sonst 30 000 Bus-Kunden mussten ihre Wege anders bewältigen. 35 RVHi-Busse blieben gestern ebenfalls zunächst in der Garage, meldete Firmensprecherin Katrin Groß. „Sicherheit geht vor, die Straßen sind spiegelglatt.“
Allerdings vor allem in der Stadt, wie die Polizei betont. Sie zählte im Kreisgebiet bis mittags nur eine Handvoll eisbedingter Unfälle, auf der Autobahn zwischen Laatzen und Seesen überhaupt keinen. Pressesprecher Kubik formulierte es so: „Nach dem Überschreiten der Stadtgrenze waren die Straßenverhältnisse katastrophal.“ Das Rathaus räumte „große Probleme“ ein: „Man kann schon von einem eingeschränkten Winterdienst sprechen“, sagte Stadt-Sprecher Horst Richter. Der Vorrat an Salz sei erschöpft, die Verwaltung rechne in diesem Winter mit keinem Nachschub mehr. Damit nicht genug: Auch minderwertiges B-Salz – das verklumpt und weniger fein ist – stehe derzeit nicht zur Verfügung. Wohl frühestens zum Wochenende lasse sich neues besorgen. Bis dahin müsse die Stadt auf Betongranulat setzen. Das lasse sich aber nur mit wenigen Fahrzeugen verteilen.
Versäumnisse auf Seiten der Stadt wollte Richter aber daraus nicht abgeleitet wissen. Die Verwaltung habe in diesem Winter bereits 1110 Tonnen Salz gekauft und damit 300 mehr als im Vorjahr. „Außerdem haben andere Kommunen auch kein Salz mehr, die Autobahn- und Straßenmeistereien genießen Vorrang.“ Damit erkläre sich der bessere Zustand der Fahrbahnen im Kreis, meinte Richter.
Eis und Schnee machten auch Fußgängern zu schaffen, einige stürzten böse. „Seit Sonnabend ist die Hölle los“, sagt Dr. Michael Hillebrand, Chefarzt der Notaufnahme im Bernward-Krankenhaus. Ein Patient hatte zuvor einen Autounfall. Als der Mann ausstieg, um sich den Schaden an der Stoßstange zu besehen, fuhr ein anderes Auto auf, der Mann brach sich beide Beine. Das Rhön-Klinikum hingegen meldete „überraschend wenig“ Mehrarbeit.
„Offenbar sind viele ältere Leute auf der Hut und bleiben, wenn möglich, zu Hause“, sagt Sprecherin Dr. Gabriela Teichmann. Auffällig seien viele schwere Verletzungen sogar mit Schädelbrüchen und Hirnblutungen. „Der gefrorene Boden ist steinhart, das Eis unter dem Schnee kaum zu erkennen.“ Allein im Januar wurden im Klinikum bereits über 1100 Unfälle versorgt.
Am frühen Nachmittag besserte sich die Lage auf den Straßen, der SVHI nahm gegen 14.30 Uhr wieder den kompletten Betrieb auf, der RVHi 30 Minuten später. Ob die Busse aber auch heute wieder fahren, mochte Pressesprecherin Groß gestern Nachmittag noch nicht sagen. Kunden können sich unter der Hotline-Nummer 66666 erkundigen. „Das Telefon ist ab 4 Uhr besetzt“, verspricht Groß. Das gelte auch für den RVHi, er ist unter der Nummer 7 64 20 zu erreichen.
(Hildesheimer Allgemeine Zeitung, 3. Februar 2010)