Straßenverkehr

Hildesheimer Polizei simuliert schweren Unfall – Mehrheit der Autofahrer hilft nicht

Kreis Hildesheim - Helfen statt gaffen, handeln statt wegsehen: Das sollte die Devise bei Unfällen sein. Die Hildesheimer Polizei hat einen schweren Unfall im Wald bei Alfeld simuliert und wollte sehen, wer hilft. Die Ergebnisse: erschreckend.

Kreis Hildesheim - Die Hildesheimer Polizei hat am frühen Samstagmorgen einen schweren Unfall mit drei Verletzten im Wald bei Alfeld simuliert. Die Beamten wollten feststellen, wie sich Autofahrer verhalten und sie darauf hinweisen, dass sie in ähnlichen Situationen eingreifen müssen. Die Bilanz nach 90 Minuten: 45 Fahrzeuge passierten die Unfallstelle – nur 17 hielten an. Heißt: 28 der Männer und Frauen am Steuer blieben passiv – das macht rund 62 Prozent.

Das ist erschreckend

Christian Koplin, Einsatzleiter

„Das ist erschreckend“, resümierte Einsatzleiter Christian Koplin von der Präventionsgruppe der Hildesheimer Polizei. Seine Erkenntnis: Im kommenden Jahr sollen Autofahrer erneut mit solch einem Unfall-Szenario konfrontiert werden. „Um sie wachzurütteln“, betonte Christian Kerner, der als Experte Unfälle simuliert und auch das Geschehen bei Alfeld organisierte.

Unfallstelle ist kaum zu übersehen

Und so sah die Inszenierung aus: Im Wald ist es am frühen Samstagmorgen stockfinster. An der Landesstraße 485 kurz vor Langenholzen ist ein älterer Mercedes-Kombi mitten auf der kurvigen Strecke mit einem jungen Motorrollerfahrer zusammengeprallt – mit massiven Folgen. Zwei Verletzte sind hilflos in dem Auto gefangen. Der Rollerfahrer liegt ebenfalls schwer verletzt zwischen den Bäumen.

Die Scheinwerfer des silbernen Mercedes sind eingeschaltet, die Unfallstelle kann man kaum übersehen. Dies sollte zumindest einige Autofahrer dazu bringen, anzuhalten und den Unfallopfern zu helfen. Oder sich wenigstens kurz ein Bild von der Situation zu machen – um dann den Notruf zu wählen. Davon war Polizist Koplin ausgegangen.

Polizei spricht Vorbeifahrende an

Doch Auto um Auto wischt am Unfallort vorbei. Manche treten kurz auf die Bremse, um dann doch weiterzufahren. Doch die werden bald gestoppt. An zwei Parkplätzen – Richtung Alfeld und Sibbesse – ziehen Polizisten die Fahrer aus dem Verkehr. Machen sie darauf aufmerksam, dass sie aus verschiedenen Gründen helfen müssen.

„Das ist ihre moralische Pflicht. Dazu sind sie aber auch gesetzlich verpflichtet“, so Koplin. Das bedeutet: Eine unterlassene Hilfeleistung kann der Gesetzgeber mit einer Geldstrafe oder bis zu einem Jahr Haft mit oder ohne Bewährung ahnden. Zudem: Wer Unfallopfer fotografiert, verletzt deren Persönlichkeitsrechte – kann deshalb ebenfalls vor Gericht landen.

Ich bin 21. Ich habe mich nicht getraut anzuhalten. Es tut mir leid

Eine Autofahrerin

Aber: Vielen Autofahrern sind die gesetzlichen Regeln offenbar nicht bewusst oder sie sind verunsichert, was sie tun sollen – oder haben Angst, auf schwer verletzte Opfer zu stoßen. So erklärt sich jedenfalls Polizist Frank Meißner, der an diesem nasskalten Tag ebenfalls an der Aktion beteiligt ist, deren Verhalten.

Eine junge Frau am Steuer eines dunklen Skodas erklärt sich ihm so: „Ich bin 21. Ich habe mich nicht getraut anzuhalten. Es tut mir leid“, sagt sie – und darf nach einer Ermahnung weiter fahren. „Ich muss über mein Verhalten wirklich nachdenken“, sagt ein Mann, der einen schwarzen Golf mit Braunschweiger Kennzeichen steuert. Er scheint betroffen zu sein.

Ein Positiv-Beispiel

Wie sich Taxifahrer Bajurs Hajrizi aus Gronau an diesem Morgen verhält, ist aus Polizei-Sicht sehr positiv. Der sieht am Steuer des Taxis den beschädigten Mercedes im Wald. Sein Gedanke: „Ich muss helfen. Das ist ein Unfall“, berichtet er auf HAZ-Nachfrage später. Der 48-jährige Chauffeur hält an, steigt aus und versucht, Kontakt mit den Verletzten aufzunehmen. „Geht’s Dir gut? Soll ich die Polizei holen?“ Dann treten die Polizisten auf den Plan und erklären ihm die tatsächliche Lage.

Es ist gut, dass man solche Aktionen macht

Edmon Rahmadani

Edmon Ramadani aus Alfeld wird ebenfalls Zeuge. Der versucht, die Polizei anzurufen. Und fährt weiter – Minuten später wird auch er auf einem Parkplatz bei Wrisbergholzen von der Polizei befragt. „Ich hatte bei meinem Anruf kein Netz“, erklärt der 29-Jährige. „Ich finde es gut, dass man solche Aktionen macht. Ähnliches kenne ich aus dem Fernsehen.“

Ein Lieferwagenfahrer wird pampig

Die Mehrzahl der Autofahrer kümmert sich jedoch nicht um das Geschehen am Straßenrand. Kein Verständnis für die Absicht der Polizei hat etwa ein Lieferwagenfahrer. Der wird pampig. „Auf Krawall gebürstet“, so beschreibt ihn Polizist Helmut Brehme. Die Ausrede des Chauffeurs: „Es gab keine Bremsspuren. Das war kein Unfall.“

Aber: Selbst wenn man annimmt, niemand wäre verunglückt, müsse man sich vergewissern, ob wirklich kein Mensch in Not ist, betont Einsatzleiter Koplin. „Und es ist zu wenig zu denken: Da sind ja schon Helfer, ich muss mich nicht mehr darum kümmern“, fügt er hinzu. Wichtig sei ein „Perspektivwechsel“. Genauso gut könnte man selbst verletzt und eingeklemmt in einem Unfallwrack stecken und auf schnelle Hilfe hoffen.

Was die Aktion klar zeigt

„Das ist echt traurig. Wer einen Unfall hat, muss wohl eine Leuchtrakete zünden, um auf sich aufmerksam zu machen“, meint Pastorin Anne-Christin Ladwig, die sich als Notfallseelsorgerin an der Übung beteiligt – um einzugreifen, wenn jemand mit dem eindrucksvoll inszenierten Geschehen nicht klar kommt.

Das Ergebnis, der vom ASB, der Verkehrswacht und verschiedenen Unternehmen gratis unterstützten Aktion, ist laut Polizei sehr negativ. Aber es zeigt klar auf: Weitere Unfall-Simulationen in der Region sollen Autofahrer und Autofahrerinnen aufklären.