Corona-Krise

Angst vor 2G: So startet Hildesheims Einzelhandel ins Weihnachtsgeschäft

Hildesheim - Mit dem Herbst waren viele Händler zufrieden, doch nun wird es knifflig – und die beabsichtigte Einführung der 2-G-Regel bereitet vielen große Sorgen. dann lieber Lockdown, sagt einer sogar.

Am Samstag waren noch einmal recht viele Menschen in der Hildesheimer Innenstadt unterwegs - wie wird das am kommenden Wochenende aussehen? Foto: Clemens Heidrich

Hildesheim - Für große Teile des Einzelhandels hat die wichtigste Phase des Jahres begonnen – das Weihnachtsgeschäft. Zugleich droht der Branche die Einführung der 2-G-Regel in der kommenden Woche. Die Einschätzungen bei den Hildesheimer Geschäftsleuten zur aktuellen Lage und zu den nächsten Wochen gehen allerdings in vielen Punkten auseinander.

Ordentlicher Herbst

Bekleidungshändler Axel Kreßmann berichtet von einem guten Sommer und Herbst: „Von Juni bis Oktober lagen die Umsätze sogar knapp über denen von 2019!“ Im November seien sie allerdings auf das Level des Vorjahres zurückgegangen, das gelte bislang auch für das Weihnachtsgeschäft.

Ähnliches berichtet Branchenkollege Tobias Eierund. Mit „kundenspezifischen Events“ wäre das Niveau von 2019 erreichbar gewesen, glaubt er – vorsichtshalber habe er aber auf derlei verzichtet. Das Weihnachtsgeschäft starte verhalten, sein schon vor Jahren ausgebautes Online-Angebot sei aber gerade in dieser Phase „längst mehr als nur ein zweites Standbein“.

Inzidenz hoch, Umsätze runter

Ute Halex (Lilis Shop) macht indes eine andere Erfahrung. Oktober und November seien gut gelaufen, und derzeit habe sie den Eindruck, dass viele Menschen sich früher um ihre Weihnachsteinkäufe kümmerten – vielleicht auch aus Sorge vor möglichen Lieferengpässen.

Jens Koch (Koffer-Koch) stellt fest: „Unsere Umsätze sind in dem Zuge gesunken, in dem die Inzidenzen nach oben gegangen sind und Corona wieder die Schlagzeilen dominierte.“ Handel habe mit Vertrauen und Nähe zu tun. Dabei gehe es dem Geschäft in Hildesheim noch vergleichsweise gut, in den Filialen in Einkaufszentren in anderen Städten laufe es noch schlechter. Aktuell bewegten sich die Umsätze auf dem Niveau des Vorjahres und damit 30 bis 40 Prozent unterhalb des Levels von 2019.

Baumärkte und Möbelhandel

Nicht aufs Weihnachtsgeschäft fokussiert sind Baumärkte und Möbelhändler. Baumärkte galten im Vorjahr sogar als Gewinner der Krise, weil viele Menschen ins eigene Haus statt in Fernreisen investierten – dieses Jahr gibt es diesen Effekt aber offenbar nicht mehr. Der Umsatz sei minimal besser gewesen als 2019, aber deutlich schlechter als im Vorjahr, berichtet Hagebau-Chef Karsten Krüger.

„In Ordnung“ findet Frank Krause von der Himmelsthürer Krause Home Company bislang das Herbstgeschäft. Die Umsätze bewegten sich etwa auf dem Niveau von 2019, aber unter denen des Vorjahres. Da habe seine Branche allerdings auch stark von Reisezurückhaltung und Mehrwertsteuer-Senkung profitiert, merkt Krause an.

Seltener einkaufen – dafür mehr?

Was viele Händler berichten: Die Kundenfrequenz ist zwar gesunken, der durchschnittliche Bon aber voller. Heißt: Kunden kaufen gezielter ein, gehen seltener in die Geschäfte, kaufen dann dafür aber mehr. Das beobachtet zum Beispiel Holger Höfner, Centermanager der Arneken Galerie, viele einzelne Geschäftsleute bestätigen das.

2G als Damokles-Schwert

Wie ein Damokles-Schwert schwebt derzeit über dem Einzelhandel die mögliche Einführung der 2-G-Regel in der kommenden Woche, sprich: Zutritt zu den Geschäften nur noch für Geimpfte oder Genesene, wobei die Ladenbetreiber selbst das kontrollieren sollen. Bund und Länder haben sich darauf verständigt, dies unabhängig von der Inzidenz festzulegen. Gerade in Niedersachsen ist der Widerstand angesichts vergleichsweise niedriger, zuletzt sogar sinkender Inzidenzen und Hospitalisierungsrate groß.

Jens Koch kann bereits auf praktische Erfahrungen mit 2G verweisen. Diese Regel gilt bereits in seiner Filiale in Erfurt. „Das bewirkt dort noch einmal 20 bis 30 Prozent Umsatzverlust“, berichtet er. Koch ist stocksauer auf die Politik und Bund und Land: „Man hat in Deutschland die Impfungen und Testungen im Spätsommer und Herbst total vernachlässigt, weil man den schönen, harmonischen Wahlkampf nicht überschatten wollte.“ Nun haben Deutschland die schlechteste Situation in ganz Europa. „Das ist einfach nur peinlich.“

Lieber Lockdown?

Eine ganz klare Meinung zu 2G hat Karsten Krüger: Angesichts des Anteils der Ungeimpften in der Gesellschaft rechnet er bei 2G mit 20 bis 25 Prozent weniger Umsatz – und gleichzeitig deutlich höheren Kosten: „Wir müssten allein im Markt in Ochtersum am Tag rund 1000 Kunden kontrollieren.“

Sein Fazit: Ehe 2G kommt, sei ihm sogar ein Lockdown lieber. Dann könnten Händler nämlich wieder Überbrückungshilfen bekommen. Er hoffe aber, dass 2G noch abgewendet werde: „Durch diverse Studien wurde festgestellt, dass der Einzelhandel in den vergangenen Wellen nicht zum Infektionsgeschehen teilgetragen hat.“ Darauf verweist auch IHK-Vizepräsident Stefan Kühn, der indes nicht mit einem Lockdown rechnet: „Der Handel ist bisher kein Hotspot gewesen und hat alle Vorgaben gut umgesetzt.“

Kontrollen als Problem

Der Aufwand für die Kontrollen ist aus Sicht von Tobias Eierund bei 2G sogar das größere Problem gegenüber Umsatzeinbußen. Anders als die meisten anderen Händler rechnet er damit, dass es in den nächsten Wochen tatsächlich noch einmal zu einem Lockdown kommt.

Holger Höfner von der Arneken Galerie sieht Probleme derzeit vor allem für die Gastronomen im Einkaufszentrum aufgrund der dort geltenden 2G-plus-Regel. Gerade im Mittagspausen-Geschäft seien die nötigen Kontrollen für die Wirte kaum umsetzbar.

Die langfristige Aussicht

Einer Commerzbank-Studie zufolge blickt eine deutliche Mehrheit der Hildesheimer Einzelhändler optimistisch in die Zukunft. Axel Kreßmann bestätigt das für sich: „Es spricht nichts dagegen, weiterhin positiv in die Zukunft zu schauen!“ Die Händler hätten in den vergangenen 22 Monaten sehr viel gelernt. „Das gibt uns Sicherheit für die Zukunft!“ Tobias Eierund zeigt sich selbstbewusst: „Wir haben unsere Hausaufgaben gemacht und sind für die Zukunft sowohl stationär als auch online gut aufgestellt:“

Andere sind da zurückhaltender. „Stand heute wieder pessimistischer“ zeigt sich Karsten Krüger. Frank Krause ist mit Blick auf Inflation und allgemein steigende Lebenshaltungskosten „maximal vorsichtig optimistisch“. Und Holger Höfner zeigt sich nachdenklich: „Ich denke, dass bei vielen ein wenig Ernüchterung eingetreten ist, da viele Menschen die Pandemie im Sommer sozusagen als überstanden gesehen haben.“

„Opa erzählt von der Pandemie“

Stefan Kühn hingegen will sich die Zuversicht nicht nehmen lassen: „Irgendwann werden wir den jüngeren erzählen, dass wir mit Masken und Impfausweis einkaufen mussten, und die werden es uns nicht wirklich glauben.“ Er höre es jetzt schon gedanklich: „Boah, Opa spricht wieder von der Pandemie.“

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