Ausbruch auch im Krankenhaus

Corona-Höchstwert im Kreis Hildesheim: Das steckt hinter den alarmierenden Zahlen

Hildesheim - Die Zahl der Corona-Neuinfektionen liegt in Hildesheim so hoch wie noch nie. Das erste Krankenhaus ist bereits am Limit und nimmt keine Patienten mehr auf.

So viele neue positive Corona-Befunde wie am Mittwoch hat es in Hildesheim seit Beginn der Pandemie noch nicht gegeben. Foto: Chris Gossmann

Hildesheim - Was für eine böse Überraschung am Tag vor Heiligabend: Die Zahl der Corona-Neuinfektionen hat am Mittwoch einen historischen Höchststand erreicht. 106 Menschen haben sich neu mit dem Erreger infiziert, so viele wie nie zuvor. Am 28. Oktober waren es 80, am 4. Dezember 79 und am 13. November 75. Dreistellig war die Zahl noch nie. Dabei hatten die vorausgegangenen Tage noch vorsichtigen Grund zum Optimismus gegeben: Am Dienstag lag die bestätigte Zahl bei 22, Montag bei 27, Sonntag bei 39. Selbst am Mittwoch vor einer Woche als direkten Vergleichstag meldete der Landkreis 53.

Besonders besorgniserregend: Es gibt nicht den einen Hotspot, der die Entwicklung erklären könnte. Zum Glück sind nicht einmal Gemeinschaftseinrichtungen herausragend betroffen. Vielmehr hat sich das Virus schleichend überall in der Bevölkerung ausgebreitet. „Wenn wir uns jetzt nicht am Riemen reißen, haben wir in zwei Wochen ein Riesenproblem“, sagt Prof. Dr. Georg von Knobelsdorff, der Ärztliche Direktor des Bernward-Krankenhauses. „Wir müssen die Leute dazu kriegen, endlich zu begreifen, dass das hier gefährlich ist.“

Mitarbeiter in Quarantäne

Längst müssen die Krankenhäuser damit kämpfen, dass nicht nur immer neue Patienten eingeliefert werden, sondern auch Mitarbeiter sich infizieren oder nach ungeschützten Kontakten mit Infizierten in Quarantäne sind. Dies passiert allerdings vorrangig im privaten Bereich, nicht in den Kliniken selbst.

Besonders dramatisch die Lage in Alfeld: Im dortigen Ameos-Klinikum ist am Mittwoch neben den bereits im Haus behandelten acht Covid-Patienten bei vier Patienten und 18 Mitarbeitern ein positives Testergebnis in den internen turnusmäßigen Antigen-Reihentests festgestellt worden.

Raus aus der Notfallversorgung

„Die Krankenhausleitung nimmt die Entwicklung sehr ernst und hat in einem Expertengremium zahlreiche Maßnahmen beschlossen“, sagt Sprecher Gerald Baehnisch. Vorsorglich sei das Klinikum für drei Tage von der Notfallversorgung abgemeldet worden, so dass keine Krankenwagen das Haus mehr anfahren. Die Notaufnahme bleibt für die Erstversorgung von Patienten besetzt, wenn nötig, werden sie dann in andere Häuser verlegt. Neue Patienten werden bis zum 25. Dezember gar nicht mehr aufgenommen. „Die medizinische und pflegerische Betreuung der Patienten ist trotzdem gewährleistet“, betont Baehnisch.



Zunehmend angespannt auch die Lage im Johanniter-Krankenhaus in Gronau: Die dortige Intensivstation könne keine Patienten mehr aufnehmen und habe sich abgemeldet, sagt Oberin Martina Theunert. Neben 13 Intensivpatienten mit anderen Erkrankungen liegen hier derzeit drei Covid-Patienten. In der Normalstation gebe es hingegen noch Luft. „Mit dem Personal kommen wir über die Feiertage gut über die Runden – wenn nicht noch weiteres passiert.“

Situation noch im Griff

Das Bernward-Krankenhaus behandelt zurzeit sechs Intensivpatienten, die Auslastung liege damit erst bei einem Drittel oder der Hälfte der Kapazität, auch in der Corona-Normalstation ist die Situation den Umständen entsprechend noch gut beherrschbar, so von Knobelsdorff.

Für Irritation und Diskussionen in den sozialen Medien sorgte am Mittwoch die Nachricht, dass das Helios-Klinikum Covid-Patienten in das Helios-Krankenhaus nach Bad Gandersheim verlegt habe. Dies, so Sprecher Marc Pingel, sei aber ein normaler, schon länger praktizierter Weg: Helios habe das dortige Haus schon vor Wochen ausschließlich für nicht intensivpflichtige Corona-Fälle reserviert, genutzt werde es nicht nur von Hildesheim, sondern auch von Helios-Kliniken in Herzberg und Northeim.



In Hildesheim gebe es freie Betten sowohl in der normal als auch Intensivstation. Am Mittwoch wurden hier 24 Covid-Patienten behandelt, davon vier intensiv. Allein die Zahl der Intensivbetten könne kurzfristig aber auf bis zu 28 aufgestockt werden, so Pingel.

Mehr positive Treffer

Dass plötzlich so viele Neuinfektionen aktenkundig werden, liegt nach Einschätzung des Gesundheitsamts auch daran, dass sich vor den Feiertagen offenbar besonders viele Menschen haben testen lassen. Diesen quantitativen Anstieg bestätigen auch die Labore. Das Beunruhigende aber ist die signifikant höhere Positiv-Quote unter allen Proben. „Allein 48 der 106 neuen Fälle ergeben sich aus den Abstrichen, die wir am Montag von Kontaktpersonen ’K1’ im Gesundheitsamt genommen haben“, so Landkreis-Sprecherin Sabine Levonen. Üblich seien sonst etwa drei bis fünf positive Nachweise pro Tag. „Laborfehler können nach derzeitigem Kenntnisstand ausgeschlossen werden.“ Denn auch die Experten haben nach den Zahlenausreißern noch einmal ganz genau hingeschaut – und keine Fehler entdeckt.

Volle Läden vor Lockdown

Berücksichtigt man die Zeitspanne von der Ansteckung bis zu ersten Krankheitszeichen, lässt sich daraus ablesen, dass sich viele Neuinfizierte kurz vor dem Lockdown angesteckt haben dürften. Tatsächlich war es in den Tagen vor dem Herunterfahren des öffentlichen Lebens in den Straßen und Geschäften noch einmal besonders voll. Oder anders ausgedrückt: „Es kann daher nicht ausgeschlossen werden, dass es an den letzten Öffnungstagen der Geschäfte nicht immer so genau genommen wurde mit den Abstands- und Hygieneregeln“, so der Landkreis jetzt.

In der Stadt Hildesheim gibt es 137 Infizierte, 27 mehr als am Vortag. Alfeld hat 30 Fälle (+ 8), Algermissen 7 (+2), Bad Salzdetfurth 26 (+4), Bockenem 15 (+5), Diekholzen 2 (+1), Elze 19 (+2), Freden 2 (+1), Giesen 16 (-4), Holle 14 (+9), Harsum 12 (+4), Lamspringe 7 (+2), Leinebergland 12 (+3), Nordstemmen 14 (+3), Sarstedt 40 (+7), Schellerten 8 (+4), Sibbesse 12 (unverändert), Söhlde 9 (+1). Damit sind aktuell 382 Menschen an Covid erkrankt, von denen 37 in stationärer Behandlung sind. 1646 Menschen verbringen Weihnachten in häuslicher Quarantäne.

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