Drastische Maßnahmen

Coronavirus: Deutschland macht Grenzen ab Montag dicht

Berlin/Hildesheim - Deutschlands Grenzen in Richtung Westen und Süden werden ab Montagmorgen nicht mehr so einfach passierbar sein. Wegen des Coronavirus plant die Bundesregierung nicht nur strengere Kontrollen.

Die Bundespolizei im Saarland hat ihre Maßnahmen an der Grenze zum Coronavirus-Risikogebiet Grand Est in Frankreich intensiviert. Foto: Thomas Frey/dpa

Berlin/Hildesheim - Wegen des Coronavirus führt Deutschland ab Montagmorgen strenge Regeln an seinen Grenzen zu Frankreich, Österreich und zur Schweiz ein. Dies erfuhr die Deutsche Presse-Agentur am Sonntag aus Regierungskreisen, zuvor hatte die «Bild Zeitung» dies berichtet. Die Einreisebeschränkungen für bestimmte Personengruppen sollen ab Montagmorgen 8 Uhr gelten. Deutsche dürfen aber in jedem Fall aus den Nachbarländern einreisen. Über Einzelheiten will Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) um 19 Uhr in Berlin informieren.

Dem Vernehmen nach haben sich Kanzlerin Angela Merkel, Bayerns Ministerpräsident und CSU-Chef Markus Söder, Seehofer, Baden-Württembergs Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne), Saarlands Regierungschef Tobias Hans (CDU) und die rheinland-pfälzische Ministerpräsidentin Malu Dreyer (SPD) auf die neuen Regeln an der Grenze verständigt. Demnach soll es sowohl verschärfte Kontrollen als auch Zurückweisungen geben.

Der Warenverkehr zwischen Deutschland und den Nachbarstaaten soll nach dpa-Informationen aber weiter gesichert bleiben. Auch Pendler dürften den Plänen zufolge weiterhin die Grenzen passieren. Hintergrund ist nicht nur die Eindämmung des Coronavirus, sondern auch der Versuch, Hamsterkäufe von Ausländern zu unterbinden, die im grenznahen Raum bereits zu Versorgungsproblemen geführt haben, wie die «Bild-Zeitung» ebenfalls berichtete.

In Berlin sind alle Kinos, Kneipen, Bars und Clubs geschlossen

Auch in Deutschland werden die Beschränkungen immer strenger. In Berlin wurden „ab sofort“ alle öffentlichen und nicht öffentlichen Veranstaltungen ab 50 Personen untersagt. Kneipen, Bars, Spielhallen und Clubs mussten laut Senatskanzlei am Samstag schließen. Auch Kinos, Theater und Konzerthäuser dürfen nicht mehr öffnen. In den Abendstunden fuhr die Polizei die Kneipen ab und setzte das Verbot durch.



Der Sportbetrieb in öffentlichen und privaten Sportanlagen Berlins ist verboten. Schwimmbäder und Fitnessstudios müssen ihre Türen schließen. Auch dürfen Patienten im Krankenhaus keinen Besuch mehr empfangen - Ausnahme seien solche unter 16 Jahren und Schwerstkranke.

Andere Bundesländer hatten zuvor bereits größere Versammlungen untersagt. Von Montag an werden zudem überall in Deutschland Schulen und Kitas geschlossen, die Kinder müssen dann zumeist zuhause betreut werden.

Kitas richten sich auf Notbetreuung ein

Angesichts der Schulschließungen rief Bundesfamilienministerin Franziska Giffey (SPD) zu Solidarität und Eigeninitiative auf, um organisatorische Probleme bei der Kinderbetreuung zu lösen. Sie sagte der „Bild am Sonntag“: „Alle Beteiligten müssen flexibel damit umgehen. Es ist gut, dass in Branchen, in denen es möglich ist, vermehrt von zu Hause aus gearbeitet wird oder flexible Arbeitszeiten vereinbart werden. Aber wir brauchen auch andere Ideen, wie wir im kleinen Kreis helfen können. Hier sind Freunde, Bekannte oder Nachbarn gefragt, die sich gegenseitig unterstützen und aufeinander achten.“ In Hildesheim richten sich die Kitas und Schulen auf den Notbetrieb ein.

Das Bundesarbeitsministerium appellierte an alle Arbeitgeber, pragmatische Lösungen mit ihren Beschäftigten zu finden. Auf die Schließung von Schulen und Kindergärten könne mit Homeoffice, kreativen Arbeitszeitmodellen, der Nutzung von Urlaub und Arbeitszeitkonten reagiert werden, sagte ein Sprecher.

Donald Trump lässt sich testen

In den USA ließ Präsident Donald Trump prüfen, ob er sich möglicherweise mit dem Coronavirus angesteckt hat. Der Befund fiel trotz Kontakten mit mindestens zwei infizierten Menschen negativ aus, wie aus einem vom Weißen Haus am Samstagabend (Ortszeit) verbreiteten Schreiben von Trumps Leibarzt Sean Conley hervorgeht. Trump war am vergangenen Wochenende beim Besuch des brasilianischen Präsidenten Jair Bolsonaro in seinem Feriendomizil Mar-a-Lago mit mindestens zwei Personen in Kontakt, die später positiv auf das Coronavirus getestet wurden. Wegen des Coronavirus wurden die für den 24. März geplanten Vorwahlen der Demokraten und der Republikaner im Bundesstaat Georgia voraussichtlich auf den 19. Mai verschoben, wie die dortige Wahlbehörde mitteilte. In der US-Basketballliga NBA wurde ein dritter Corona-Fall bekannt. Betroffen ist ein Spieler der Detroit Pistons.

Reisen werden für Europäer zunehmend schwieriger

Für Europäer werden Reisen zunehmend schwieriger. Staaten wie Dänemark, Polen und Tschechien verhängten bereits Einreisestopps für Ausländer. Die Türkei stellt als Vorsichtsmaßnahme Flüge nach Deutschland und in acht weitere europäische Länder vorübergehend ein. Norwegen will ab Montag alle Ausländer an den Grenzen abweisen, Lettland ab Dienstag den internationalen Personenverkehr komplett aussetzen. Litauens Regierung stellt das gesamte Land für zwei Wochen unter Quarantäne stellen. Dies beschloss das Kabinett in Vilnius am Samstagabend. Die Maßnahme gelte ab Montag und umfasst die Schließung der Grenzen für Ausländer.

In die USA dürfen Europäer wegen des von Trump verhängten Einreisestopps auch nicht mehr reisen - von Dienstag an gilt das auch für Briten und Iren, die zuvor noch ausgenommen waren.

Österreich fährt auf Notbetrieb herunter

Auch in Österreich wird das öffentliche Leben weiter drastisch eingeschränkt. Das Land müsse wegen der Ausbreitung des Coronavirus Sars-CoV-2 auf Notbetrieb heruntergefahren werden, sagte Bundeskanzler Sebastian Kurz am Sonntag. Es gebe nur noch drei Gründe, das Haus zu verlassen: um zum Arbeitsplatz zu kommen, um notwendige Einkäufe zu machen und um anderen zu helfen. Von einer Ausgangssperre sprach Kurz aber nicht. Basis für die Maßnahmen wird ein Sondergesetz, das das Parlament noch am Sonntag beschließen wollte.

RKI stuft Regionen als Risikogebiete ein

Das Robert Koch-Institut (RKI) hat konkret Regionen als Risikogebiete eingestuft, in denen eine fortgesetzte Virus-Übertragung von Mensch zu Mensch vermutet werden kann. Dazu zählen inzwischen auch das Bundesland Tirol in Österreich und die spanische Hauptstadt Madrid. Zuvor waren bereits Italien, Iran, die französische Region Grand Est (Elsass, Lothringen, Champagne-Ardenne) sowie Provinzen in China und Südkorea benannt worden.

Das RKI meldete am Samstagabend, dass inzwischen 3795 laborbestätigte Covid-19-Fälle in Deutschland registriert wurden - 733 mehr als am Vortag. Acht Menschen seien hierzulande an der Krankheit gestorben.

In Spanien tritt das Alarmzustand-Dekret am Montag um 8 Uhr morgens in Kraft. Ministerpräsident Pedro Sánchez sprach von „drastischen Maßnahmen“. Der Alarmzustand sei für die längstmögliche Dauer von 15 Tagen ausgerufen worden, sagte der sozialistische Politiker. Die Spanier dürften während des «Alarmzustands» nur in Ausnahmefällen aus dem Haus gehen. Erlaubt bleiben nach dem Dekret Fahrten zur Arbeit, zum Arzt sowie zum Kauf von Lebensmitteln und Medikamenten. Die Bürger dürfen das Haus auch verlassen, um Kinder, Ältere und Hilfsbedürftige zu betreuen.

Zahlen in China steigen erneut

Am Abend berichteten spanische Medien übereinstimmend unter Berufung auf Quellen in der Moncloa, dem Sitz des Regierungschefs in Madrid, dessen Frau Begoña Gómez habe sich mit dem Coronavirus infiziert.

In China ist die Zahl der Infektionen durch das Coronavirus offiziellen Angaben zufolge erneut nur leicht gestiegen. Die Pekinger Gesundheitskommission meldete am Sonntag landesweit 20 weitere Erkrankungen und zehn Todesfälle. Seit Beginn der Epidemie im Dezember haben sich nach offizieller Statistik 80 844 Menschen in Festlandchina mit dem Coronavirus infiziert. Mehr als 65 000 haben die Krankenhäuser wieder verlassen. 3199 Tote sind bislang in der Volksrepublik zu beklagen.

In Südkorea ging erstmals seit mehr als drei Wochen die Zahl der täglich erfassten Corona-Infektionen auf unter 100 zurück. Am Samstag seien 76 Neuinfektionen festgestellt worden, teilten die Gesundheitsbehörden am Sonntag mit. Die Gesamtzahl erreichte damit 8162 Infektionen. Die Zahl der Todesfälle, die mit dem Coronavirus in Verbindung gebracht werden, kletterte um 3 auf 75.

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