Die Polizistin unter den Polizisten

Titel: Mechthild Hinrichs (Innenstadtwache) geht in den Ruhestand Beschreibung:
Foto: CHRIS GOSSMANN

In Hildesheim war sie die erste Frau im Dienst der Schutzpolizei. Das ist 40 Jahre her, nun geht Mechthild Hinrichs in Pension. Zeit, zurückzublicken. Auf Männer, deren Welt Kopf stand angesichts einer Frau in Uniform. Auf einen Kampf um Gleichberechtigung, den sie mit Geduld führte – und mit sehr schlechtem Kaffee.

Hildesheim.

Hildesheims erste Polizistin war 21 Jahre alt und wusste sich durchzusetzen gegenüber den Männern auf der Wache. Gegen den, dessen allererste Worte waren, als sie im April 1981 als eine von 44 Frauen in ganz Niedersachsen ihren Dienst begann: „Oh Gott, ’ne Frau bei der Polizei, da kann ich meinen Job ja gleich an den Nagel hängen.“ Und gegen den, der darauf antwortete: „Ach, wieso denn, ist doch super. Irgendwer muss doch den Kaffee kochen.“ Gegen alle, die sich daraufhin gar nicht mehr einkriegten vor Lachen. Den Jungs hat sie Kaffee gekocht, aber was für welchen! Danach haben sie sie nie wieder gefragt.

Heute hat Mechthild Hinrichs mehr als 40 Dienstjahre hinter sich. Nur noch zwei Tage Arbeit bleiben ihr, ab Dezember ist sie im Ruhestand. Ein alter Hase in einem harten Geschäft, in dem Frauen inzwischen allerdings ein Bild sind, das man gar nicht anders erwarten würde. Die Hälfte aller Einsatzkräfte, die heute von der Polizei eingestellt werden, ist weiblich.

Ob das auch ihr Verdienst ist? „Ach naja“, sagt Mechthild Hinrichs, während sie die Hände auf den Tisch legt wie eine Diplomatin, die Finger ein Stück weit ineinandergeschoben, „das war eine andere Zeit. Wir hatten unsere Probleme und mussten damit klarkommen, sicher. Aber Probleme haben die jungen Frauen auch, die heute zur Polizei kommen. Nur andere.“

Sie ist leise. Zwar spricht sie auch leise, aber ihre Stimme ist es nicht allein. Sie ist ein durch und durch leiser Mensch. Das herausgewachsene graue Haar, das ungeschminkte Gesicht, ihre Gesten, die nicht im Geringsten darauf angelegt sind, dass jemand sie bemerkt. Mechthild Hinrichs tut nicht, was inzwischen fast jeder Mensch tut, bewusst oder unbewusst: Sie macht überhaupt keine Werbung für sich. Den Vordergrund, den überlässt sie denen, die gern dort stehen.

Hat sie immer schon. Relativ unbeeindruckt von dem, was andere sagten oder richtig fanden. Oder schön. Oder normal. Als kleines Mädchen schon wollte sie Polizistin werden, also: Polizist, wie es damals hieß, als die weibliche Form noch undenkbar fern war – als Wort, als Beruf sowieso. Während sie davon träumte, eines Tages in Uniform für Gerechtigkeit zu sorgen, träumten andere Frauen davon, überhaupt arbeiten gehen zu dürfen. Denn dafür brauchten sie bis 1977 noch die Genehmigung ihres Ehemannes.

Aber all das war der jungen Mechthild, die in der Nähe von Hildesheim in einem äußerst liberalen Haushalt aufwuchs, ziemlich egal. Sie fuhr ja auch Motorrad und ging zur Jagd, obwohl das sonst kaum ein Mädchen tat. „Ich glaube, mein Vater hätte auch gern einen Jungen gehabt“, sagt sie, „deswegen fand der immer gut, was ich so machte.“ Auf Bäume klettern, stundenlang durch den Wald streifen, schießen, furchtlos sein.

Und als habe sie genau gewusst, dass es so kommen würde, fand sie eines Tages nach ihrem Abitur eine Anzeige, in der stand: Frauen können sich bei der Polizei zur Aufnahmeprüfung melden. Na bitte. Ging doch. Sie nahm die Anzeige und bewarb sich. So ruhig, trotzig beinahe, als wäre die Polizei nur ihretwegen auf die Idee gekommen, Frauen aufzunehmen. Genau zur richtigen Zeit. Als hätten Träume gefälligst in Erfüllung zu gehen.

Und? Waren sie denn ein Traum, diese 40 Jahre? Eher ja als nein, sagt Mechthild Hinrichs und lacht, ein bisschen nur, sehr leise. „Anfangs war es ungewohnt. Für die Kollegen, aber für mich auch.“ Es war komisch, diese Frauen-Uniform anzuprobieren, von der man annehmen musste, dass jemand sie entworfen hatte, der sie auf jeden Fall nicht tragen musste: Polizeijacke, ein brauner, knielanger Rock, klobige Schuhe. „Darin konnte man sich überhaupt nicht bewegen“, sagt sie, von der allerdings verlangt wurde, dass sie sich darin bewegte.

Was sie gemacht hat? „Mir eine Männeruniform bestellt. Jacke, vernünftige Hose, dann ging’s.“ Zusätzlich dazu erhielten Männer ein Paket mit warmer Unterwäsche und robusten Socken – Frauen nicht. „Also hab ich angefangen, Ringelsöckchen zur Arbeit zu tragen, so ganz bunte. Das wollte dann natürlich auch keiner, und so bekamen auch wir Frauen Socken.“

Jedes Stück Gleichberechtigung hat sie sich erkämpft, erhandelt, ertrickst, wenn es nicht anders ging. „Und so ging es langsam voran, nur mit den Beförderungen nicht, das haben sie uns gleich zu Anfang gesagt: Für Frauen ist im mittleren Dienst Schluss, der gehobene Dienst ist als Ebene tabu.“ Naja, dachte sie am Anfang ihrer Laufbahn, das werden wir noch sehen. Alles zu seiner Zeit.

Erst einmal waren da die Dinge des Alltags. „Wenn ich mit einem Kollegen in Uniform auf die Straße ging, dann starrten die Leute mich an wie eine Außerirdische.“ Bei Verkehrskontrollen weigerten sich manchmal angehaltene Autofahrer, einer Frau ihre Papiere zu zeigen.

„Nicht alle natürlich“, sagt Mechthild Hinrichs jetzt und hebt die Hände. Sie weiß, dass man die Vergangenheit nicht pauschal erzählen kann. Der Zeitgeist damals, der war zwar tatsächlich von irgendeiner Gleichberechtigung weit entfernt, erst recht in den typischen Männerberufen, mit denen man in erster Linie Durchsetzungsvermögen und Körperlichkeit assoziierte. Trotzdem muss man unterscheiden: Manches waren flächendeckende Zustände, anderes nur Anekdoten.

Flächendeckender Zustand: Für Frauen gab es weder Umkleideräume noch Toiletten. „Wie wir später erfahren haben, hatten viele die Beschäftigung von Frauen bei der Schutzpolizei für ein Pilotprojekt gehalten.“ Mit anderen Worten: für ein Experiment, für eine vorübergehende Erscheinung, die sich bald wieder in Luft auflösen würde. Wozu da Extra-Umkleiden?

Anekdote: „Einmal wurde ich mit einem Kollegen zu einer Kneipenschlägerei gerufen. Ins Lokal ging ich voran. Als die Gäste mich sahen, war schlagartig Ruhe, mit einer Polizeibeamtin hatte niemand gerechnet. Das war der Überraschungseffekt.“ Als sie einmal während eines Einsatzes wegen Ruhestörung von Punks im Hildesheimer Wald angegriffen wurde, blieb dieser Überraschungseffekt zwar leider aus. Trotzdem blieb sie äußerlich ganz ruhig und forderte beharrlich-freundlich: „Erstmal die Ausweise, bitte“. Das wirkte. „Aber hinterher habe ich am ganzen Körper geschlottert.“

Erfahrungen, die sie zum Anlass nahm, ihr Besonderssein als Frau, ihre speziellen Fähigkeiten, von nun an bewusst einzusetzen. „Ich glaube schon, dass Frauen überwiegend gut darin sind, zuzuhören. Und einen Sachverhalt, eine Schilderung erst einmal aufzunehmen. Und dann in ein Gespräch auch eine Ruhe bringen können, die unter Männern im Polizeidienst bis dahin gar nicht üblich war.“

Und irgendwann hatten die Kollegen den Kulturschock Frau dann auch verkraftet. Die meisten von ihnen. „Es gab ja auch etliche, die hatten von Anfang an gar kein Problem damit“, sagt Mechthild Hinrichs.

Und doch gab es einen Kollegen, der hörte nie damit auf, ein Problem zu haben. „Obwohl ich neben ihm saß oder stand, sprach der mich nie direkt an. Sondern sagte immer einem anderen Kollegen, er möge mir dies und jenes ausrichten. ,Sag der mal, dass’, hieß es dann immer.“

Aber die Mehrheit akzeptierte sie. Und dann war da ein Kollege, der akzeptierte sie ganz besonders. „Und den habe ich dann auch geheiratet“, sagt Mechthild Hinrichs, „ein Glück, denn wie will man im Schichtdienst auch sonst jemanden kennenlernen.“ Ihr Pragmatismus kann durchaus erfrischend sein.

Mit der vollen Breitseite des Lebens wurde Mechthild Hinrichs konfrontiert, als sie 1991 zur Kripo nach Hannover wechselte und fortan zu Morden, Rauschgift- und Sexualdelikten, Erpressung und Überfällen gerufen wurde. Verglichen damit, sagt sie, sei Hildesheim friedlichste Provinz. Um Leichen mit Pragmatismus begegnen zu können, hat sie einige Zeit gebraucht.

„Und ich weiß auch, dass ich mich an einige Fälle immer erinnern werde. Wenn ich an einem Haus vorbeigehe und weiß: Hinter diesem Fenster, da haben wir damals das Kind entdeckt. Oder da bin ich auf eine häusliche Gewalt zugekommen. Oder auf einen Mord. Das ist dann sofort wieder präsent.“

Später arbeitete sie beim Kriminalermittlungsdienst in Laatzen – nach der Geburt der beiden Kinder nur noch halbtags. Ein Karriereknick, weil sie zu wichtigen Einsätzen oft nicht mehr eingeteilt werde. Da war ihr Mann längst Hauptkommissar im Landeskriminalamt, während sie nun als Polizeioberkommissarin in Pension geht. Man spürt: Das wurmt sie doch. Da hätte sie sich mehr gewünscht, mehr zugetraut. Diesmal ging es nicht in Erfüllung.

Sie freut sich auf die freie Zeit, sagt sie. Auf ein bisschen Ehrenamt, auf die Arbeit im Garten. Der Schichtdienst über 22 Jahre, der hat sie wirklich mitgenommen. Tags, spät, nachts, immer im Wechsel. Und dann die Wochenenden, an denen sie oft an zwei Tagen je zwölf Stunden im Einsatz war.

Vor zwei Jahren hat sie damit aufgehört, seitdem arbeitet sie nur noch im normalen Tagdienst auf der Citywache. „Aber ein ganzes Jahr lang habe ich noch in dem alten Rhythmus geschlafen beziehungsweise nicht geschlafen“, sagt sie. „Wenn unsere Gruppe mit der Nachtschicht dran war, dann lag ich zuhause auch wach.“ Erst mit der Zeit fand sie zurück in ihren eigenen Rhythmus, in eine Regelmäßigkeit, die eigentlich normal sein sollte.

Das wird sich schon alles wieder einspielen, da ist sie sich sicher. Wenn sie geht, dann mit den berühmten zwei Augen, lachend und weinend, sagt sie. Sie hatte keine leichte, aber eine tolle Zeit. Inzwischen ist vieles anders – und nicht alles besser. „Heute steht oft Karriere und Konkurrenzdenken im Vordergrund“, findet Mechthild Hinrichs. Ja, heute haben die Kolleginnen andere Probleme als sie selbst früher.

Die Selbstverständlichkeit aber, mit der heute junge Frauen Polizistinnen werden können, mit der ihnen überhaupt alle Berufe offenstehen – dieses Stück Gerechtigkeit hat auch Mechthild Hinrichs geschaffen. Mit Geduld und Spucke, wie man so sagt, oder in ihrem Fall: Mit Geduld und wirklich sehr, sehr schlechtem Kaffee.

Einmal wurde ich zu einer Kneipenschlägerei gerufen. Als die Gäste mich sahen, war Ruhe – mit einer Frau hatte keiner gerechnet.

Mechthild Hinrichs Polizeioberkommissarin

  • Hildesheim
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