Experten beantworten Fragen

Die wichtigsten Antworten aus dem HAZ-Forum zum Coronavirus

Hildesheim - Was macht das Coronavirus, wie erkennt man Infektionen, wie schützt man sich? Genau diese Informationen haben Experten im HAZ-Forum gegeben.

Hildesheim - Eine Krise – und Fragen über Fragen. Die Dringlichsten zum Thema Corona hat am Dienstagabend eine Expertenrunde im brandaktuellen HAZ-Forum beantwortet: Prof. Dr. Georg von Knobelsdorff, Ärztlicher Direktor des Bernward-Krankenhauses, Thorsten Lüersen, Oberarzt und Hygieneexperte am BK sowie Dr. Michael Hamm, Chefarzt der Klinik für Pneumologie am Helios-Klinikum stellten sich den Interviews der Redakteure Ulrike Kohrs und Jan Fuhrhop. Das sind die wichtigsten Fragen und Antworten.

Wer ist eigentlich Risikopatient und wie wird das definiert?

Zunächst einmal: Jeder kann an Corona erkranken, niemand ist davor gefeit, auch schwer zu erkranken. Besonders gefährdet sind allerdings Menschen, die sich gerade erst in einem Infektionsgebiet aufgehalten haben, so in Österreich, Italien, im grenznahen Raum in Frankreich. Das Robert-Koch-Institut gibt auf seiner Homepage einen ständig aktualisierten Überblick. Darüber hinaus steigt die Gefahr für einen schweren Krankheitsverlauf bei Menschen über 60 Jahre, bei all jenen, die an Diabetes, Atemwegs- und schweren Herzerkrankungen leiden. Männer erkranken statistisch gesehen etwas häufiger als Frauen.

Warum werden Tests bislang nur bei Menschen durchgeführt, die in Risikogebieten waren (und Personen aus deren direktem Umfeld), sofern sie Symptome zeigen? Ist inzwischen nicht überall ein Risikogebiet?

Zum einen stehen Tests und die Laborkapazitäten zur Auswertung nicht unbegrenzt zur Verfügung. Zudem ist jeder Test immer nur eine Momentaufnahme, die in ein paar Tagen schon anders ausfallen könnte. Deshalb werden die Hauptrisikogebiete in den Fokus genommen. Aber auch dem Personal in Notaufnahmen, das immer wieder in Kontakt zu Kranken kommt, wird ein freiwilliger Test angeboten.

Warum werden Menschen mit Coronaverdacht 14 Tage in Quarantäne geschickt?

Nach einer Infektion gibt es eine Inkubationszeit, also Zeit, die verstreicht, bis Symptome auftreten. Wer nach 14 Tagen noch symptomfrei ist, hat sich sehr wahrscheinlich nicht angesteckt.

Wenn jemand die Krankheit überstanden hat, ist er dann immun?

In der Regel hinterlässt eine Virusinfektion eine Immunität, aber wie lange sie bei Corona anhalten wird, lässt sich noch nicht sagen, schließlich gibt es das Coronavirus erst seit wenigen Monaten. Von SARS, einem verwandten Virus, ist bekannt, dass Antikörper für drei bis fünf Jahre nachweisbar sind. Eventuell ist das bei Corona ähnlich. Ob der Schutz aber lebenslang hält, weiß heute noch niemand.

Sollte man jetzt noch Joggen, Radfahren, Spazierengehen?

Grundsätzlich stärkt gemäßigter Sport das Immunsystem. Bislang gibt es bei uns zum Glück ja noch wenig Infizierte, aber die Zahlen steigen. Wenn jemand allein durch den Wald läuft, passiert nichts. Aber es besteht die Gefahr, dass man dann doch Nachbarn oder Bekannte trifft – und womöglich ganz automatisch die ausgestreckte Hand ergreift.

Apropos Händeschütteln. Ist es ratsam, im privaten Umfeld Desinfektionsmittel zu benutzen oder reicht Händewaschen?

Im privaten Bereich reicht es völlig, sich die Hände gründlich, also etwa 30 Sekunden lang, mit Wasser und Seife zu waschen. Das entspricht in etwa der Zeit, die es braucht, zwei Mal „Happy Birthday“ zu summen. Wichtig auch: Fingernägel nicht vergessen und Schmuck abnehmen, denn unter Ringen können Viren die Waschattacke unbeschadet überstehen. Desinfektionsmittel hingegen sollten dem klinischen Bereich vorbehalten bleiben.

Was ist von Schutzmasken zu halten? Schützen Sie wirklich?

Da verhält es sich wie mit den Desinfektionsmitteln: Für den Hausgebrauch sind auch sie nicht nötig. Die einfachen dünnen OP-Masken verhindern, dass der Operateur Keime auf den Patienten überträgt. Eine filternde Wirkung für den Träger haben nur mehrlagige FFP-2- oder FFP-3-Masken, die Ärzte und Pfleger bei direktem Kontakt mit Infizierten tragen. FFP steht für Filtering Face Piece.

Ist es sinnvoll, sich gegen Pneumokokken impfen zu lassen?

Grundsätzlich haben beide Infektionen nichts miteinander zu tun. Pneumokokken sind Bakterien, Corona Viren. Aber gerade für Ältere mit Vorerkrankungen ist es sinnvoll, sich gegen einen Erreger impfen zu lassen, der wie Corona die Lunge angreift. Aber auch hier reicht der Impfstoff nicht für alle. Jüngere brauchen sich nicht impfen zu lassen.

Wenn jemand an Corona verstirbt, ist sein Leichnam dann noch infektiös?

Weil der Verstorbene nicht mehr atmet und hustet, ist der Übertragungsweg unterbrochen. Die Infektionsgefahr ist äußerst gering. Bei der Beisetzung sollten Angehörigen aber bedenken, dass sie als Kontaktpersonen dem Verstorbenen sehr nahe gekommen sind – und nun selbst zur Gefahr für andere werden könnten.

Welche Symptome sind typisch für eine Coronainfektion?

Tatsächlich weisen die Symptome nicht eindeutig auf eine Coronainfektion hin. Typisch sind Rachenbeschwerden, Husten, ein Drittel der Infizierten hat Fieber, seltener gibt es Durchfall. Die Trennung von Corona- und Influenza-Beschwerden ist schwierig. Wer sich abgeschlagen, schlapp und krank fühlt, sollte telefonisch Kontakt mit einem Arzt aufnehmen. Nach jüngsten Beobachtungen sollen viele Corona-Infizierte vorübergehend für einige Tage ihren Geruchs- und Geschmackssinn verlieren.

Wann wird es voraussichtlich einen Impfstoff geben?

Die Frage lässt sich noch nicht beantworten. Denn die Entwicklung eines Impfstoffs ist nicht einfach, wie das Beispiel Ebola zeigt. In diesem Jahr wird es mit hoher Wahrscheinlichkeit noch keinen Impfstoff geben. Auch weiß man noch nicht wirklich, wie mutationsfreudig das Virus ist. So muss ein Grippeimpfstoff auch in jeder „Saison“ neu entwickelt werden, weil das Grippevirus seine Oberflächeneigenschaften ändert. Allerdings stellt sich Michael Hamm auch die Frage, wie hoch die Impfbereitschaft sein wird, wenn „die Panikwelle abgeflaut“ ist. Trotz Impfstoff gibt es jährlich Zehntausende von Grippetoten.

Besteht die Gefahr, sich über Obst und Gemüse, das roh verzehrt wird, anzustecken?

Frisches Grünzeug sollte man grundsätzlich gründlich waschen. Aber schon wegen der Länge der Lieferkette erlischt die Virusaktivität, die Früchte können ohne Bedenken gegessen werden. Das gilt auch für Obst und Gemüse aus Italien oder Spanien, wo die Infektionszahlen gerade steil ansteigen.

Wie lange bleiben Coronaviren außerhalb des Körpers gefährlich?

Die Ansteckung erfolgt in der Regel über eine Tröpfcheninfektion: Durch Reden, Husten, Niesen werden Viruspartikel in winzigen Tröpfchen in die Umgebung gebracht und umgeben den Patienten wie eine Wolke. Mit der Zeit sinken die Tröpfchen zu Boden, was allerdings einige Minuten dauern kann. Zugleich sinkt mit dem Abstand zur Quelle die Konzentration der Tröpfchen. Mit einem Abstand von einer Armlänge, besser noch zwei Metern dürfte man ziemlich auf der sicheren Seite sein. Unabhängig davon sollte jeder einzelne die „Hustenetikette“ wahren. Nicht in die Luft, sondern in die Armbeuge oder in ein Einmaltaschentuch niesen oder husten.

Wie lange überleben die Viren auf Oberflächen?

Unter idealen Laborbedingungen konnte das Virus noch nach neun Tagen nachgewiesen werden. Im normalen Alltag und je trockener es wird, ist die Zeit viel kürzer. Dennoch sollte man vorsichtig sein. Das Robert-Koch-Institut zitiert eine amerikanische Studie, wonach das Virus sich auf Edelstahl- und Kunststoffoberflächen bis zu 72 Stunden halten könnte. Der Virologe Christian Drosten von der Charité in Berlin bezweifelt die Zahlen. Es sei ein großer Unterschied, ob dieses Virus in einem großen oder in einem kleinen Flüssigkeitstropfen ist – oder in einem Tropfen, der fast gar kein Volumen hat. „Drei, vier Partikel lösen noch keinen Infekt aus“, betont Thorsten Lüersen. Auf Geldscheinen könnte sich das Virus wohl ein paar Stunden halten, wenn auch nur in geringen Mengen. Kontaktloses Bezahlen ist nun der Königsweg. Die Gefahr, dass Grundwasser kontaminiert wird, geht gegen Null.

Kann von Haustieren die Gefahr einer Übertragung ausgehen?

Haustiere stecken sich nach jetzigem Kenntnisstand nicht an, zumal die Tiere, die das Virus auf einem chinesischen Fischmarkt in Wuhan auf den Menschen übertragen haben, hier nicht leben. Wissenschaftler vermuten, dass spezielle Fledermäuse streng geschützte Schuppentiere infiziert haben, die illegal gehandelt wurden. Bislang wurde auch nicht beobachtet, dass das Virus durch Streicheln von Haustieren von einem Menschen auf den anderen weitergeben wurde.

Droht Niedersachsen in Kürze ein „Shut down“, also ein komplettes Stilllegen des öffentlichen Lebens?

Noch bewegt sich eine Antwort im Bereich der Spekulation. Alles hängt vom Infektionsverlauf der nächsten zwei Wochen ab. Aktuell steigt die Zahl der Neuansteckungen noch steil. In Italien gab es das große Problem, dass die Infektionsherde nicht gefunden und somit die Infektionsketten nicht nachvollzogen werden konnten. Das sei in Deutschland besser gelaufen: Die ersten Fälle entwickelten sich in einer Bayerischen Firma mit chinesischer Referentin, danach kam der Karneval im Kreis Heinsberg. „Da haben wir unsere erste kleine Katastrophe erlebt“, sagt Lüersen. Die rigoroseren Schritte zur Eindämmung der Übertragungen seien jetzt „genau richtig“. Doch ob sie wirklich reichen werden, zeigen die nächsten Wochen.

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