Besuch in der Stadt

Botschaft des Ex-Ministers in Hildesheim: „Habt keine Furcht“

Hildesheim - Azouz Begag war Integrationsminister Frankreichs. Am Gymnasium Himmelsthür hat der 62-Jährige mit Schülern diskutiert. Am Freitag will er am Toleranzfestival teilnehmen.

Azouz Begag ist drei Tage in Hildesheim.Foto: © Marie-Lan Nguyen / Wikimedia Commons / Chris Gossmann

Hildesheim - Es dürfte noch nicht oft vorgekommen sein, dass ein ehemaliger Minister Frankreichs für Hildesheimer Schüler singt. Doch genau das machte Azouz Begag am Mittwoch im Gymnasium Himmelsthür. Der 62-jährige frühere Integrationsminister unter Premierminister Dominique de Villepin und Staatspräsident Jacques Chirac erhob sich im Saal der Schule und sang „La vie en rose“. Das war ungewohnt. Aber schön. Und die Zwölftklässler bedankten sich am Ende mit lautstarkem Applaus.

Hunderte Schüler des Himmelsthürer Gymnasiums und der Michelsenschule hatten am Mittwoch und haben am Donnerstag die Gelegenheit, den ehemaligen Politiker, Wissenschaftler und Schriftsteller zu erleben. Am Freitag wird er zudem am Toleranzfestival teilnehmen.

Vor allem seine Tätigkeit als Literat hat dazu geführt, dass Begag nach Hildesheim gelotst werden konnte. Pierre Pihet, gebürtiger Franzose und Lehrer am Gymnasium Himmelsthür, hat seit Jahrzehnten ein Faible für die Werke des in Lyon geborenen, algerischstämmigen Mannes. „Seine Autobiografie ist seit 20 Jahren Teil meines Unterrichts“, erzählt Pihet. Er ist während des Hildesheim-Besuchs auch Gastgeber des Landsmanns. „Er wohnt bei mir zuhause.“

Auffallend unprätentiös

Für ein ehemaliges Regierungsmitglied ist Begag nicht nur auffallend unprätentiös, er ist auch ausnehmend unterhaltsam. Er erzählt von einer harten Jugend in Lyon, davon, wie schwer Integration sein kann und welche Schlüsselfunktion die Sprache dabei stets einnehme. „Sie ist das Wichtigste bei der Integration von Menschen.“

Wie wichtig ihm Sprache insgesamt ist, wird während des gesamten Besuchs deutlich. Begag mischt die Sprachen munter durcheinander. Neben Französisch und Arabisch beherrscht er Italienisch, Spanisch und ein wenig Deutsch. Die Schüler ermuntert er immer wieder, das gewohnte Deutsch zu verlassen. Ob er sich selbst als Franzose oder als Algerier sehe, wird er gefragt. „Als beides“, antwortet der 62-Jährige. „Das ist wie bei Cuba Libre oder einem Mojito“, fügt er lächelnd hinzu. „Die Cocktails sind auch aus mehreren Zutaten entstanden – und das ist auch gut so.“

Die Schüler wollen vieles von Begag wissen. Etwa, wie sich seiner Meinung nach Konflikte zwischen alteingesessenen Bürgern und Zugezogenen verhindern lassen. Diese, so der Angesprochene, seien im Grunde deutlich kleiner als in der Öffentlichkeit wahrgenommen. Aber die Konflikte, die es tatsächlich gebe, gehörten dazu. „Eine Gesellschaft ohne Konflikte ist eine Diktatur“, sagte Begag.

Am Ende bittet Schulleiter Stephan Speer den Gast darum, den Schülern eine Botschaft mit auf den Weg zu geben. Aber das lässt sich kaum in wenig Worte fassen. Am ehesten, dass sie keine Furcht haben sollen. „Ich träume von einer Gesellschaft ohne Furcht“, sagte Begag. Nicht einmal vor dem Tod. „Ihr seid alle unsterblich.“

  • Hildesheim
Anmerkung zum Artikel

Sie haben einen Fehler im Artikel gefunden? Oder haben Sie weitere Informationen zu dem Thema für uns? Dann teilen Sie uns diese gerne mit.

Weitere Artikel