Stimmen aus Hildesheim

Hand aufs Herz: Was halten Sie von einer allgemeinen Impfpflicht?

Hildesheim - Deutschland steuert auf eine Impfpflicht zu. Ist sie ethisch und moralisch gerechtfertigt? Dazu äußern sich eine Bischöfin, ein Theologieprofessor, ein genesener Covid-Patient, eine Ärztin und ein Bundestagsabgeordneter aus Hildesheim.

Umstritten: eine Pflicht zur Corona-Impfung. Foto: Chris Gossmann

Hildesheim - Eine Impfpflicht für das Gesundheitswesen ist vereinbart, über eine allgemeine Impfpflicht für alle Bürger soll der Bundestag Anfang des Jahres entscheiden. Lange war ein solcher Schritt tabu, umstritten ist er nach wie vor. Eine Bischöfin, ein Theologieprofessor, ein genesener Covid-Patient und eine Ärztin aus Hildesheim sagen, was sie von einer Impfpflicht halten: Ist sie ethisch und moralisch gerechtfertigt? Dazu hatte sich gegenüber der Redaktion auch schon der Tübinger Theologe Prof. Dr. Franz-Josef Bormann geäußert, der ebenfalls aus Hildesheim stammt.

Adelheid Ruck-Schroeder, Regionalbischöfin im Sprengel Hildesheim-Göttingen:

„Ich hatte wie viele andere gehofft, dass wir eine ausreichende Impfquote ohne Impfpflicht erreichen“, sagt Adelheid Ruck-Schröder, Regionalbischöfin des Sprengels Hildesheim-Göttingen. Das sei aber nicht der Fall. Deshalb sei die Impfpflicht jetzt unausweichliches Mittel, die Pandemie zu überwinden. „Die Freiheit eines Christen dient ja immer auch der Nächstenliebe. Sie bedeutet nicht, dass jeder machen kann, was er will, sondern dass wir alle zusammen Verantwortung in der Gemeinschaft übernehmen,“ so Ruck-Schröder. Als sie Ende Oktober in der Bürgerkirche St. Andreas anlässlich des Reformationstages predigte, hatte sie ihren Fokus auf das Wort „Freiheit“ gelegt. Einen Begriff, der derzeit gerne von Impfskeptikern und vor allem -gegnern auf Transparenten hochgehalten wird, um zu betonen, dass sie ihre Bürgerrechte in Gefahr sehen. Die Regionalbischöfin wies in ihrer Predigt darauf hin, dass Freiheit niemals die eigene meine, sondern die „Freiheit in Gemeinschaft“. Und das bedeute eben auch, es gebe eine Grenze, „die liegt im Heil des anderen“, sagte Ruck-Schröder in der Predigt. Wenn man durch sein eigenes Verhalten das Leben anderer Menschen gefährde, ende Freiheit. Freiheit müsse auch immer im Zusammenhang mit Verantwortung gelebt werden.

Dieter Scholz, genesener und zunächst schwer erkrankter Covid-Patient:

„Es ist traurig, dass wir überhaupt darüber nachdenken müssen, eine Impfpflicht einzuführen“, sagt Dieter Scholz. Weil es aber Menschen gebe, die mit Vernunft und Argumenten nicht zu überzeugen seien, ist er unbedingt für eine Impfpflicht. Scholz war sehr schwer an Corona erkrankt, hat mehrere Monate in der Klinik gelegen, auf der Intensivstation um sein Leben gekämpft. Noch heute leidet er unter den Folgen der Erkrankung – physisch wie auch psychisch. Dass Impfgegner ausgerechnet mit dem Recht auf körperliche Unversehrtheit argumentieren, ist für ihn nicht nachvollziehbar. Jeden Tag sterben Menschen an Corona, weil die Pandemie ohne Impfung nicht in den Griff zu kriegen ist. „Ich gehöre zu einer Generation, die mit Impfpflicht aufgewachsen ist“, sagt er und erinnert an die Pockenschutzimpfung, die Kinder einst sogar im Klassenzimmer bekommen haben. Irgendwann war die Krankheit weg, dann sei auch die Impfung folgerichtig eingestellt worden. Und noch etwas führt er an: Die Impfgegner würden auf Selbstbestimmung und Demokratie pochen, „aber ich muss mich wegen einer Minderheit in meinem Leben einschränken, das passt nicht zusammen.“

Bernd Westphal, Hildesheimer Bundestagsabgeordneter:

„Ich bin dafür“, sagt der Hildesheimer Bundestagsabgeordnete Bernd Westphal (SPD) ohne Umschweife auf die Frage, was er von einer Impfpflicht hält. „Im Gesundheitswesen kommt sie ja jetzt ohnehin“, sagt er. Dort gebe es aber sowieso in den meisten Einrichtungen schon hohe Impfquoten. Was die breite Bevölkerung angeht, meint der Abgeordnete: Es sei leider nicht gelungen, Unentschlossene und Skeptiker zur Impfung zu motivieren. „Und jetzt“, sagt er, „müssen wir einfach irgendwie die Allgemeinheit schützen.“ Westphal betont, dass es nicht um einen Impfzwang gehe: „Da wird ja nicht die Polizei klingeln und Menschen zum Impfen abführen.“ Kürzlich hat sich der Abgeordnete die Seuchen-Ausstellung im Roemer- und Pelizaeus-Museum angeschaut, deren Untertitel lautet „Fluch der Vergangenheit – Bedrohung der Zukunft“. Mit Blick auf die Gegenwart meint Westphal: „Früher wären die Menschen froh gewesen, wenn sie wirksame Impfstoffe gegen Seuchen gehabt hätten. Und heute wären sicherlich viele andere Länder froh, wenn sie denselben Zugang wie wir in Deutschland zu den Corona-Impfstoffen hätten.“ Er hat hierzulande ein wachsendes Misstrauen ausgemacht, das über die Corona-Krise hinausgeht. „Es müsste einmal analysiert werden, woher das kommt.“

Prof. Dr. Alexander Merkl, Juniorprofessor für Theologische Ethik an der Universität Hildesheim:

Der Kampf gegen Covid-19 kann nicht in Deutschland allein gewonnen werden: Das betont wie Franz-Josef Bormann auch dessen Kollege Alexander Merkl, Juniorprofessor für Theologische Ethik an der Universität Hildesheim. Er erinnert daran, dass wegen der ungleichmäßigen weltweiten Verteilung der Impfstoff schon der Vorwurf eines „Impf-Nationalismus“ im Raum stehe. Länder des globalen Südens seien in der Regel nur „Impfdosenspendenempfänger“, reiche Staaten hätten sich durch bilaterale Verträge mit der Pharmaindustrie einen Vorsprung verschafft. Merkl fehlt die „universale Geschwisterlichkeit“, die Papst Franziskus in seiner gleichnamigen Enzyklika „Fratella tutti“ forderte. Moderner ausgedrückt: Solidarität. Sie hat Deutschland lange durch die Pandemie geholfen, droht aber zu kippen, je mehr sich das Spannungsverhältnis zwischen Geimpften und Ungeimpften zuspitzt. „Eine gesellschaftliche Schieflage, die zu einer Spaltung führen könnte, ist zu vermeiden, um die so zentrale Solidarität nicht weiter zu schwächen“, mahnte Merkl im Juli in einem gemeinsamen Fachartikel mit der Moraltheologin Kerstin Schlögl-Flierl. Gleichheit, legen beide mit Blick auf die Impf-Debatte dar, sei zwar ein wesentlicher Teilaspekt von Gerechtigkeit. Aber eben nur ein Teilaspekt.

Martina Wenker, Ärztin aus Hildesheim und Präsidentin der Ärztekammer Niedersachsen:

 „Die Impfungen sind unser Weg aus der Pandemie – eine andere, bessere Exit-Strategie ist nicht in Sicht“ – zu dem Ergebnis kommt Martina Wenker, Präsidentin der Ärztekammer Niedersachsen und Lungenfachärztin aus Hildesheim. In einer Erklärung fordern sie und die Mitglieder der Kammer deshalb eine Impfpflicht für all diejenigen Erwachsenen, bei denen es keine medizinischen Gründe dagegen gibt. Wenn die Intensivbetten mit Covid-Patientinnen und -Patienten belegt seien, würden andere schwer Erkrankte erneut das Nachsehen haben, argumentiert Wenker und erinnert, dass erste Kliniken im Bundesgebiet die Belastungsgrenze erreicht hätten. Mit einer stagnierenden Impfquote von rund 70 Prozent gelinge es nicht, die extrem infektiöse Delta-Variante in Schach zu halten. Schon drohe wieder ein Lockdown mit immensen Belastungen für die Gesellschaft – allen voran für die Kinder und Jugendlichen. „Während der bisherigen Pandemie haben viele Menschen eine große Solidarität bewiesen und zum Wohle der Gesellschaft diszipliniert zurückgesteckt: Doch das allein kann die vierte Welle nicht brechen.“ Wichtig sei es, die Zahl der nicht geimpften Menschen zu reduzieren und den Schutz der Geimpften durch schnelle Booster-Impfungen zu gewährleisten.

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