Tarifausgleich an Theatern

Finanzloch für Hildesheimer tfn: Wie will Intendant Oliver Graf sparen?

Hildesheim - Tarifausgleich an kommunalen Theatern reißt auch im Hildesheimer tfn Loch in die Kasse. Intendant Oliver Graf will auf keinen Fall am Programm sparen – aber wo dann?

Mehr als 1000 Theaterleute protestierten Mitte November in Hannover gegen die Sparpläne der Landesregierung. Foto: Björn Stöckemann (Archiv)

Hildesheim - Die Haushaltspläne der Landesregierung dürften für das Theater für Niedersachsen (tfn) ein Schlag ins Kontor sein. Auch die politische Liste sieht insgesamt lediglich 440 000 Euro für den Tarifausgleich an den fünf kommunalen Theatern in Hildesheim, Celle, Göttingen, Lüneburg und Osnabrück vor. Nötig wären aber mindestens zwei Millionen Euro, so die Betroffenen.

Wie groß die Lücke ist, steht noch nicht fest

In welcher Höhe die Finanzen des tfn davon betroffen sind, kann Intendant Oliver Graf noch nicht abschätzen. Er betont aber, dass sich das nicht direkt auf das Programm auswirken soll. „Selbst wenn wir zwei Produktionen streichen oder eine Spielzeit lang auf Bühnenbilder und Kostüme verzichten würden, wäre das kein Ausgleich.“

Seit mittlerweile drei Jahren protestieren Beschäftigte der freien und kommunalen Theater gegen die Finanzierung ihrer Häuser. 2018 stellten die Regierungsfraktionen infolgedessen 1,5 Millionen Euro über die politische Liste zur Verfügung. Problem: Schon damals waren die Tarifsteigerungen nicht eingepreist. Es gab eine Protokollnotiz, dass die Beteiligten darüber nachverhandeln wollten. Passiert ist das nicht. Schon 2019 warnte der damalige tfn-Chef Jörg Gade, dass von der Finanzspritze aus Hannover so nichts übrig bliebe. „75 Prozent unserer Ausgaben sind Personalkosten“, erklärt Nachfolger Graf.

Personaldecke ohnehin sehr dünn

Das Aktionsbündnis „Rette Dein Theater“, welches auch in Hildesheim aktiv ist, verliest nach jeder Aufführung am tfn einen Text. Danach entspricht der Fehlbetrag, den die Tarifsteigerungen verursachen, den Kosten von etwa zehn Beschäftigten. Auf dem Papier sei das richtig, bestätigt Graf. „Das heißt aber nicht, dass deswegen nach dieser Spielzeit zehn Leute auf der Straße stehen“, betont er. Die Personaldecke am tfn ist ohnehin dünn. „Wir arbeiten auf dem letzten Loch“, sagt Graf. „Ich kann unseren Leuten nicht noch mehr aufbürden.“ Betroffen wäre das sogenannte künstlerische Personal, die nach dem Normalvertrag Bühne (NV-Bühne) beschäftigt sind. Darunter fallen die Ensembles, aber auch Regieassistenz oder Hospitanzen.

Bevor Graf dort den Rotstift ansetzen würde, will er lieber „andere Investitionen stoppen“. Das wäre zwar auch „eine Katastrophe“, so Graf. Sparen beim Programm setze aber eine Abwärtsspirale in Gang. Denn: Weniger Personal bedeutet weniger Produktionen. Weniger Produktionen bedeuten weniger Publikum. Weniger Publikum bedeuten weniger Geld vom Land. Dort ist auch Markus Brinkmann mit der Lage „nicht glücklich“. Der Landtagsabgeordnete aus Sarstedt ist allerdings Ärger gewohnt. Für die SPD sitzt er im Finanzausschuss des Landes, gehört in der Fraktion zum Arbeitskreis für den Haushalt. „Ich habe es noch nie erlebt, dass jemand zufrieden war“, sagt er und ergänzt: „Dass wir helfen, ist ein Signal“ – mit gleichzeitigem Verweis auf den Umstand, dass es sich um kommunale Theater handele.

Defizitären Kulturbetrieb

Genauso gern, wie die Landesebene die Kommunen in die Pflicht nimmt, halten die entgegen, dass ihnen die Mittel fehlten, noch mehr in den grundsätzlich defizitären Kulturbetrieb zu stecken. Tatsächlich investiert Hildesheim einen Großteil des Kulturetats in das tfn.

Der Landes-Doppelhaushalt für 2022 und 2023 „ist gelaufen“, erklärt Brinkmann. In der neuen Legislatur müsse sich eine „neue Regierung“ mit „neuen Mehrheiten“ die Sache anschauen. Bis dahin sei die aktuelle Lösung immerhin „besser als nichts“.

Aktionsbündnis „Rette Dein Theater

Mehr als 100 Künstlerinnen und Künstler vom Hildesheimer Theater für Niedersachsen (tfn) und vom Theaterhaus hatten sich Mitte November an einer Demo in Hannover beteiligt. Die insgesamt mehr als 1000 Teilnehmenden protestierten gegen die Sparpläne der Landesregierung. Aufgerufen hatte dazu das Aktionsbündnis „Rette Dein Theater“. Die Kulturschaffenden kritisieren unter anderem, dass die Landesregierung, laut Entwurf des Doppelhaushaltes für 2022 und 2023, die Tarifsteigerungen nicht übernehmen möchte. Das käme einer Kürzung des ohnehin knappen Kulturetats gleich. Darüber hinaus fordert die Freie Szene unter anderem eine Spielstättenförderung, also verlässliche Gelder für ihre Häuser. Für das kommende Jahr ist diese jetzt zumindest ausgeschrieben, aber wieder nur befristet. Der Fortbestand des Theaterhauses hängt unter anderem daran. Im Dezember entscheiden die Regierungsfraktionen von SPD und CDU über den Haushalt.

  • Hildesheim
  • Hildesheim
Anmerkung zum Artikel

Sie haben einen Fehler im Artikel gefunden? Oder haben Sie weitere Informationen zu dem Thema für uns? Dann teilen Sie uns diese gerne mit.

Weitere Artikel