Die Baustelle im Mund

Hildesheimer Kinder stark vom Phänomen Kreidezähne betroffen

Hildesheim - Eine Erhebung der Barmer Krankenkasse zeigt: In Hildesheim haben im landesweiten Vergleich überdurchschnittlich viele Kinder diese Zahnschmelzstörung. Warum? Und was können Eltern und Kinder tun?

Acht Prozent der Kinder in Hildesheim haben Kreidezähne. Foto: Patrick Pleul/dpa

Hildesheim - Zähne, die wie Kreide bröckeln. Klingt beklemmend, ist aber ein Phänomen, das immer mehr Kinder betrifft – und es hat nichts mit mangelnder Zahnpflege zu tun. Vielmehr sorgt eine Störung im Zahnschmelz dafür, dass Zähne verfärben, fleckig, porös und extrem kariesanfällig werden.

Fachleute sprechen von Molaren-Inzisiven-Hypomineralisation (MIH), die Laien tatsächlich von Kreidezähnen, weil diese sprichwörtlich wie Kalkstein brechen können. Die genauen Ursachen dafür sind wissenschaftlich nicht geklärt. Fakt ist aber, dass in Hildesheim im landesweiten Vergleich überdurchschnittlich viele Kinder von diesem Problem betroffen sind, wie eine aktuelle Erhebung der Barmer Krankenkasse zeigt.

Acht Prozent in Hildesheim

Mit acht Prozent Betroffener schneidet Hildesheim schlecht ab, heißt es darin. Daniel Oppermann, Regionalgeschäftsführer der Barmer in Hildesheim und Alfeld, spricht von „einem alarmierenden Befund.“ Etwa 230 000 Sechs- bis Neunjährige waren bundesweit im Jahr 2019 wegen Kreidezähnen in zahnärztlicher Behandlung, davon allein über 15 000 in Niedersachsen – umgerechnet macht das einen Anteil von etwa sieben Prozent. Stärker betroffen sind nur noch der Westen und Nordosten Deutschlands. Spitzenreiter ist dabei Nordrhein-Westfalen mit 10,2 Prozent, die wenigsten Fälle weisen Hamburg (5,5 Prozent) und Bremen (5,9 Prozent) auf. Dass es massive regionale Unterschiede gibt, sei rein medizinisch nicht erklärbar, so Oppermann.

Es ist ebenso nicht final geklärt, warum Schneide- als auch Backenzähne nicht genügend Mineralien einlagern, damit der Zahnschmelz hart genug wird. Die Schmelzbildungsstörung tritt bereits auf, bevor die Zähne durchbrechen. Das heißt also: Während sie in der Tiefe im Kieferknochen entstehen, kommt es dort schon dazu, dass der Schmelz nicht richtig ausgebildet wird. Auf Röntgenbildern lässt sich das nicht erkennen. Auftreten kann die Krankheit sowohl bei den Milch- als auch bei den bleibenden Zähnen.

Weichmacher ein Auslöser?

Als ein möglicher Auslöser gilt zum Beispiel der Kunststoffweichmacher Bisphenol A, der bei der Herstellung von Plastikflaschen, aber auch in Babyprodukten wie Schnullern zum Einsatz kommt. Er gehört zu den weltweit am häufigsten verwendeten synthetischen Chemikalien. Das Problem: Es wirkt wie eine Art hormoneller Schadstoff, da er eine östrogen-ähnliche Wirkung hat und den Hormonhaushalt verändert. „Es kommen unter anderem aber auch Mikroplastik in Spielzeugen oder in kosmetischen Produkten, Probleme in der Schwangerschaft, die Einnahme von Antibiotika, aber auch Erkrankungen wie Windpocken in Frage“, so Oppermann.

Insgesamt lässt sich mit Blick auf die Krankenkassen-Auswertung festhalten, dass Kreidezähne insgesamt ein großes Gesundheitsproblem geworden sind. Denn: „Kreidezähne bedürfen bei schwerer Ausprägung lebenslang einer Behandlung beziehungsweise Folgebehandlungen“, sagt Oppermann. Ästhetik spielt dabei nur eine Nebenrolle, vielmehr gehen Schmerzen damit einher, reagieren die Zähne des Kindes extrem empfindlich auf Berührungen und Temperatur.

Spurensuche begonnen

Die Barmer hat begonnen, nach Mustern zur Entstehung und Verbreitung zu suchen. Vertiefende Analysen zu potenziellen Ursachen will sie im Zahnreport 2021 präsentieren. Ein Ergebnis aus der Analyse steht bereits: Sowohl Kinder aus einkommensschwachen als auch aus sehr einkommensstarken Elternhäusern werden verstärkt wegen Kreidezähnen behandelt. „Dabei sind einige Studien bisher davon ausgegangen, dass Kinder aus einkommensschwachen Schichten besonders betroffen sind“, sagt Oppermann.


Drei Fragen an Martin Quast

Handelt es sich bei den Kreidezähnen um eine Art Modeerscheinung oder gab es sie schon immer?

Eine Modererscheinung sind sie nicht, vielmehr ein Phänomen, dass in den letzten Jahren vermehrt aufgetreten ist. Entwicklungsstörungen im Zahnschmelz gab es zwar auch früher schon, aber Hypomineralisation in dieser Intensität wurde erst in den vergangenen Jahren verstärkt diagnostiziert. Dabei handelt es sich nicht nur um ein rein kosmetisches Problem, sondern Kreidezähne bringen auch Beschwerden mit sich. Wenn der Schmelz als Schutzschicht des Zahns zur Schwachstelle wird, ist das die Eintrittspforte für weitere Erkrankungen wie Karies, Schmerzempfindlichkeit und geht bis zum Abbrechen der Höckerstellen. Die Zähne brechen wie Kreide, daher auch der Name.

Wie werden Kreidezähne behandelt?

Letztlich kann man Kreidezähne nur symptomatisch behandeln. Je nachdem, wie weit fortgeschritten die Erkrankung ist, kann man die Fissuren versiegeln, um eine Schmerzlinderung zu erreichen. Eine weitere Maßnahme ist das Fluoridieren zur Kariesprophylaxe. Gegebenenfalls kommen Füllungen in Betracht. Wenn es ganz hart auf hart kommt und ein Zahn so geschwächt ist, dass er nicht mehr gerettet werden kann, müsste er vielleicht sogar entfernt werden. Es sollten auf jeden Fall engmaschige Kontrollen alle drei bis sechs Monate stattfinden.

Gibt es vorbeugende Maßnahmen?

Da die Ursache dieser Erkrankung unklar ist und schon in der Entwicklungsphase der Zähne entsteht, ist das nicht so einfach zu beantworten. Auf jeden Fall spielt Ernährung eine Rolle, so sollte zuckerreiche Ernährung eingeschränkt werden.

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