Totschlag

Hildesheimer Prozess um Säuglingstod: 33-jähriger Vater zu acht Jahren Haft verurteilt

Hildesheim - Nach einer langwierigen Beweisaufnahme hat das Landgericht Hildesheim den Angeklagten wegen Totschlags an seinem Sohn schuldig gesprochen.

Zu jedem Prozesstag wurde der Angeklagte aus der Untersuchungshaft ins Landgericht gebracht – jetzt hat die Kammer ihn verurteilt. Foto: Chris Gossmann

Hildesheim - Das Landgericht Hildesheim hat am Freitag einen 33-Jährigen wegen Totschlags an seinem knapp drei Monate alten Sohn zu acht Jahren Haft verurteilt. Die Kammer unter Vorsitz von Rainer de Lippe sah es nach Abschluss der seit 5. November laufenden Beweisaufnahme als erwiesen an, dass der Angeklagte im März 2021 seinen Sohn so heftig geschüttelt hatte, dass der Junge starke Hirnblutungen erlitt und an den Folgen schließlich verstarb. Das Gericht lag damit auf einer Linie mit Staatsanwalt Stefan Gabor, der eine achtjährige Gefängnisstrafe gefordert hatte.

Gabor hatte von Anfang an die Sicht vertreten, dass der Angeklagte sich des Totschlags schuldig gemacht hatte und bezeichnete das Verfahren in seinem Plädoyer als eines, das auch für in Strafprozessen erfahrene Juristen „außergewöhnlich tragisch ist.“ Warum genau der Angeklagte, der zum mutmaßlichen Tatzeitpunkt alleine mit dem Kind war, den Säugling „mindestens fünf Sekunden“ heftig hin und her geschüttelt habe, lasse sich nicht exakt erklären, so Gabor.

Staatsanwaltschaft vermutet Reaktion auf „Schreiphase“

Wahrscheinlich sei jedoch eine „Schreiphase“ des Kindes, auf die der 33-Jährige reagiert habe. Gabor ging davon aus, dass der Vater den Tod seines Sohnes „sicherlich nicht gewollt“ habe – dennoch sei ihm „die Gefahr tödlicher Verletzungen des Säuglings bewusst gewesen“. Der Angeklagte sei vermutlich emotional angespannt gewesen, seine Steuerungsfähigkeit sei aber keineswegs eingeschränkt oder gar aufgehoben gewesen.

Im Verlauf des Verfahrens haben mehrere Rechtsmediziner und Ärzte ausgesagt, die Verletzungen des Babys ließen sich mit hoher Wahrscheinlichkeit auf ein erlittenes Schütteltrauma zurückführen. Die Verteidiger des Vaters hingegen haben wiederholt die These aufgestellt, das Kind könnte womöglich infolge eines epileptischen Krampfanfalls nach einem durch eine Mehrfachimpfung ausgelösten allergischen Schock gestorben sein.

Verteidiger: Angeklagter sei liebevoller Vater gewesen

Von dieser Argumentation rückten die Anwälte am letzten Verhandlungstag ab: Es lasse sich nicht abstreiten, dass der Säugling ein Schütteltrauma erlitten habe. Doch Thorsten Grunenberg, der auch im Namen seines Kollegen Uwe Behnsen plädierte, argumentierte, es lasse sich überhaupt nicht nachvollziehen, dass sein Mandant damals „derart ausgeflippt sein soll.“

Es gebe keine Hinweise darauf, dass der 33-Jährige seinen Sohn als Reaktion auf ein andauerndes Schreien geschüttelt habe, stattdessen aber viele Belege dafür, dass sein Mandant ein liebevoller Vater gewesen sei – seit der Geburt des Kindes am 1. Januar 2021 und auch konkret an jenem Tag im März. Sprachnachrichten und Videos sowie Zeugenaussagen zeigten dies deutlich, so Grunenberg.

Verteidigung: „Er wollte sein Kind retten“

Die abschließende These des Verteidigers: Der Säugling habe sich beim Trinken verschluckt, sei blau angelaufen – und der besorgte 33-Jährige sei in Panik geraten, könnte das Kind aus Sorge geschüttelt oder ihn beim hektischen Herumlaufen in der Wohnung unbewusst entsprechend verletzt haben. „Ja, es gab ein Schütteltrauma. Aber es gab keinen bedingten Tötungsvorsatz, er wollte sein Kind retten.“ Sein Mandant könne unter diesen Voraussetzungen nicht wegen Totschlags verurteilt werden, so der Verteidiger.

Das sahen die drei Berufsrichter und die beiden Schöffen anders, wie der Vorsitzende Rainer de Lippe in seiner Urteilsbegründung deutlich machte. Die Kammer geht davon aus, dass der Vater seinen Sohn in einem Moment der Überforderung mehrfach heftig hin und her geschüttelt und so die Verletzungen verursacht hat.

Angeklagter habe Tod des Babys in Kauf genommen

Der Angeklagte sei aber „kein hartherziger Täter“, so de Lippe. „Wir gehen davon aus, dass der Tod des Jungen zu zu keinem Zeitpunkt erwünscht war.“ Aber der 33-Jährige habe den Tod des Babys in Kauf genommen. Aus Sicht des Vorsitzenden Richters steht fest: „Wir haben in diesem Verfahren die Wahrheit herausgefunden.“

Das Urteil ist noch nichts rechtskräftig, Verteidiger Uwe Behnsen hat bereits angekündigt, Revision einlegen zu wollen.

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