Naziopfer und Versöhner

Holocaust-Überlebender aus Hildesheim: Guy Stern ist 100

Hildesheim - Heute vor 100 Jahren ist Guy Stern in Hildesheim geboren worden. Die Nazis ermordeten seine Familie – trotzdem reichte Stern seiner Heimatstadt später wieder die Hand.

Hildesheim - Als die Nationalsozialisten im Januar 1933 in Deutschland an die Macht gelangen, trommelt Julius Stern seine kleine Familie im Wohnhaus Hoher Weg 36 in Hildesheim zusammen. „Auf uns kommen schwere Zeiten zu“, erklärt er den Versammelten. In den nächsten Jahren werde es zwingend notwendig sein, keinerlei Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. „Wir alle müssen sein wie unsichtbare Tinte“, schärft der jüdische Händler seiner Frau Hedwig und den drei Kindern Günther, Werner und Eleonore ein. „Bleibt unauffällig, bis wir wieder in Erscheinung treten und uns zeigen können, wie wir sind.“

Mit einer beachtlichen Weitsicht versucht der Geschäftsmann schon ganz am Anfang des Nazi-Schreckens seine Familie auf das Kommende vorzubereiten. Seine schützende Hand über sie zu halten. Genützt, wenn man den Begriff in diesem Zusammenhang überhaupt verwenden darf, hat es nur seinem Ältesten: Günther Stern überlebt den Holocaust als Einziger seiner engen Familie aus Hildesheim. Am heutigen Freitag feiert er in West Bloomfeld, einem Vorort von Detroit, seinen 100. Geburtstag.

Behütete Kindheit in Hildesheim – bis die Nazis kamen

Günther Stern erblickte das Licht der Welt am 14. Januar 1922 in Hildesheim. Auch wenn Ressentiments gegen Juden und damit auch gegen die kleine jüdische Familie bereits vorhanden sind – im Grunde kann man von einer behüteten Kindheit sprechen, in die der Junge damals eintaucht. „Wir drei Geschwister hatten nie das Gefühl, uns mangele es an etwas“, schreibt Stern denn auch in seinen Memoiren, die in dieser Woche unter dem Titel „Wir sind nur noch wenige. Erinnerungen eines hundertjährigen Ritchie Boys“ auf Deutsch erschienen sind. Die englische Ausgabe trägt den Titel „Invisible Ink“, also „Unsichtbare Tinte“, und verweist damit an seiner wichtigsten Stelle auf den Satz seines Vaters nach der Machtübernahme.

In seiner mehr als 300 Seiten starken deutschen Ausgabe schildert Stern eine tiefe Verbundenheit zu seiner Mutter Hedwig, die ihn vor allem in kultureller, insbesondere sprachlicher Hinsicht stark geprägt und gebildet habe. „Die Besitzer der Zigarrengeschäfte in meiner Vaterstadt Hildesheim, die wir Kinder unaufhörlich wegen Sammelbildern nervten, verscheuchten meine Spielkameraden meistens barsch aus ihren Läden. Aber mich hörten sie oft an, wahrscheinlich, weil meine gehobene Ausdrucksweise sie amüsierte. Und so landeten etliche der begehrten Karten mit Bildern von Autos, Tieren, Länderflaggen und Städten in meinen Alben“, schreibt Stern.

Auch an das Hildesheimer Stadttheater und die dortigen Aufführungen hat er gute Erinnerungen. Sie seien auch eine gute Vorbereitung für sein späteres Leben als Literaturprofessor gewesen. „Hätten meine Eltern weiterleben dürfen – sie wären stolz darauf gewesen, welchen Beruf ich ergriff und was ihre prägende Rolle dabei gewesen war“, schreibt Stern. „Das macht mich natürlich traurig, aber unendlich viel mehr quält es mich, wenn ich mir vorstelle, wie sie, die die deutsche Sprache liebten, ebendiese Sprache wahrscheinlich in den Momenten vor ihrem Tod durch Mörderhand in ihrer niederträchtigsten Form zu hören bekamen.“

Hätten meine Eltern weiterleben dürfen – sie wären stolz darauf gewesen, welchen Beruf ich ergriff und was ihre prägende Rolle dabei gewesen war

Guy Stern, Germanistik-Professor

Auch sein Bruder Werner wird wohl bei seinem Tod die geliebte und später verhasste Sprache gehört haben. „Als ich mich von dem knapp Elfjährigen verabschiedete, konnte ich seine Talente noch gar nicht ermessen“, schreibt Stern. Aber vor Jahren habe er den Brief eines ihm unbekannten Arztes im Ruhestand aus dem Rheinland erhalten: „Ich war ein Klassenkamerad Ihres Bruders am Gymnasium Josephinum in Hildesheim. Ich muss Ihnen sagen, im Sport war Ihr Bruder eher linkisch. Aber immer, wenn unser Deutschlehrer wünschte, dass ein Gedicht vollendet vorgetragen werden sollte, rief er Werner auf.“ Er habe selbst schlechten Gedichten zu Glanz verholfen.

Mehr als 70 Jahre, nachdem er seinen Bruder zum letzten Mal gesehen habe, habe er diesen Brief voll Verzweiflung gelesen, berichtet Stern. „Manchmal schäme ich mich dafür, der einzige Überlebende meiner unmittelbaren Familie zu sein – und somit der Einzige, der das Vermächtnis meiner Eltern fortführen kann.“

Letztes Lebenszeichen aus dem Warschauer Ghetto

Auch seiner Mutter, offenbar die Hauptquelle des Talents, nutzte dieses hingegen unter der Gewaltherrschaft der Nationalsozialisten wenig. Zusammen mit ihrem Mann und den beiden Kindern Werner und Eleonore wurde sie ermordet. Eine Gedenktafel am Haus im Hohen Weg 36 nennt Auschwitz als Todesort. Die letzten Lebenszeichen seiner Eltern und Geschwister erreichten Guy Stern allerdings aus dem Warschauer Ghetto. „Ich habe diesen Brief noch heute“, erzählt der Jubilar am Mittwoch im Interview mit der HAZ.

Er sitzt mit seiner Frau Susanna Piontek, einer Schriftstellerin, im Wohnzimmer seines Hauses und berichtet von seinem Leben – und von den Vorbereitungen für den anstehenden Geburtstag. Wobei das mit dem Feiern unter Corona so eine Sache ist. „Auf keinen Fall wird Guy seine Maske absetzen“, sagt Susanna Piontek. Später soll es noch eine virtuelle Feier auch für Gäste aus Deutschland geben. Restaurant- oder Theaterbesuche hat sich das Paar ohnehin seit langem untersagt.

Guy Sterns Familie war bis zur Machtübernahme der Nazis ein geachteter Teil der Hildesheimer Stadtlandschaft. Der Vater war ein Textilkaufmann mit eigenem Geschäft im Hohen Weg. Darüber hinaus war Julius Stern viel in der Umgebung unterwegs, klapperte die nahen Ortschaften und Städte unermüdlich mit Stoffmustern ab. „Vater, knapp fünfzigjährig, kleingewachsen, schleppte beide Koffer vier Stockwerke runter, drei Straßen weit zur nächsten Straßenbahnhaltestelle und weiter zum Bahnhof“, schreibt Stern in seinen Memoiren. Dort habe er einen Zug nach Elze, Gronau oder Nordstemmen bestiegen. „Ich begleitete ihn ein- oder zweimal während der Schulferien auf so einer Fahrt und hatte Schwierigkeiten, mit ihm Schritt zu halten, vor allem, wenn er von einem Bauernhof zum nächsten raste.“ Einmal habe er dem Vater vorgeschlagen, vielleicht ein Auto zu kaufen. Dieser lehnte ab, um den Gewinn des Unternehmens nicht zu schmälern.

Am Anfang nur ein einziger Sessel im Hohen Weg

Aber was nach einem einträglichen Geschäft klingt, war erstens hart erarbeitet. Und zweitens nicht von Anbeginn an so erfolgreich. „Meine Eltern kämpften sich nach oben“, erinnert sich Stern. Eine damalige Anschaffung mache sichtbar, wie klein die Schritte waren, in denen sich ihr mühsamer Aufstieg vollzog: Als sie die Möbel für ihre Wohnung im Hohen Weg kauften, gönnten sie sich lediglich einen bequemen Polstersessel. „Beide liebten es, sich an Feiertagen in ihm auszuruhen – und so beschlossen sie, sich abwechselnd in seine einladenden Arme sinken zu lassen“, schreibt Stern. Als das Geschäft nach den Inflationsjahren einträglicher wurde, hätten sie wirtschaftliche Bedenken über Bord geworfen und einen zweiten Sessel gekauft.

Auch wenn Stern acht seiner zehn Lebensjahrzehnte in den USA verbracht hat – seine frühere Heimatstadt nimmt in den Memoiren einen großen Raum ein. Das dürfte auch der erheblichen Annäherung während der beiden letzten Jahrzehnte geschuldet sein. Aus ersten zaghaften Kontakten entwickelten sich tiefe Freundschaften. Heute ist Guy Stern Ehrenbürger der Stadt Hildesheim, Ehrenmitglied von Eintracht Hildesheim und des Ehemaligenvereins des Scharnhorstgymnasiums.

Bundesweit gesehen gipfelte die Annäherung wohl in einem feierlichen Akt im Februar 2019 in den USA: Guy Stern nahm wieder die deutsche Staatsbürgerschaft an. Noch bedeutsamer scheint aber eine Geste gewesen zu sein, die sein früherer Sportverein Eintracht Hildesheim gleich nach der Ernennung Sterns zum Ehrenbürger Hildesheims 2012 wählte. Eine Abordnung entschuldigte sich bei Stern dafür, dass er während des Nationalsozialismus aus dem Verein geworfen worden sei und trug ihm die Ehrenmitgliedschaft an. Stern nahm an.

Als ich mich von meinen Eltern, meinem Bruder und meiner Schwester verabschiedete, dachte ich, dass wir bald wieder vereint sein würden

Guy Stern, Holocaust-Überlebender

All das wäre dem damals 16-Jährigen wohl nie in den Sinn gekommen, als er Deutschland am 5. November 1937 mit dem Schiff in Richtung USA verließ. Seine Eltern schickten ihren Erstgeborenen in die Ferne, damit er sie später nachhole. „Als ich mich von meinen Eltern, meinem Bruder und meiner Schwester verabschiedete, dachte ich, dass wir bald wieder vereint sein würden, und das milderte die Trauer über den Abschied“, schreibt Stern in seinem Buch. Er habe niemanden aus seiner Hildesheimer Familie je wiedergesehen. „Werner blieb auf seinem katholischen Gymnasium, in das er im Alter von zehn Jahren eingeschult worden war. Eleonore, noch nicht schulpflichtig, erhielt Heimunterricht von unserer Mutter.“

Bei späteren Besuchen in Hildesheim habe er erschütternde Details ihrer letzten Tage in Hildesheim erfahren. Unter anderem existiert ein kurzer Film von der Deportation Hildesheimer Juden Ende 1942, in dem auch kurz Guy Sterns Eltern zu sehen sind. Stern kann sich diese Passage bis heute nicht ansehen. Und wenn Print-Medien darüber berichten, muss Susanna Piontek Screenshots aus dem Film, die die Eltern zeigen, zunächst abkleben, ehe ihr Mann die Berichte in die Hand nehmen kann. Es ist ein Selbstschutz, eine Form des Verdrängens, die Guy Stern auch heute noch praktiziert. „Wir alle müssen mit unseren Dämonen fertig werden, so gut wir können“, sagt er.

Mühsame Vorbereitungen in Hildesheim

Sterns Flucht in die USA, in den meisten Fällen nur mit dem Zusatz „mit Hilfe seines dort lebenden Onkels Benno“ versehen, war nicht nur emotional gesehen hart und beschwerlich. Er begann mit mühseligen Sprachvorbereitungen in Hildesheim, führte zu Konsulatsbesuchen – und sogar in späteren Jahren in den USA noch zu Turbulenzen.

1937 stand er zum Beispiel vor einem US-amerikanischen Konsularbeamten und bat ihn um ein Visum für Amerika als Zufluchtsort. „Damals 15 Jahre alt, stammelte ich die richtigen Antworten auf seine Fragen in leidlichem Englisch, erhielt den nötigen Stempel in meine Papiere und entging dadurch dem Schicksal meiner Großmutter und meiner Eltern und Geschwister“, schreibt Stern.+

Ich, der Ausgestoßene aus Nazideutschland, hatte plötzlich eine neue nationale Identität gefunden und gleichzeitig eine glühende neue Loyalität entwickelt

Guy Stern in seinen Memoiren

Die Schwierigkeiten setzten sich auch in den USA fort. Etwa während seiner Soldatenzeit bei einer Spezialeinheit des US-Militärs, den „Ritchie Boys“. Zusammen mit etwa hundert anderen im Ausland geborenen US-Soldaten wurde Stern 1942 zum nördlichen Bezirksgerichtshof von Texas in Abilene gefahren. In einer überwältigenden Massenzeremonie sei er US-Bürger geworden, erinnert er sich. „Ich, der Ausgestoßene aus Nazideutschland, hatte plötzlich eine neue nationale Identität gefunden und gleichzeitig eine glühende neue Loyalität entwickelt“, schreibt er in seinen Memoiren. Gleichzeitig ließ er den Vornamen Günther fallen und nannte sich fortan Guy.

Die „Ritchie Boys“ waren es auch, die Stern erstmals wieder nach Deutschland führten. Am 9. Juni 1944, drei Tage nach dem D-Day, landete Stern mit US-Truppen in der Normandie. Die nächsten Monate war er damit beschäftigt, gefangene deutsche Soldaten zu verhören. Stern selbst schätzt, dass er während dieser Zeit rund 6000 Verhöre führte.

Interviews mit Benny Goodman und Thomas Mann

Vieles von dem, was die Memoiren bieten, ist Menschen bekannt, die sich schon länger mit der Person Guy Sterns befassen. Aber es gibt auch reichlich neue Details. So geht Stern nirgendwo damit hausieren, dass er 1939 den damals weltbekannten Jazzmusiker Benny Goodman interviewen durfte. Es war Sterns Abschlussjahr an der Highschool, und er arbeitete als Feuilletonredakteur der dortigen Schülerzeitung Scrippage. Sein Spitznamen: „Scoop“, das amerikanische Wort für Knüller.

Als „Scoop“ bekam er am Rande eines Vortragsabends auch die Möglichkeit, den Nobelpreisträger Thomas Mann zu interviewen. Medienvertreter großer Amerikanischer Publikationen waren ebenfalls dabei. Aber Thomas Mann sprach nicht gut Englisch. Und Stern beherrschte die Sprache – im Gegensatz zur Mehrheit der anderen Interviewer – perfekt. „Er klammerte sich an mehrere meiner Fragen, als hätte man ihm eine Rettungsleine zugeworfen“, erinnert sich Stern. Was er zu dieser Zeit noch nicht wissen konnte: Jahrzehnte später lernte er auch Thomas Manns Lieblingsenkel Frido, der damals noch nicht geboren war, gut kennen. Verglichen mit Stern ist Frido Mann, der in Kalifornien lebt, ein Jungspund: frische 81 Jahre alt.

Es gibt kein Publikum, mit dem ich mehr im Einklang war als mit euch Jungs in der US-Armee

Filmdiva Marlene Dietrich nach dem Krieg zu Guy Stern

Oder wer weiß schon, dass Stern mal in Belgien mit Weltstar Marlene Dietrich unterwegs war? Gemeinsam mit seinem Freund und Mit-Soldaten Fred Howard lernte er die Diva am Rande eines Auftritts in der Nähe der Festung Huy kennen. Die beiden boten Marlene Dietrich an, ihr das Kriegsgefangenenlager zu zeigen, in dem sie als Verhörspezialisten eingesetzt waren. Allerdings bekamen sie gleich nach dem Eintreffen mächtig Ärger mit Vorgesetzten, weil Dietrich das Lager erheblich in Unruhe versetzte, wie Stern in seinen Memoiren schildert. Sie brachten sie schnell zurück. „Wir setzten Marlene Dietrich beim Gasthaus ab und verabschiedeten uns von ihr. Ich hatte nicht erwartet, sie jemals wiederzusehen“, schreibt Stern.

Aber er habe immer Glück mit Zufallsbegegnungen gehabt. Als Dozent an der Columbia University habe er einige Jahre später bei einer Aufführung am City College von New York neben Dietrich gesessen. Gemeinsam habe man in Erinnerungen geschwelgt. „Es gibt kein Publikum, mit dem ich mehr im Einklang war als mit euch Jungs in der US-Armee“, habe Dietrich ihm damals gesagt.

Tellerwäscher und Hilfskellner im brütend-heißen St. Louis

Es sind diese Passagen, die dem Buch neben der Tiefe auch Würze geben. Guy Stern als Holocaust-Überlebender, als Soldat einer Spezialeinheit und immer noch äußerst reger Germanistik-Professor ist vielen bekannt. Aber wer weiß schon, dass er auch Tellerwäscher im brütend-heißen St. Louis war. Als Hilfskellner im dortigen Melbourne Hotel anheuerte oder eben als Schülerzeitungsredakteur Weltstars wie Benny Goodman oder Thomas Mann interviewte.

Leserinnen und Leser aus Hildesheim werden wohl vor allem auf Details aus ihrer Stadt aus sein – und die hat Stern zuhauf in seine Memoiren eingefügt. Zum Beispiel vom Fackelumzug durch den Hohen Weg am 1. April 1933, als die Nationalsozialisten martialisch den Aufbruch in eine neue Zeit feierten, und Kunden von Julius Stern der besseren Aussicht wegen in die Wohnung in der Hausnummer 36 kamen. „Ohne es eigentlich zu wollen, blickten wir also abends alle aus unserem Wohnzimmerfenster und wurden Zeugen dieses Marsches nationaler Überheblichkeit“, schreibt Stern.

Wir wurden aus unseren Sportvereinen und Jugendorganisationen hinausgeworfen

Guy Stern, Mitglied von Eintracht Hildesheim

Der Fackelzug war aber nur der Auftakt für viel Schlimmeres, das bald folgen sollte. Spielkameraden und beste Freunde wurden von ihren Eltern und von Lehrern angewiesen, die jüdischen Freunde zu ignorieren. „Sie begannen, ohne Gruß an uns vorbeizugehen“, schreibt Stern. „Wir wurden aus unseren Sportvereinen und Jugendorganisationen hinausgeworfen, verbannt aus Schwimmbädern, von der Teilnahme an Naturwanderungen und Diskussionsgruppen.“

Die bitterste Trennung sei für ihn der Ausschluss aus seinem geliebten Turnverein Eintracht gewesen. Deshalb erinnere er sich auch besonders lebhaft daran. Im Frühling 1934, Günther Stern war 12 Jahre alt, saß die Familie an einem sonnigen Sonntagmorgen am Frühstückstisch als es an der Tür klingelte. Fünf Männer des Sportvereins kamen in die Wohnung und erklärten der Familie, dass Günther künftig nicht mehr zum Training kommen dürfe.

Jüdische Jugendliche verbrennen ihre Bücher

Ende 1933 kam der damalige Geschichtslehrer Schwerdtfeger in den Klassenraum und verteilte Handzettel und Rasierklingen. Die Schüler musste nun einzelne Seiten aus ihren Geschichtsbüchern heraustrennen und neue Zettel einkleben. Alle positiven Errungenschaften von Juden, anderen „minderwertigen Rassen“ und politischen „Abweichlern“ seien herausgeschnitten und durch historische Verzerrungen und Unwahrheiten ersetzt worden, berichtet Stern. Und dann sei etwas noch Schlimmeres geschehen. Aus Sorge vor weiteren Repressalien verbrannten die jüdischen Jugendlichen Bücher aus ihrer jüdischen Gemeindebibliothek. Ganz ohne vorherige Aufforderung. Allein aus der Sorge heraus, was sonst passieren könnte.

Es sind Erinnerungen wie diese, die Guy Stern bis heute schmerzen. Doch sie führen schon seit langem nicht mehr dazu, seine frühere Heimat, Hildesheim insbesondere, zu hassen. Ganz langsam kehrte nach dem Krieg das Bewusstsein zurück, dass man keine Pauschalurteile über Menschen oder Länder fällen sollte. „Es steht uns zu, dass wir alle in unserer Individualität gewürdigt werden“, sagt er zwei Tage vor seinem 100. Geburtstag in seinem Wohnzimmer, fast 7000 Kilometer westlich von Hildesheim.

„Im Krieg wie im Frieden ließ Deutschland mich nicht los“ Guy Stern, US-Amerikaner und seit 2019 auch wieder Deutscher

Da ist er wieder, der unbedingte Wille zur Versöhnung. Das Hintenanstellen des eigenen Leids und Schmerzes zugunsten von etwas Größerem. Wenn Hildesheim etwas von Guy Stern lernen kann, dann dies: Eine bessere Welt ist möglich – aber nur dann, wenn man die Spirale von Unrecht, das noch größeres Unrecht auslöst, durchbricht. „Im Krieg wie im Frieden ließ Deutschland mich nicht los, auch nicht als amerikanischen Staatsbürger“, schreibt Stern in seinem Buch. „Und ich hoffe, in meinem langen Leben zu einem Vermittler und Versöhner zwischen beiden Völkern geworden zu sein.“