Unfall in Lehrte

Müllwagenfahrer überfährt Elfjährige –Prozess beginnt

Hildesheim - 2019 soll ein Müllwagenfahrer in Lehrte ein Mädchen überfahren und tödlich verletzt haben. Am Donnerstag hat der Prozess in Hildesheim begonnen.

Der angeklagte Müllwagenfahrer und sein Verteidiger Benjamin Munte sitzen im Gerichtssaal des Landgericht Hildesheim. Dem Angeklagten wird vorgeworfen, im Januar 2019 beim Abbiegen ein elf Jahre altes Mädchen übersehen zu haben. Foto: Ole Spata/dpa

Hildesheim - Anderthalb Jahre ist es her, dass ein Müllwagen beim Abbiegen die elfjährige Esra aus Lehrte erfasste. Das Mädchen überquerte bei grüner Fußgänger-Ampel eine Straße. Seit Donnerstag steht der Fahrer des Müllfahrzeuges wegen fahrlässiger Tötung in Hildesheim vor Gericht.

Vor der Verhandlung stellt Esras Mutter weinend Fotos ihrer Tochter auf den Tisch - strahlend im festlichen Kleid und mit einem Blumenstrauß. Die Schülerin starb am 18. Januar 2019, einen Tag nach ihrem elften Geburtstag. Ein von den Eltern aufgestellter Gedenkstein an der Unfallstelle soll als Mahnung für andere Lkw-Fahrer dienen.

„Es tut mir unendlich leid“

Der 36 Jahre Angeklagte, selbst Vater von zwei eigenen und zwei Stiefkindern, spricht zum Prozessauftakt mit leiser Stimme. „Es tut mir unendlich leid“, sagt der 36-Jährige aus Coppenbrügge zu den Eltern, die wie die drei älteren Brüder der Getöteten als Nebenkläger auftreten. „Ich fühle mit Ihnen. Ich würde alles dafür tun, es ungeschehen zu machen. Aber ich kann es leider nicht.“

Laut Anklage übersah der Müllwagenfahrer das Kind an dem dunklen Wintermorgen beim Rechtsabbiegen. Esra geriet unter das Führerhaus, wurde mitgeschleift und starb wenige Stunden später im Krankenhaus an ihren zahlreichen Verletzungen.

Fahrer will Unfall nicht bemerkt haben

Zunächst sah es nach Unfallflucht aus. Erst am Nachmittag hatte die Polizei den Fahrer nach Hinweis des Entsorgungsunternehmens ermittelt. Er habe den Unfall nicht mitbekommen - weder ein Poltern noch etwas anderes am LKW, sagte der 36-Jährige im großen Saal des Landgerichts Hildesheim. Das Amtsgericht Lehrte hatte das Verfahren verlegt, um die coronabedingten Abstandsregeln einzuhalten.



Die Eltern nehmen die Entschuldigung des Angeklagten nach Angaben ihres Rechtsanwalt Harald Lemke-Küch nicht an. „Er hätte den Menschen wahrnehmen müssen, den er anschließend überfährt“, sagte der Jurist. Der Mann sei nicht aufmerksam genug gewesen.

Müllfahrzeuge besonders gefährlich

In den vergangenen Jahren hat es immer wieder schwere Unfälle mit Müllfahrzeugen und anderen großen Lastwagen gegeben. Experten fordern deshalb, mehr Laster mit elektronischen Assistenzsystemen auszustatten. In einer Studie habe sich das Müllfahrzeug als besonders Problem herausgestellt, sagte Siegfried Brockmann, Leiter der Unfallforschung der Versicherer (UDV), der Deutschen Presse-Agentur. Nach vorne unten existiere ein großer toter Winkel, Fußgänger würden leicht übersehen. Notwendig seien tiefergelegte Führerkabinen und Notbremsassistenten. Es gebe auch Systeme, die automatisch am Anfahren hinderten, wenn sich ein Mensch vor dem Fahrzeug befinde.

Auch der Unfallwagen sei inzwischen nachgerüstet, berichtete der Angeklagte. Er habe mit einer Frontkamera und einer Seitenkamera gearbeitet, die sich beim Abbiegen einschaltete. Das Fahrzeug mit Greifarmen für Container vorne sei wie ein „Pferd mit Schauklappen“ gewesen, berichtete der 36-Jährige schluchzend. Der immer noch krankgeschriebene Lkw-Fahrer arbeitete nach eigenen Angaben seit 2014 für die private Entsorgungsfirma als Springer. Den Müllwagen mit dem Frontlader habe er vor dem Unfalltag immer mal wieder als Urlaubsvertretung gefahren.

Welche Strafe dem Fahrer droht

Auch die Zeugen, die sich um das auf der Straße liegende, blutüberströmte und kaum noch atmende Mädchen kümmerten, brachen im Gerichtssaal in Tränen aus. Die junge Dame sei mitten auf dem Fußgängerüberweg gegangen, der Müllwagen sei „reingebrettert“ in die Kreuzung, sagte ein Autofahrer, der den Zusammenstoß beobachtet hatte. Er habe das Aufheulen des Motors und den Blechknall gehört. Das Urteil wird voraussichtlich in einer Woche gesprochen. Im Falle einer Verurteilung drohen dem Müllwagenfahrer eine Geldstrafe oder bis zu fünf Jahre Haft.

Von Christina Sticht, dpa

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