HAZ-Interview

Bovenschulte:„Wir müssen boostern, bis die Nadeln glühen“

Hildesheim/Bremen - Bremens Regierender Bürgermeister, der gebürtige Hildesheimer Andreas Bovenschulte, hat in seinem Bundesland die höchste Impfquote. Und dennoch sieht er sich noch längst nicht am Ziel.

Der Hildesheimer Andreas Bovenschulte, heute Regierende Bürgermeister von Bremen, appelliert, so viel zu boostern wie irgend möglich, um die vierte Corona-Welle zu brechen. Foto: Mohssen Assanimoghaddam (dpa)

Hildesheim/Bremen - Bremens Regierender Bürgermeister, der gebürtige Hildesheimer Andreas Bovenschulte, hat in seinem Bundesland die höchste Impfquote. Und dennoch sieht er sich noch längst nicht am Ziel.

Von einer Impfquote wie in Bremen können andere Bundesländer nur träumen. Sind die Bremer schlauer als der Rest der Republik oder hat Bremen einfach die besseren Politiker?

Ich fürchte, weder noch. Bei unserer Impfquote kommen drei Dinge zusammen. Erstens: Politik, Verwaltung, Wirtschaft und Hilfsorganisationen haben gemeinsam eine überzeugende Impfkampagne auf die Beine gestellt. Beispielsweise hatten wir von Anfang an ein sehr gut funktionierendes Callcenter, bei dem nur ganz wenige Anrufer überhaupt in der Warteschleife gelandet sind. Zweitens: Wir haben alle Bürger von uns aus angeschrieben und ihnen einen Impftermine angeboten. Den Älteren haben wir sogar die Taxifahrt zum Impfzentrum bezahlt. Und drittens: Wir haben dafür gesorgt, dass in den Impfzentren eine angenehme, stressfreie, entspannte Atmosphäre herrscht. All das zusammen hat zu einem guten Impfklima beigetragen.

Sie haben aber auch frühzeitig auf mobile Impfteams gesetzt ...

Ja, wir haben sehr früh unsere Impftrucks in die Quartiere geschickt. Dorthin, wo die Impfquoten niedrig und die Inzidenzen hoch waren. Wo die Menschen nicht so gut auf Distanz gehen können, weil sie in eher beengten Verhältnissen leben.

In Niedersachsen sind 70 Prozent, im Bundesdurchschnitt 68 Prozent der Bevölkerung geimpft. Bremen kommt auf über 80 Prozent. Sind Bremer von einem anderen Schlag?

Ein bisschen speziell sind wir vielleicht schon. Aber im Ernst: Bremen und Bremerhaven sind weltoffene Gemeinwesen, in denen die Menschen dem Impfen grundsätzlich positiv gegenüberstehen. Mit der Kampagne „Bremen impft“ haben wir viel Aufklärung betrieben, aber nie mit dem Holzhammer gearbeitet. Wir haben während der gesamten Pandemie schrille Töne vermieden und auf sachliche und differenzierte Kommunikation gesetzt. Auf unsere Impfquote sind unsere Bürgerinnen und Bürger richtig stolz: Bei den Erwachsenen sind mittlerweile über 90 Prozent vollständig geimpft.

Die Ankündigung von Gesundheitsminister Jens Spahn, Biontech zu rationieren und statt dessen nun Moderna zu verimpfen, weil die Haltbarkeitsgrenze naht, hat in der Bevölkerung für Unruhe und Irritation gesorgt. War ein solches Vorgehen in Ihren Augen richtig?

Das war wohl in erster Linie ein Kommunikationsproblem und ist unglücklich gelaufen. Aber: Schwamm drüber, inzwischen hat sich das ja aufgeklärt. Dennoch darf so etwas nicht allzu oft passieren. Derzeit liegen die Nerven blank. Da muss man kühlen Kopf behalten und klar und möglichst unfallfrei kommunizieren.

Wissenschaftler haben schon im Sommer vor einer vierten Welle gewarnt. War es vor diesem Hintergrund nicht ein Fehler, die Impfzentren zu schließen?

Im Nachhinein muss man das wohl so sehen. Allerdings hatte das Robert-Koch-Institut noch im Juli vorhergesagt, dass wir mit der Pandemie im Wesentlichen durch sind, sobald wir in der Altersgruppe 60 plus mindestens 90 Prozent Prozent und in der Altersgruppe 12 bis 59 Jahre mindestens 85 Prozent geimpft haben. Das haben wir in Bremen geschafft. Dennoch liegt unsere Inzidenz heute bei 220 und wir sind weit davon entfernt, mit Corona durch zu sein. Wie so oft in der Pandemie mussten wir alle dazulernen. Etwa dass die Delta-Variante noch infektiöser ist und dass der Impfschutz noch schneller als gedacht wieder an Wirkung verliert.

Gelingt es Bremen noch, angesichts steigender Infektionszahlen alle Kontakte nachzuverfolgen?

Bislang ist das noch möglich.

Am Donnerstag ist die „epidemische Lage von nationaler Tragweite“ ausgelaufen. Welche Forderungen haben Sie an die kommende Regierung zur Corona-Bekämpfung?

Die beim letzten Bund-Länder-Treffen beschlossenen Maßnahmen, unter anderem 3G im ÖPNV und am Arbeitsplatz und 2G beziehungsweise 2G plus in der Gastronomie und im Freizeitbereich, müssen überall in Deutschland schnell und konsequent umgesetzt werden. Insbesondere die Länder, in denen das Infektionsgeschehen außer Kontrolle geraten ist, müssen unverzüglich alle rechtlich möglichen Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie ergreifen. Das ist bisher noch nicht überall geschehen. Was uns nicht weiterbringt ist die Forderung nach einer einheitlichen „Bundesnotbremse“. Damit würde alles in einen Topf geworfen: Regionen mit einer Inzidenz von 2000 und Regionen mit einer Inzidenz von 200, vollständig Geimpfte und vollständig Ungeimpfte. Das wäre der falsche Weg. Richtig dagegen ist: Wenn Länder wie Bayern oder Sachsen zu der Einschätzung gelangen, dass sie einen flächendeckenden Lockdown oder allgemeine Ausgangsbeschränkungen brauchen, um der Lage Herr werden zu können, dann muss der Bund dafür auch kurzfristig wieder die notwendigen Rechtsgrundlagen schaffen.

Was ist in Ihren Augen jetzt das Gebot der Stunde?

Wir müssen uns unterhaken und solidarisch miteinander umgehen. Jetzt ist nicht die Zeit für parteitaktische Spielchen, dafür ist die Lage zu ernst. Wir müssen alle Möglichkeiten der Pandemie-Bekämpfung ausschöpfen – wie zum Beispiel die Impfpflicht für Beschäftigte in der Altenpflege, in Krankenhäusern und in der Eingliederungshilfe. Und ganz wichtig: Wir müssen boostern, bis die Nadeln glühen.

Wie stehen Sie zu einer generellen Impfpflicht?

Gut möglich, dass wir sie brauchen, wenn in einigen Regionen die Impfquote dauerhaft bei 60 oder 65 Prozent verharrt. Aber das soll sich niemand leicht vorstellen. Erstens darf es meiner Überzeugung nach eine Impfpflicht nur für Erwachsene geben. Und zweitens müssen Ausnahmen möglich sein. Aber aus welchen Gründen? Nur aus medizinischen Gründen? Oder auch aus Gewissensgründen, die in einer bestimmten religiösen oder weltanschaulichen Überzeugung wurzeln? Und wie will man eine allgemeine Impfpflicht dann durchsetzen? Mit welchen rechtlichen Instrumenten? Da gibt es noch ganz viele offene Fragen. Eines muss dabei jede und jeder wissen: Für die derzeitige vierte Welle käme eine solche Impfpflicht in jedem Fall zu spät.

Was sagen Sie Querdenkern, die es unvermindert gibt?

Dass sie auf dem Holzweg sind.

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