Wie finden Sie Hildesheims Oberbürgermeister?

Seit vier Jahren ist Ingo Meyer nun Oberbürgermeister. Doch wie finden ihn eigentlich die Bürger? Wie macht er sich als Rathaus-Chef, wie erledigt er seine Aufgabe als Leiter der Stadtverwaltung? Die Redaktion freut sich über Leser-Meinungen zum Thema.

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„Wir sind noch nicht da, wo ich hin will.“

Er kam aus dem politischen Nichts, gewann als Quereinsteiger die Oberbürgermeister-Wahl. Anfang Februar hat Ingo Meyer die Hälfte seiner achtjährigen Amtszeit hinter sich. Ein HAZ-Interview über böse Überraschungen, angebliche Bewerbungen, Bremsmanöver in der Verkehrspolitik. Und über die Zukunft und den Nachruhm.

Oberbürgermeister Ingo Meyer im Interview ...

... über die bisherige Amtszeit und Überraschungen

... über die bisherige Amtszeit und Überraschungen

HAZ: Herr Meyer, Sie haben bald Halbzeit: Wie sind Ihre ersten vier Jahre als Oberbürgermeister nach Ihrer Sicht gelaufen?
Meyer: Das ist gleich eine unangenehme Frage, da ich das selbst nicht gerne bewerten möchte – das überlasse ich lieber anderen.

Dann anders gefragt: Was ist gelungen?
Auch nicht viel besser, aber ich kann Ihnen gerne schildern, was mir so in Erinnerung geblieben ist, was mich mit Freude erfüllt hat oder worauf ich auch ein wenig stolz bin. Vorausschicken möchte ich aber, dass ohnehin alles immer eine Teamleistung ist, es daher weniger persönliche Erfolge sind. Aber wir haben gemeinsam nach meiner Einschätzung eine ganze Menge bewegt: Angefangen damit, dass sich das Image der Stadt überregional deutlich verbessert hat – wenngleich die DIK-Moschee uns auch zahlreiche negative Schlagzeilen bescherte. Dennoch hat sich Hildesheims Ansehen positiv entwickelt. Dazu hat maßgeblich das Stadt-Jubiläum beigetragen, vor allem der Tag der Niedersachsen. Dann haben wir endlich einen Bahnhof samt Vorplatz, mit dem wir uns nicht mehr verstecken müssen, die Bernwardstraße ist zeitgemäß. Dass wir beim Land wegen der schwankenden Einwohnerzahl-Problematik eine Lex Hildesheim erreicht haben, die uns 4,7 Millionen Euro beschert hat, das werte ich auch persönlich als Erfolg. Auch bei der Entschuldung  sind wir ein großes Stück weitergekommen. Und zu nennen ist natürlich die Rettung des Stadtverkehrs, der stand auf des Messers Schneide. Da ging es um Menschen, um ganze Familien. Es war buchstäblich eine Rettung in letzter Minute.

Haben Sie auch im Rathaus etwas bewirkt?
Einiges, denke ich. Die Verwaltung ist schlagkräftiger, wir verstehen uns mehr als Team, können daher bessere Leistungen erbringen. Aber wir sind noch nicht da, wo ich hin will.

Und was lief schlecht?
Manche Projekte dauern mir zu lange, zum Beispiel bei der Baugebietsentwicklung. Das liegt an mangelnden Personalkapazitäten, aber auch an gesetzlichen Vorgaben. Ich habe lernen müssen, dass manches wegen der Rahmenbedingungen einfach nicht schneller funktioniert. Manche Projekte ziehen sich auch wegen intensiver politischer Diskussionen. Wir haben trotzdem viel erreicht, Bau- und Gewerbegebiete geschaffen. Es muss auch viel passieren: So haben wir etwa einen Riesendruck auf dem Wohnungsmarkt, wir müssen vorankommen.

Was hat Sie am meisten überrascht – positiv, aber auch negativ?
Hm, ich fand es in den ersten Wochen und Monaten nach meinem Amtsantritt überraschend, wie sehr sich manche bemüht haben, mir das Leben schwer zu machen. Ich rede da nicht von Personen aus der Verwaltung, sondern von außerhalb.

Können Sie deutlicher werden?
Nein, ich möchte da gar keine Namen nennen. Aber es wurde versucht, alles zum Eklat hoch zu stilisieren. Doch ich will da gar nicht mehr ins Detail gehen. – Und dann war ich überrascht, wie schwer es war, die Blockaden, die durch interne Streitigkeiten in der Verwaltung entstanden sind, zu lösen. Die wirken bis heute nach – aber zunehmend weniger. Ich hatte geglaubt, dass sich die verwaltungsinternen Probleme alleine durch einen OB-Wechsel schnell beseitigen ließen. Aber so war es nicht. Weil die Probleme viel tiefer lagen. Ich möchte im Nachhinein auch niemanden kritisieren. Aber die Zusammenarbeit zwischen einigen Personen war so schwierig, dass wir heute, in anderer Besetzung, einfach leistungsstärker und besser sind.

Können Sie da Namen nennen?
Das mache ich natürlich nicht. Ich führe das auch nur deshalb an, weil das meine Agenda sehr beeinflusst hat: Ich konnte dadurch erst vor einem Jahr mit einem Strategieprozess im Haus beginnen – eigentlich sollte das sechs Monate nach meinem Start losgehen.

Was hat Sie positiv überrascht?
(Muss überlegen) Vielleicht wie gut ich vom ersten Tag von den Kolleginnen und Kollegen aufgenommen worden bin. 

... über Ziele und eine mögliche zweite Kandidatur

... über Ziele und eine mögliche zweite Kandidatur

Es heißt, auch Sie selbst hätten Ihr Verhalten verändert. Sowohl aus dem Rathaus als auch aus der Politik ist zu hören, Sie würden jetzt – anders als in der ersten Zeit – Kritik annehmen, besser zuhören. Ist das so?
Ich selbst registriere das gar nicht. Aber vielleicht ist das richtig. Wenn es denn so sein sollte, liegt es im Zweifel auch an der Konstellation: Wer – wie ich – am Anfang von allen Seiten beschossen wird, kann Kritik weniger dulden als bei einem vernünftigen Miteinander. Man muss konstruktive Kritik doch annehmen! Ich werbe hausintern stets dafür, Kritik zu äußern. Alle Mitarbeiter bis hin zum Oberbürgermeister müssen kritikfähig sein, ansonsten sind wir nicht gut. Das ist mein Anspruch. Nur sollte Kritik konstruktiv sein und nicht bloß vorgetragen werden, um andere zu ärgern oder ihnen zu schaden.

Hat das Amt Sie als Person verändert?
Ganz sicher habe ich mich ein Stück weit verändert. Aber ich hoffe, nicht allzu sehr.

Was sind die drei wichtigsten Punkte auf Ihrer Agenda für die zweiten vier Jahre?
Die Verwaltung muss den Weg weitergehen, team- und bürgerorientiert zu sein. Das ist ein sehr langwieriger Prozess, der schon vor meinem Amtsantritt begonnen hat.

Was heißt das denn konkret?
Wir müssen zum Beispiel die Digitalisierung vorantreiben und sukzessive dazu kommen, dass die Bürgerinnen und Bürger ihre Angelegenheiten mit der Verwaltung über das Internet erledigen können. Ich rede nicht von Emails, sondern kompletten Verwaltungsvorgängen. Es macht keinen Sinn, wenn man das Thema „Digitalisierung“ so versteht, dass man ein eingescanntes Dokument geschickt bekommt und dies im Rathaus wieder ausdruckt. Der ganze Vorgang muss von vorne bis hinten digital laufen, ohne jegliches Ausdrucken, möglichst automatisiert. Das ist auch nötig, weil auch wir in der Verwaltung unter Fachkräftemangel leiden – die Digitalisierung verschafft uns da künftig Freiräume. Auch wollen wir die Menschen nicht zwingen, ins Rathaus kommen zu müssen.

Und Ihre anderen Ziele?
Wir müssen, natürlich gemeinsam mit Land und Bund, mehr Ganztagsbetreuung in Kita und Schulen bieten und sind da ja auch schon auf gutem Weg. Die Gesellschaft hat sich verändert: Ein Kita-Platz von 8 bis 12 Uhr ist nicht mehr zeitgemäß, den nehmen die wenigsten in Anspruch. Darüber hinaus habe ich mir noch einige andere Themen vorgenommen – zum Beispiel neben der weiteren Haushaltskonsolidierung und der Wohnraumentwicklung den dritten Autobahnanschluss: Bis zum Ende meiner Amtszeit soll zu sehen sein, dass der tatsächlich gebaut wird, die Chancen stehen gut  dafür. Ohne den Anschluss wäre die Entwicklung im Gewerbepark Nord zu Ende.

Treten Sie denn für eine zweite Amtszeit ab 2022 wieder an?
(Schmunzelt) Es wäre ein bisschen früh, vier Jahre vorher etwas dazu zu sagen. Die Bundeskanzlerin würde auch nicht am Tag ihrer Wahl sagen, dass sie in vier Jahren erneut antritt.

Ihr Vergleich hinkt, Herr Meyer. Die Amtszeit der Kanzlerin beträgt auch nur vier Jahre, Ihre acht. Nach zwei Jahren würde sich Frau Merkel sicher äußern.
Ich kann die Frage nicht beantworten. Man muss sehen, wie dann die Lage ist. Vor allem, wie es einem dann körperlich geht.

Sie begehen 2019 Ihren 50. Geburtstag…
So ist es. Man muss – auch mit 50 – auf den Körper hören und das unter diesen Vorbehalt stellen. Aber ich kann Ihnen zumindest sagen: Wenn 2018 Wahlen wären, dann würde ich Ihnen heute sagen, dass ich antrete.

Welche Unterstützer hätten Sie 2022? Vor Ihrer Wahl waren das die SPD, die Grünen, weite Teile der CDU. Damit können Sie beim nächsten Mal nicht wieder rechnen, oder?
Das ist zu weit in der Zukunft. Und das müssten Sie auch eher die Parteien fragen.

Welcher Partei fühlen Sie sich am nächsten?
Sie haben mir ja mal unterstellt, dies sei die FDP.

Aber nur, weil Sie 2014 gesagt haben, Sie schätzen den damaligen Wirtschaftsminister in Hessen, wo Sie seinerzeit lebten – der war in der FDP.
Ich finde aber zum Beispiel auch den Grünen Kretschmann gut, den Ministerpräsidenten von Baden-Württemberg. Er ist pragmatisch, kein Ideologe. Es gibt in unterschiedlichen Parteien Politiker, die einen guten Job machen.

Also gilt Ihre Wertschätzung mehr Personen als Parteien?
Genau. Man kann jedenfalls nicht daraus, dass ich einzelne Politiker schätze, eine Zuneigung zu einer bestimmten Partei ableiten. Mir gefallen zum Beispiel auch Programme an der einen Stelle bei der einen Partei und an anderer Stelle bei der anderen Partei. Es gibt keine Partei, von der ich glaube, sie mache stets alles richtig. Ich bin daher überzeugter Wechselwähler.

... über den Stadtrat und Stickoxid in der Schuhstraße

... über den Stadtrat und Stickoxid in der Schuhstraße

In der Redaktion kommen immer wieder Gerüchte an, Sie hätten sich vor einigen Monaten als Nachfolger für die geschasste Staatssekretärin Daniela Behrens im niedersächsischen Wirtschaftsministerium beworben. Stimmt das?
Ganz klar nein. Ich habe mich nirgends beworben, nicht einmal ins Gespräch gebracht. Warum auch?

Dann stimmt also auch das neueste Gerücht nicht, Sie wollten zum Sparkassen-Verband?
Da ist ebenfalls nichts dran. Erstaunlich, wie so was immer zustande kommt.

Wann wollen Sie sich in Sachen OB-Kandidatur erklären?
Ganz sicher nicht drei Jahre vorher. Vielleicht 2021.

Wann schlagen Sie dem Rat eigentlich einen Ersten Stadtrat vor, ihr früherer Stellvertreter Herr Brummer ist nun schon einige Monate weg. Es soll schon Druck aus der Politik geben.
Druck gibt es nicht, jemand hat mal nachgefragt, wie ich das plane. Ich habe daraufhin geantwortet, dass Andrea Döring gerade als Baudezernentin dazu gekommen ist, davor gab es mit Malte Spitzer im Sozialdezernat einen Wechsel. Beide müssen erst richtig angekommen sein. Außerdem habe ich ja mit Antje Kuhne – da sie die Dienstälteste ist – eine Vertreterin, wenn auch ohne zusätzliche Vergütung für sie. Aber ich bin auch nur sehr selten längere Zeit weg, Frau Kuhne hat also keine wirklich erhebliche Mehrbelastung dadurch. Aber irgendwann wollen wir auch wieder einen Ersten Stadtrat oder eine Erste Stadträtin haben.

Und wann?
Das sollte vor der Sommerpause vom Rat entschieden werden, ich werde entsprechende Zeit vorher jemanden vorschlagen – das ist ja immerhin mit einer erneuten Amtszeit von acht Jahren verbunden.

Würde eigentlich für einen ansonsten sicher gut qualifizierten Kandidaten wie Herrn Spitzer ein Wohnsitz außerhalb Hildesheims abträglich sein?
Das müsste man zumindest in die Abwägung einbeziehen.

Was halten Sie von den geplanten Schuhstraßen-Abbiegeverboten, um das Stickoxid-Problem in den Griff zu bekommen?
Das ist ganz klar ein Kompromiss. Wir konnten da nicht länger abwarten, sondern mussten handeln, das war auch ausdrücklicher Wunsch des Rates. Wir haben versucht, das Maßnahmenpaket zu wählen, dass die am wenigsten einschneidenden Folgen mit sich bringt. Eine Vollsperrung der Schuhstraße oder eine Einbahnstraßenregelung wären wesentlich einschneidender. Dagegen bringt das Abbiegeverbot  aus der Kardinal-Bertram-Straße die wenigsten Nachteile für die allermeisten mit sich. Doch auch das führt zu einer Verdrängung. Uns geht es darum, möglichst wenig Umwege zu erzwingen, mit einem Rechtsabbiegeverbot vom Bohlweg in die Schuhstraße hätte ich deshalb viel mehr Schwierigkeiten: Wer von dort in Richtung Neustadt wollte, müsste dann einen Riesenumweg über die Kaiserstraße machen. Dann hätten wir in der Stadt noch mehr statt weniger Emissionen. Trotzdem schmeckt mir unsere Lösung nicht: Lieber wäre es mir, die Werte auf andere Weise runterzubekommen. Wir sind ja auch auf einem guten Weg: Wir lagen mal über 50 Mikogramm Strickoxid pro Kubikmeter Luft, nun sind es etwa 43. Ich bin daher ziemlich sicher, dass wir nur über Interimslösungen reden. Denn die Automobilindustrie ist verstärkt unter Druck, da passiert einiges, was sich positiv auswirkt. Wir werden auch selber mit Unterstützung des Bundes weitere Maßnahmen umsetzen, die die Werte senken.

Gegen Sie steht der Vorwurf im Raum, die Stadt habe zwei Jahre verschenkt, weil Sie als OB eine ähnliche Lösung wie die jetzt gewählte 2015 verhindert haben.
Die Stadt hat überhaupt keine Zeit verloren. Schauen Sie sich doch mal um: Hat irgendeine deutsche Stadt den Autofahrern vorgeschrieben, dass die hier oder da nicht mehr langfahren dürfen?

Was ist mit dem Fahrverbot in Stuttgart?
Stuttgart war schon verklagt, stand viel mehr unter Druck und da reden wir über 82 Mikrogramm. Ja, wir müssen reagieren. Aber man sollte nicht so tun, als ob wir in Hildesheim ein Riesenproblem hätten. Der Grenzwert ist zudem gegriffen. In bestimmten Bereichen darf man sogar bei 950 Mikrogramm arbeiten.

Das sagt die AfD auch.
Auch die hat mal ein richtiges Argument.

Aber der Stadt könnte eine Klage der Deutschen Umwelthilfe drohen.
Ja, das ist auch klug von der Umwelthilfe. Ohne diesen Druck gegen uns und andere Städte hätte es keine Diesel-Gipfel mit der Kanzlerin gegeben.

Haben Sie nun gebremst?
Ich habe nicht ausdrücklich gebremst. Ich habe nur gesagt, ich möchte keinen Eingriff in den Verkehrsfluss, der zu großen Umwegen führen würde – und der damalige Vorschlag sah das Rechtsabbiegeverbot vom Bohlweg vor. Das war zudem nicht überzeugend aufbereitet, sondern lief nach dem Motto: Lasst uns ein bisschen mehr machen, damit wir deutlich unter 40 Mikrogramm liegen. Das wollte ich in der Tat nicht. Ich wollte möglichst wenig einschneidende Maßnahmen für diejenigen, die da langfahren möchten und möglichst geringe zusätzliche Belastungen auf den Ausweichstrecken.

... über den Stadtverkehr und Dirk Bettels

... über den Stadtverkehr und Dirk Bettels

Anderes Thema: Was halten Sie von der Idee von SPD und Grünen, bei neuen Baugebieten müsse es einen 20-Prozent-Anteil für den sozialen Wohnungsbau geben?
Das muss man differenziert sehen. In dem einen oder anderen Areal kann man über 20 Prozent nachdenken. Mit Blick auf die Durchmischung von Wohngebieten finde ich die Idee grundsätzlich gut. Das Problem ist ein anderes: Wir brauchen gar nicht so viel sozialen Wohnungsbau in Hildesheim, anders als in Hannover oder Hamburg. Die haben ganz andere Mieten als wir, auch am unteren Ende. Wir haben in dem Segment eine ganze Menge im Angebot. Allerdings steigen auch in Hildesheim die Mieten, das stimmt. Und damit sie nicht so schnell steigen, müssen wir gegensteuern und deutlich mehr bauen – das wird mit dem Ostend weiter Fahrt aufnehmen und den Markt entspannen. Denn ganz gleich, ob wir zehn, 15 oder 20 Prozent als Quote vorschreiben: Die Entspannung entsteht allein dadurch, dass es mehr Wohnungen gibt, in die Mieter umziehen, die darauf schon lange warten und die dadurch ihre bisherigen Wohnungen freimachen. Also: Ja, wir wollen etwas tun. Aber pauschal 20 Prozent, das geht gerade auch in Einfamilienhaus-Siedlungen gar nicht.

Sie haben den Stadtverkehr angesprochen: Kommt die Unzufriedenheit der Kunden über die Fahrplan-Umstellung bei Ihnen als OB an?
Mich hat das massiv erreicht, gerade als nach der Umstellung Busfahrer fehlten. Das hat alles andere als gut funktioniert. Zwar nachvollziehbar, aber extrem ärgerlich, außerordentlich unerfreulich, das war ein ganz schlechter Start für das neue Netz. Ich bin aber zuversichtlich, dass, wenn jetzt genug Fahrer eingearbeitet sind und kaum noch Fahrten ausfallen – so etwas ist leider immer möglich – , das Ganze endlich planmäßig läuft. Die neue Taktung von zehn Minuten auf einigen Linien ist ein immenser Vorteil: Ich muss dann gar nicht mehr auf den Fahrplan schauen, weil ich weiß, in spätestens zehn Minuten fährt ein Bus.

Es gibt aber auch Linien, die fahren jetzt alle 20 Minuten statt alle 15.
Das ist in der Tat objektiv schlechter, keine Frage. Aber im Vergleich wiegt diese Verschlechterung weniger schwer als die Verbesserung durch den Zehn-Minuten-Takt, da die meisten Menschen – und das ist sogar wissenschaftlich erwiesen – auch bei einem 15-Minuten-Takt konkret zu einer bestimmten Abfahrtszeit zur Haltestelle kommen. Insgesamt gibt es eine deutliche Verbesserung. Die muss es auch geben: Der Stadtverkehr will neue Fahrgäste gewinnen.

Fanden Sie die Kommunikation des Stadtverkehrs gelungen?
Ich mache kein Hehl daraus, dass ich nicht zufrieden war. Das habe ich dem Stadtverkehr auch gesagt.

Sie haben eingangs gelobt, die Bernwardstraße sei gelungen, die Gegend aufgewertet. Dafür gibt es jetzt im südlichen Teil der Fußgängerzone zunehmend mehr Leerstände. Macht Ihnen dieser Zustand keine Sorgen?
Doch. Mir bereitet die Entwicklung der Innenstadt insgesamt Sorgen. Nicht erst seit ein paar Monaten, sondern von Anfang an. Wir müssen die Innenstadtentwicklung noch mehr in den Fokus nehmen, das ist eine der Hauptaufgaben für die neue Stadtbaurätin, aber auch für uns alle. Wir müssen anerkennen: Im Online-Handel steigt der Umsatz, der stationäre Handel kommt immer mehr unter Druck. Doch die Mieten tragen dem an vielen Stellen nicht Rechnung, sie sind zu hoch. Das muss von den Eigentümern begriffen werden. Dort, wo die Eigentümer das verstanden haben, kommen auch neue Geschäfte, das ist im Hohen Weg zu sehen. Die früheren Mieten sind heute in Hildesheim nicht mehr zu verdienen. Und wir müssen in der Innenstadt neu und kreativ denken.

Wie meinen Sie das?
Nun ja, wir haben eine recht lange Fußgängerzone. Und wir haben, nicht zuletzt durch die Arneken-Galerie, sehr, sehr viele Quadratmeter Verkaufsfläche, gemessen an der Größe Hildesheims. Wir müssen viel tun, damit diese Flächen auch künftig vermietbar sind und die Stadt attraktiv bleibt.

Was können die Kommune und die Stadtbaurätin denn dafür leisten?
Die Innenstadt verschönern, auch durch vermeintliche Kleinigkeiten wie zum Beispiel Bänke, so etwas führt zu einer längeren Aufenthaltsdauer und größeren Aufenthaltsqualität. Auch die gastronomischen Einrichtungen müssen sich weiterentwickeln, so dass man vielleicht gar nicht mehr zum Einkaufen in die Stadt kommt, sondern weil man ein Freizeiterlebnis hat. Den City-Beach gibt es genau aus diesem Grund, auch die Eiszeit. Ich will damit aber nicht sagen, dass wir noch mehr Events brauchen, da sind wir auf einem Niveau, das wir nicht mehr groß steigern können und auch nicht steigern wollen. Wir brauchen neue Ideen, daran werden wir 2018 verstärkt gemeinsam arbeiten.

Haben Sie eigentlich ein persönliches Problem mit Dirk Bettels, dem Ortsbürgermeister der Stadtmitte? Anders gefragt: Spielen bei der Entscheidung, dass der Ortsrat nicht im Rathaus tagen darf und Bettels als Investor nicht gleich den zweiten Abschnitt des Sorsumer Baugebiets Nordfeld entwickeln darf, nur objektive Gründe eine Rolle?
Es gibt ausschließlich objektive Gründe. Zunächst zum Nordfeld. Da war immer mit dem Ortsrat besprochen, dass der erste Bauabschnitt umgesetzt wird, und dies auch schnell – der damalige Stadtbaurat Kay Brummer hat da übrigens Herrn Bettels selbst als Entwickler ins Spiel gebracht. Aber wenn es dann plötzlich heißt, „jetzt hätte ich gern auch noch Nordfeld 2“, anders als vorher besprochen, ist das eine Abkehr von den Vereinbarungen. Es gibt im Rathaus begrenzte Personalkapazitäten, auch in anderen Ortsteilen ist nicht der zweite Abschnitt sofort hinterher gekommen. Wir können nicht einfach, weil ein Unternehmer das gern hätte und er damit Geld verdient, gleich den nächsten Abschnitt machen. Die Nachfrage hat sich in Sorsum inzwischen zudem relativiert. Die Neubürger sollten sich erst einmal integrieren, dann schauen wir uns das in Ruhe an – auch mit Blick auf die Auslastung von Schule und Kitas. Wir müssen alle Ortsteile bedienen. Wir kümmern uns um Sorsum. Aber bei uns stehen so viele Themen an – da können wir nicht, weil jemand „hustet“, sagen, wir ziehen das vor.

Und die Ortsratssitzungen im Rathaus?
Auch das ist inhaltlich begründet. Der Verwaltungsausschuss hat meine Position zudem bestätigt: Das gab es früher nicht, gibt es auch jetzt nicht, jedenfalls nicht als ständiger Tagungsort. Das heißt nicht, dass das nicht mal im Einzelfall geht. Aber alle anderen Ortsräte tagen auch in Schulen und Feuerwehrhäusern, dann kann der Ortsrat Stadtmitte das auch tun. Wenn ich aber höre, das sei nicht standesgemäß, habe ich damit ein Problem.

Schauen wir in die Zukunft: Welche drei Adjektive oder Eigenschaften sollen künftige Generationen einst mit dem Oberbürgermeister Ingo Meyer verbinden, wie wollen Sie in Hildesheims Stadtgeschichte eingehen? Ihr Nachruhm in drei Wörtern?
Schwierige Frage. Ich denke über meinen Nachruhm nicht nach. Klar würde es mich aber freuen, wenn es positive Attribute wären. Der Entschuldungsvertrag lässt jedenfalls nicht zu, dass wir Luftschlösser bauen – aber das ist ja auch eine interessante Herausforderung. Und die Attribute, die werden andere vergeben.

Interview: Rainer Breda