Blick in Geschichte

100 Jahre Hildesheimer Jo-Wiese: Ganz Hildesheim soll bei Ausstellung mitmachen

Hildesheim - So ziemlich jeder Hildesheimer und jede Hildesheimerin hat etwas über das Freibad Jo-Wiese zu erzählen: Das Stadtmuseum sammelt nun Geschichten, Erinnerungsstücke und Fotos für eine Jubiläumsausstellung.

Hildesheim - Die Jo-Wiese feiert in diesem Jahr ein ganz besonderes Jubiläum: Das Hildesheimer Freibad wird 100 Jahre alt – und das soll natürlich gefeiert werden. Während sich Betreiber Matthias Mehler parallel mit der Stadtverwaltung bei den Verhandlungen über den auslaufenden Pachtvertrag über das Gelände offenkundig auf der Zielgerade befindet, plant er gemeinsam mit dem Hildesheimer Stadtmuseum, eine Ausstellung über vergangene Jahrzehnte des Schwimmbades. Auch weil die Jo-Wiese, das zeigt ein Blick in die Chronik, nicht nur Freibad, sondern auch Veranstaltungszentrum für ganz viele Feiern und Feste war, lohnt es sich, in Erinnerungen zu schwelgen. Denn ganz bestimmt hat jeder Hildesheimer und jede Hildesheimerin ganz eigene Erinnerungen von der Jo-Wiese im Kopf.

Alle Bürgerinnen und Bürger sollen mitmachen

Waren Sie auch dabei? Haben Sie die Badesachen eingepackt und das kleine Brüderlein an die Hand genommen und los ging’s? Das Stadtmuseum Hildesheim geht dieses Jahr on tour und braucht für seine Ausstellung zum Jo-Wiesen-Jubiläum auf dem Gelände des Freibades Unterstützung aus der Bevölkerung. Die Verantwortlichen suchen aus den vergangen zehn Jahrzehnten alles, was einen tollen Badetag ausmacht: Erzählen oder schreiben Sie ihre Badegeschichten auf: Ob lustig, skurril oder aufregend, wir wollen alles wissen. Leihen Sie uns ihre Schwimmhilfen, Bademoden oder Strandspielzeuge. Sie haben noch neue oder historische Fotos in ihren Schuhkartons oder in alten Alben auf dem Dachboden?

Dann könnten diese in der Ausstellung Glanzstücke der Fotowand werden. Oder waren sie auf einem Fest oder einem spannenden Konzert in der Jo-Wiese? Haben Sie kulinarische Erinnerungen? Wer sich beteiligen möchte, kann sich bis zum 11. Februar 2022 im Stadtmuseum melden. Bitte vereinbaren Sie unter 05121-2993686 einen Termin mit Stefanie Bölke

oder schicken Sie ihr Material per E-Mail.

Ein kurzer Blick in die Geschichte der Jo-Wiese

Wenn auch weitab von Meer und Seen gelegen, bestand in Hildesheim schon immer das Bedürfnis, Wasser nicht nur zur Reinigung zu nutzen. Bereits im Mittelalter existierten neben zwölf öffentlichen Badestuben unzählige Einrichtungen. Die älteste Badestube findet 1282 urkundlich Erwähnung und lag „vor der Brücke“ im Bereich der heutigen Johannisbrücke. Mit wachsendem Wohlstand erlebten Flussbadeanstalten eine Renaissance. Baden in der Innerste schien über Jahrhunderte hinweg das Ereignis in Hildesheim. Dieser Trend verstärkte sich, als man zu Beginn des 19. Jahrhunderts den gesundheitsfördernden Nutzen des Wassers erkannte.

Der wilde Badebetrieb wurde mit der Eröffnung der ersten städtischen „Flussbade- und Schwimmanstalt“ am 21. Juni 1911 in geordnete Bahnen gelenkt. Fortan gab es an der Neustädter Bürgerwiese in unmittelbarer Nähe zur Dreibogenbrücke eine vernünftige Einrichtung. Da auch die Bevölkerung des Moritzberges und der Nordstadt den Wunsch nach einer Badeanstalt am Unterlauf der Innerste äußerte, beschlossen die städtischen Kollegien am 1. Juli 1915, noch vor dem ersten Weltkrieg, in der Nähe der früheren Freibadeanstalt Schützenwiese eine zweite Flussbadeanstalt zu errichten.

Ab 1919 stieg das Interesse am Schwimmsport allgemein. Auch gingen zunehmend mehr Frauen in die Badeanstalt. Zwei Jahre später entstand in mühsamer Handarbeit auf der im Überschwemmungsgebiet der Innerste gelegenen Johanniswiese südlich des Verbindungsweges zwischen Lucienvörder Allee und Alfelder Straße zunächst eines von zwei getrennten Schwimmbecken, das Männerbad mit einem Nichtschwimmerbassin. Der Erdaushub diente der Erhöhung des Geländes. Gefiltertes Innerstewasser speiste die anfänglich nicht in Beton gefertigten, sondern nur notdürftig befestigten Becken.

1922 ging die sehnsüchtig erwartete Anlage an den Start

An heißen Sommertagen tummelten sich fortan bis zu 7500 Hildesheimerinnen und Hildesheimer auf der Jo-Wiese. 1923 folgte ein zweites Becken für die Frauen, das ebenfalls über ein Nichtschwimmerbassin verfügte. Da bereits bei geringsten Niederschlägen eine starke Verschlammung des Wassers einsetzte, wurde das Flusswasser durch einen einfachen Kokosfilter geführt. Am 1. Mai 1924 erweiterten die Macher die Jo-Wiese durch Sandliegeplätze, Turn- und Spielplätze. Das Haupteingangsgebäude beherbergte neben den Umkleideräumen eine Vierzimmerwohnung für den Bademeister. Weitere Umkleideräume befanden sich neben den Klubhäusern. 1925 wurden knapp 300­ 000 Badegäste gezählt. Durch die neue Anlage erlebte der Schwimmsport in Hildesheim einen ungeheuren Aufschwung. Rund um die Anlage errichteten die örtlichen Schwimmvereine kleine Häuschen als Stützpunkte für Training und Wettkämpfe.

Erst „Schluss mit lustig“, dann ganz im Stil der Zeit

Nach dem Zweiten Weltkrieg mussten die Hildesheimerinnen und Hildesheimer sich wieder anderweitig organisieren, die britischen Besatzungstruppen hatten das Freibad beschlagnahmt. Erst 1950 durften die Menschen wieder auf ihre geliebte Jo-Wiese ziehen. Für die jüngsten Badegäste entstand im Nierentischstil der 1950er Jahre ein neues Nichtschwimmerbecken mit Wasserrutsche, liebevoll auch das „Sülzkotelett“ genannt. Ein Planschbecken lockte zudem die Allerkleinsten in die Anlage. Gleichzeitig wich das südliche Schwimmbecken einer großzügigen Liegewiese. Erst 1969 gab es auf Wunsch vieler Badegäste durch den Einbau einer Erwärmungsanlage endlich angenehmere Wassertemperaturen.

Am 22. November 1965 beschloss der Rat der Stadt Hildesheim, das Gebiet südlich der Jo-Wiese als Naherholungsgebiet auszuweisen und entsprechend umzugestalten. Bereits ab 1968 nutzten Jugendliche den im Entstehen befindlichen Baggersee als Badegelegenheit, am 26. Mai 1974 feiert der Hohnsensee seine Eröffnung.

In den 1980er Jahren zeichnete sich allmählich ein Renovierungs- und Erneuerungsstau ab. Um die stark renovierungsbedürftige Anlage noch länger halten zu können, errichtete die Stadt 1987 für drei Jahre eine Traglufthalle. 1989 mündeten alle Rettungsversuche in einen Komplettumbau. Alle bisherigen Wasserbecken hatten nun ausgedient. Das Gelände wurde in Gänze überarbeitet. Im Zeichen der Zeit wurde das neue Nichtschwimmerbecken mit einer Großrutsche ausgestattet – Sport- und Spielplätze ergänzen seitdem die Anlage und halfen dabei, die Jo-Wiese attraktiver zu machen.

2010 erweiterte der damals neue Betreiber Matthias Mehler das Strandbad um den JoBeach. Außerdem modernisierten er und sein Team den Einlass- und Kassenbereich des Freibads. Die Wiesenterrasse mit ihrer Gastronomie und der Kinderspielplatz sind seitdem kostenfrei zugänglich und laden auch Nicht-Badende zum Verweilen in der Jo-Wiese ein.