Hildesheim - Sollten Jugendliche tatsächlich schon mit 17 hinters Steuer und Auto fahren dürfen, wenn ein erfahrener Führerscheinbesitzer neben ihnen sitzt? Die Diskussion über diese Frage dauerte lang und verlief hitzig. Der Widerstand war riesig, als Niedersachsen im Frühjahr 2004 als erstes Bundesland in einem Modellversuch das Begleitete Fahren einführte – gegen den Willen der damaligen Bundesregierung, und auch der ADAC war dagegen.
20 Jahre später haben sich Skepsis und Ablehnung längst aufgelöst, der Führerschein mit 17 ist Normalität – und durchaus beliebt, wie Zahlen der Zulassungsstelle des Landkreises Hildesheim zeigen. Demnach ist das Interesse im Lauf der vergangenen zehn Jahre zwar etwas zurückgegangen, aber nach wie vor machen in Stadt und Landkreis jährlich deutlich mehr als 1000 unter 18-Jährige ihren Führerschein, um anschließend bis zur Volljährigkeit am Steuer sitzen zu dürfen, wenn auch nicht ohne Aufsicht. Zwischen 2013 und 2023 sind genau 14.943 Führerscheine an 17-Jährige ausgegeben worden. Die Zahl regulärer Fahrerlaubnisse für über 18-Jährige lag im gleichen Zeitraum bei 25.202.
„Ich glaube, viele unterschätzen die theoretische Prüfung“
Einer, der einen Tag vor seinem 17. Geburtstag im November vergangenen Jahres seine Theorie- und Praxisprüfung im ersten Anlauf bestanden hat, ist Philip Wiegner. Welche er schwieriger fand? Er habe bei den Fragen wie auch auf der Straße am Steuer keine großen Probleme gehabt, erinnert er sich. Er habe aber auch genug gelernt. „Ich glaube, viele unterschätzen die theoretische Prüfung.“
Wiegner war schon mit 14, 15 klar, dass er den Führerschein möglichst früh machen will. Er fährt in der Stadt zwar fast ausschließlich Fahrrad, aber er wollte eben die Möglichkeit haben, auch ein Auto nutzen zu dürfen. Bei Fahrten in den Urlaub sei er inzwischen auch schon längere Strecken gefahren, erzählt der Gymnasiast. In der Region Hildesheim nutze er mindestens einmal in zwei Wochen die Gelegenheit, in Begleitung von einer der vier für ihn eingetragenen Begleitpersonen am Steuer zu sitzen.
Alle, die als offizielle Begleiter von 17-Jährigen Führerscheinbesitzern eingetragen werden, müssen folgende Bedingungen erfüllen: Sie müssen 30 Jahre oder älter sein, seit mindestens fünf Jahren ununterbrochen die Fahrerlaubnis der Klasse B besitzen – und sie dürfen nicht mehr als einen Punkt in der Verkehrssünderkartei in Flensburg haben.
Philip Wiegners persönliche Einschätzung bezüglich der nachlässigen Prüfungsvorbereitungen mancher Fahrschüler scheint sich übrigens durch die Statistik zu bestätigen. Fast die Hälfte aller Prüflinge ist zuletzt beim ersten Versuch durchgefallen.
Die Zahl aller Fahrprüfungen in Deutschland lag 2023 auf einem neuen Höchstwert, bundesweit absolvierten rund 1,97 Millionen Personen theoretische Prüfungen. Das waren etwa 150.000 mehr als im Vorjahr. Auch die Zahl der praktischen Prüfungen ist 2023 gestiegen und lag bei 1,77 Millionen. Nach Angaben des TÜV haben im vergangenen Jahr allerdings 42 Prozent der Fahrschülerinnen und Fahrschüler 2023 die theoretische Prüfung nicht bestanden haben – ein neuer Negativrekord. Im Vergleich zum Vorjahr ist die Durchfallquote um drei Prozentpunkte gestiegen, im langfristigen Vergleich zum Jahr 2014 sogar um zehn Punkte. In der praktischen Fahrprüfung lag die Durchfallquote im Jahr 2023 bei 30 Prozent – ein Plus von vier Prozent im Vergleich zu 2014.
Kettcar-Erfahrung kann später helfen
Christian Sauer hält aber gar nichts davon, wie so mancher wegen der Durchfallquoten verallgemeinernd einfach nur von „den jungen Leuten“ zu sprechen, die „immer dümmer“ würden. Es gebe eine Menge Faktoren, die den Erfolg oder eben Misserfolg mitbestimmten, sagt der Inhaber der Hildesheimer Fahrschule S&S und Kreisvorsitzende des Fahrlehrerverbands Niedersachsen. Und da spielten gesamtgesellschaftliche Entwicklungen und der Einfluss der Eltern eine Rolle. „Es fängt damit an, dass gerade in der Stadt viele Jugendliche auch keine einfachen Vorkenntnisse für Abläufe in einem Auto mitbringen, weil sie zum Beispiel nie im Leben auf einem Kettcar gesessen haben. Manche wissen nicht einmal, was ein Kettcar ist.“ Dabei helfe das Rangieren auf solch einem Gefährt sehr dabei, zu verstehen, wie Lenkrad, Räder und Fahrtrichtung in Verbindung stehen. Da falle das Einparken später deutlich leichter. Auch dass viele junge Leute wenig mit dem Fahrrad unterwegs seien, habe Auswirkungen: „Sie beschäftigten sich automatisch mit Abläufen im Verkehr, wenn sie Teil des Verkehrs sind. Wenn das ausbleibt, fehlen Vorkenntnisse.“
Einen Hinweis an allzu schlaue Besserwisser älteren Semesters habe er aber auch, sagt Sauer: Der Ablauf der praktischen Prüfung ist seit 2021 deutlich strikter geregelt als früher. Kern der „Optimierten Praktischen Fahrerlaubnisprüfung“ ist ein Katalog anhand dessen die Prüfer die Anforderungen in einem elektronischen Prüfprotokoll durchgehen muss, was geklappt hat und was nicht. Außerdem dauert die Prüfung 55 Minuten statt 45 bis zur Reform. „Das Reglement ist strenger geworden“, meint Sauer. „Es ist schon eine Bärenaufgabe, die Fahrschüler darauf vorzubereiten.“
Das Begleitete Fahren ab 17 hält er aber weiterhin für eine gute Sache. Ideen aus der Politik, nach denen auch der Führerschein ab 16 eingeführt werden sollte, kann er allerdings gar nichts abgewinnen. „Das ist einfach zu früh.“
Das sieht Johanna Reinhard genauso, die mit ihrem Mann Carsten zusammen die Fahrerschmiede Hildesheim führt. „In dem Alter macht ein Jahr mehr oder weniger bei der Entwicklung und Reife schon eine Menge aus.“ Was sie grundsätzlich bemerkenswert findet: Durch die Prüfung zu fallen würden heutzutage relativ viele Fahrschüler gar nicht als Riesendrama ansehen. „Das war mal ganz anders. Früher war es eine krasse Niederlage, nicht im ersten Anlauf zu bestehen. Heute hören wir häufig: Na ja, dann mache ich die Prüfung halt noch mal.“
Aus Polizeisicht ist der Führerschein mit 17 ein Erfolg
Bei der Polizei Hildesheim zieht man nach 20 Jahren des Begleiteten Fahrens mit 17 eine positive Bilanz. Sprecher Jan Makowski sagt: „ Die Polizei Hildesheim bewertet die Einführung des begleiteten Fahrens als durchweg positiv, da die jungen Fahrerinnen und Fahrer vom Wissen und Erfahrungsschatz der begleitenden Personen profitieren können, ehe sie allein unterwegs sein dürfen.“ Das trage aus Sicht der Polizei zu einer Erhöhung der Verkehrssicherheit bei, „was wir grundsätzlich immer begrüßen.“
Das deckt sich mit solchen Äußerungen: „Das Begleitete Fahren ist aus unserer Sicht ein großer Erfolg“, sagt etwa Heiner Sothmann von der Deutschen Verkehrswacht. Und ADAC-Sprecher Andreas Hölzel betont: „Der Führerschein mit 17 war und ist ein Gewinn.“
Was sich besonders günstig auf die Verkehrssicherheit auswirke, sei ein langer Zeitraum des begleiteten Fahrens, sagt Verkehrswacht-Sprecher Sothmann. Denn: Junge Autofahrerinnen und -fahrer seien grundsätzlich eine „Hochrisikogruppe im Straßenverkehr“, sie hätten wenig Fahrpraxis, gleichzeitig scheuten sie oft keine Risiken. Führen sie in Begleitung, profitierten sie von der meist langjährigen Erfahrung der Begleitperson. Auch sei der „Drang zur Grenzerfahrung verringert“, denn wer mit dem Auto der Eltern in deren Beisein unterwegs sei, für den seien Alkohol, Rasen und riskante Fahrmanöver „eher keine Option“.
