Hildesheim - Eugen Schmidt kann mitunter sehr genau sagen, wann manche Hildesheimer Familien Abendbrot essen. Das kleine Tablet, das der 57-jährige Mitarbeiter der Stadtentwässerung Hildesheim (SEHi) während der Arbeitszeit um den Hals trägt, verrät es ihm. Das technische Gerät zeigt auf die Minute genau Bewegungen in der Kanalisation an. Nach dem Abendbrot spülen viele Menschen ihre Essensreste gedankenlos in der Toilette hinunter. Das lockt Ratten an. Und die klugen Tiere merken es sich, wenn der Essenstisch an manchen Stellen im Stadtgebiet besonders üppig gedeckt ist. Sie kehren zu den Mahlzeiten zurück.
Eine Faustformel besagt, dass auf einen Einwohner einer Stadt etwa zwei Ratten kommen. Für Hildesheim würde das bedeuten: Im fast 700 Kilometer umfassenden Kanalnetz tummeln sich rund 200.000 Ratten. Gäbe es keine Verbindung nach oben, könnte man sie einfach lassen. Aber sie übertragen für Menschen gefährliche Krankheiten, sorgen im Untergrund für Schäden, weil sie einen Nagezwang haben und sich mitunter sogar durch Stahlbeton fressen, und schlussendlich: Sie rücken über die Abflussrohre bis in Häuser vor, wenn sie wissen, dass es dort in der Vergangenheit leckeres Essen gab und die Reste ihren Weg in die Kanalisation gefunden hatten.
Intelligente Tiere
„Ratten sind wirklich intelligente Tiere, sie sind sozial und äußerst beweglich“, sagt Michael Klenke, der bei der SEHi für den Betrieb des Kanals verantwortlich ist. In dieser Funktion ist er gleichzeitig Chef der Rattenfänger der SEHi. Die kleine Gruppe besteht aus drei Mitarbeitern, zwei von ihnen rücken jeden Tag mit einem Fahrzeug aus, um Ratten in der Kanalisation zu bekämpfen. Derzeit hat die SEHi mobile Köderstationen an rund 80 Orten in der Stadt aufgestellt. SEHi-Mitarbeiter Schmidt und seine Kollegen müssen sie alle zehn bis 14 Tage ans Tageslicht holen und kontrollieren. Infrarotsensoren im Innern der Tox-Box registrieren die Bewegungen im Untergrund, in manchen Gebieten sind es Hunderte, in anderen keine. Welche Gebiete besonders betroffen sind, will man bei der SEHi nicht sagen. „Wir wollen keine Stadtteile stigmatisieren“, sagt Bereichsleiter Klenke. Es sei aber nicht so, dass in „sozial schwächeren“ Stadtteilen automatisch mehr Ratten auftauchten als in anderen. „Gut situierte Menschen spülen ihr Essen auch oft in der Toilette hinunter“, sagt Klenke.
Die SEHi hatte die Rattenbekämpfung früher ausgelagert, seit 2019 kümmert sie sich selbst darum. Momentan ist sie dabei, ein modernes System aufzubauen. Aus den 80 Tox-Box-Stationen im Untergrund sollen in den nächsten Jahren 200 werden: und zwar Geräte einer neueren Generation. Bewegungen aus dem Kanal werden mit ihnen automatisch in die Zentrale der SEHi übermittelt. Dort reicht es dann, wenn eine Mitarbeiterin oder ein Mitarbeiter die Bewegungen im Blick behält – und die Rattenbekämpfer nur dann ausrücken, wenn es auch erforderlich ist.
„Rattenfänger aus Hameln“
Bisher müssen Eugen Schmidt und seine Kollegen aber jeden Tag raus. Am Mittwoch ist Schmidt mit Michael Wolke unterwegs. Rattenfänger aus Hameln nennen ihn die Kollegen. „Dabei komme ich aus Pyrmont“, erzählt der 65-Jährige gut gelaunt. Man merkt ihm und Schmidt an, dass sie mitunter wenig zimperlich sind und gut zupacken können. Aber man merkt auch, dass ihnen das Leid der Tiere, die sie bekämpfen müssen, nicht egal ist. „Es ist kein gutes Gefühl, die Ratten zu töten“, sagt Schmidt, und Wolke nickt. Sie haben keine Freude daran, die Tiere tun ihnen sogar leid. Aber so lange die Nager in die Kanalisation gelockt werden, ist es die Aufgabe die SEHi, sich des Problems anzunehmen.
In einer Himmelsthürer Straße ziehen Schmidt und Wolke mit Spezialgerät den oberen Teil einer Tox-Box ans Tageslicht. Hier hängt ein kleines Säckchen mit der todbringenden Substanz, eingeschlagen in ein Plastiktütchen. Das Gerät hatte zwei Bewegungen im Untergrund angezeigt, aber die Tüte ist intakt. Schmidt sprüht etwas Geruchsspray drauf, dann setzen die Männer den oberen Teil wieder auf die Box und ziehen den Gullydeckel über die vorübergehend geöffnete Straßendecke. Die Arbeit der beiden ist hart. „Ich bin schon mehrere Male angefahren worden“, erzählt Schmidt. Er würde sich generell über mehr Rücksichtnahme freuen.
Was er und seine Kollegen tun, ist im Grunde ein Kampf gegen Windmühlenflügel. Das ausgelegte Gift bringt eine Ratte nach und nach zur Strecke. Aber jedes Weibchen bekommt 1000 Nachkommen, wenn die Umweltfaktoren gut sind. Kinder und Kindeskinder eingerechnet. „Wir werden es nie schaffen, alle Ratten Hildesheims auszurotten“, sagt Bereichsleiter Klenke. „Und es ist auch nicht unser Ziel.“ Aber er will versuchen, Verständnis für die Arbeit der Rattenfänger zu gewinnen. Und den eigentlichen Auslöser benennen, der ihren Einsatz erforderlich macht: den oftmals sorglosen Umgang vieler Menschen mit ihren Essensresten. Es sei eben nicht in Ordnung, die Überreste der Mahlzeiten einfach in der Toilette hinunterzuspülen. „Wir müssen unser Verhalten ändern“, meint Klenke.



