Hildesheim - Den ersten Gänsehaut-Moment gibt es bereits eine gute halbe Stunde vor dem Anpfiff: DJ Henner Mothan stimmt die Fans mit einer Playlist mit Fußballliedern auf das deutsche EM-Auftaktspiel ein, gerade klingen die ersten Töne von „Major Tom“ an, der Tor-Hymne bei Heimspielen. Und auf einmal dröhnt es aus Hunderten von Kehlen „Völlig losgelöst, von der Erde“ über den Parkplatz des Novotel, der ansonsten kein Ort für große Gefühle sein dürfte. Doch an diesem Freitagabend ist das anders. 2300 Menschen verwandeln das Gelände für zwei Stunden in eine riesige Party-Meile. Und lassen Veranstalter Matthias Mehler staunen. „Das ist sensationell“, sagt der 55-Jährige am Sonnabendmorgen.
Veranstalter Matthias Mehler war vorher sehr skeptisch
Denn Mehler war skeptisch: Noch Stunden vor dem Anpfiff wollte der Unternehmer – nach zig EM- und WM-Übertragungen in den vergangenen zwei Jahrzehnten, so der Hildesheimer Public-Viewing-Veteran – gegenüber der HAZ keine Prognose in Sachen Besucherzahl abgeben. In Deutschland sei bislang keine EM-Euphorie zu spüren: „Daher freue ich mich über jeden, der kommt, habe aber keine großen Erwartungen.“
Novotel-Chef Patrick Courteaux dagegen wirkte zuversichtlich. Der 44-Jährige, selbst ehemaliger Regionalliga-Kicker, hatte Mehler Ende vergangenen Jahres dafür gewinnen können, das Hotelgelände als Fanmeile zu nutzen. „Das ist eine Heim-EM und damit eine tolle Gelegenheit, den Hildesheimern etwas zu bieten, hier zusammen Spaß zu haben.“ Doch auch Courteaux sah bei der Stimmung in Deutschland vor dem Spiel noch Luft nach oben, zudem sei das Wetter in den Tagen zuvor nicht gerade sommerlich gewesen. „Es braucht einen Auftaktsieg, dann gibt es auch einen Hype, setzt die Begeisterung ein.“
Lange Schlange: 1500 Menschen kaufen Karten an der Abendkasse
Doch die muss irgendwie schon vorher da gewesen sein. Denn statt der von Courteaux vorausgesagten 1100 Zuschauer ist der Novotel-Parkplatz am Freitagabend mit doppelt so vielen Zuschauern gefüllt: Zu den 800 Menschen, die sich im Vorverkauf Tickets besorgt hatten, kommen 1500 Fans, die Karten an der Abendkasse erstehen – die Schlange reicht zeitweise zurück bis zur Bahnhofsallee, manche Fans schaffen es erst nach dem Anpfiff auf das Gelände.
Zu denen, sie sich dort schon lange vorher eingefunden haben, zählen rund 15 Spieler der Ersten und Zweiten Herren des TuS Lühnde. Allesamt in Deutschland-Trikots gekleidet, allesamt überzeugt von einem deutschen Sieg, unterschiedliche Einschätzungen gibt es nur bei dessen Höhe. Doch warum schauen die Lühnder nicht zuhause oder in einer der vielen Kneipen, die Public Viewing – anders als am Novotel – ohne Eintrittsgeld anbieten, was lockt sie auf den Parkplatz? „Wir haben einfach Bock drauf“, sagt der 20-jährige Jonas. Und der Preis von fünf Euro sei angesichts der Qualität der Veranstaltung gerechtfertigt.
Gleich nebenan steht eine weitere Gruppe junger Männer – Schiedsrichter aus Harsum, Lühnde und Förste. Warum sie hier sind? „Weil wir die Fußballstimmung bei einer Heim-EM aufsaugen wollen. Wir haben so etwas noch nicht erlebt“, sagt der 17-jährige Theo. Auch einige Familien sind zum Novotel gekommen, zum Beispiel Nina und Jaro Stracke mit ihren Töchtern Lahja und Liv. „Die beiden wollten das gern“, berichten die Eltern. Und die Mädchen, jeweils mit großen Hasenohren und Armbändern in den Deutschlandfarben ausgestattet, nicken.
Wirtz trifft zum 1:0 – und die Fans in Hildesheim schreien „Jaaaa!“
Als dann um 20.45 Uhr auf der Leinwand die ersten Fernsehbilder von der Eröffnungsfeier in der Allianz-Arena in München zu sehen sind, brandet starker Beifall auf dem Parkplatz auf, von Beginn an herrscht eine Stimmung wie im Stadium. Dutzende Fans fallen in die deutsche Nationalhymne ein, etliche legen dabei die rechte Hand aufs Herz. Immer wieder schwappen die Fan-Gesänge aus München nach Hildesheim über. Dann kommt die zehnte Minute, Florian Wirtz trifft zum 1:0 – und ein langes, kräftiges „Jaaaa“ übertönt den Ton der TV-Übertragung. Die Fans singen „Deutschland, Deutschland“, recken Fäuste in den Himmel.
Acht Minuten später erhöht Jamal Musiala auf 2:0, der nächste Jubelschrei dröhnt über den Novotel-Parkplatz – es erweist sich als gute Idee des Hotels, dessen Gäste auf einem Aushang an der Lobby darauf vorzubereiten, dass es während des Spiels laut werden könnte. Als Kai Havertz dann in der 42. Minute einen Elfmeter zum 3:0 verwandelt, gibt es kein Halten mehr, ein Bierbecher fliegt aus der ersten Reihe in die Luft und quer über den Platz. Der Aufruf von Moderator Olli Mau in der Halbzeitpause, so etwas doch zu unterlassen, verhallt ungehört, wie sich bald darauf zeigt: In der 68. Minute schießt Niclas Füllkrug das 4:0, erneut fliegt ein Becher durch den Nachthimmeln, ergießt sich über einige Zuschauer eine Bierdusche, brüllt das Publikum „Jaaaa“, singt, tanzt. Das Eigentor von Antonio Rüdiger zum 1:4 kann die Laune nicht trüben, das 5:1 von Emre Can in der Nachspielzeit wird erneut frenetisch gefeiert, der Jubel geht nach dem Schlusspfiff in eine weitere Massen-Intonation von „Völlig losgelöst....“ über.
Polizei und Sanitäter erleben einen ruhigen Abend
Die beiden Becherwürfe bleiben die einzigen Aufreger, Polizeieinsatzleiter Stephan Heinz und seine Mannschaft erleben einen absolut ruhigen Abend. Die Ordnungshüter hatten sich wohlweislich auf eine mögliche Jubelfeier nach dem Spiel auf dem Hindenburgplatz vorbereitet, die früher nach Siegen bei derartigen Turnieren obligat war. Doch das Spektakel bleibt aus, diesmal rasen nur einige wenige Autos laut hupend über die Kreuzung. Auch die acht Sanitäter des DRK, die für den Fall der Fälle auf dem Novotel-Parkplatz Dienst tun, bekommen nichts zu tun. „So entspannt haben wir uns das gewünscht“, sagt Einsatzleiter Heiko Stillhahn der HAZ.
Entsprechend begeistert fällt die Bilanz von Hotelchef Courteaux und Veranstalter Mehler aus. „Eine solche friedliche Veranstaltung habe ich noch nicht erlebt“, schwärmt der Novotel-Direktor. Der hatte kurzerhand für die zweite Halbzeit die Nutzung der Hotel-Toiletten für die Fußballfans freigegeben, nachdem es im Toilettenwagen fürs Public Viewing technische Probleme gab. Courteaux bewies zudem Fußball-Sachverstand: „Ich hatte 4:0 getippt und das erste Tor für die zehnte Minute vorhergesagt.“ Und er ist sicher: „Jetzt ist der Hype da!“
Am Mittwoch beim Spiel gegen Ungarn keine Abendkasse?
Auch Mehler geht angesichts des großen Zuspruchs zum Auftakt davon aus, dass die Fanmeile zum zweiten Deutschland-Spiel gegen Ungarn am Mittwoch ausverkauft ist – Platz ist für 2500 Menschen. Es könne sein, dass man auf den Verkauf an der Abendkasse verzichte, sagt der Unternehmer, „das weiß ich aber noch nicht“. Er rät allen Fans, sich im Vorverkauf Tickets zu sichern und – falls es doch abends Karten geben sollte – nicht erst kurz vor dem Anpfiff zu kommen.
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