Hildesheim - Sie liegt im Krankenhaus-Bett, das Patienten-Hemd hochgeschoben, darunter: Schläuche, Pflaster, ein künstlicher Darmausgang. Und: Sie lächelt. Wer das Instagram-Profil von Jessica Schmidt aufruft, die sich in dem sozialen Netzwerk bloomingjessica nennt, der stößt als erstes auf dieses Bild.
Ein eher ungewohnter Anblick in der App, die doch immer noch eher für „shiny, happy people“ steht, für Filter und zum Teil stark bearbeitete Fotos, als für die Realität. Wer auf dem Profil der 26-Jährigen weiter nach unten scrollt, der findet auch solche Bilder: Mit Modelposen, langen braunen Haaren, Dessous, geschminktem Gesicht. Aber: „Das bin nicht mehr ich“, sagt Jessica heute. Denn mit der oberflächlichen, inszenierten Welt hat Jessica gebrochen. Genauer gesagt wurde sie dort regelrecht rausgeworfen – von einer seltenen Erkrankung.
Bauchschmerzen seit Teenager-Jahren
Schon seit sie 15, 16 Jahre alt ist, kämpft Jessica mit Bauchschmerzen. Sie ging seither zu vielen Ärzten, doch ernst genommen wurde sie nie, sagt sie. „Du bist viel zu jung, um krank zu sein“, soll ein Mediziner ihr mal gesagt haben. Sicher handele es sich nur um eine Lebensmittelunverträglichkeit. Die Folge: Die Hildesheimerin sucht den Fehler bei sich selbst, verliert ihr Selbstbewusstsein, die Perspektive – ohnehin fehlt der Rückhalt in ihrem persönlichen Umfeld. Im Internet beginnt sie in dieser Zeit, ein vermeintliches Idealbild von sich selbst auf Instagram aufzubauen. „Ich habe mich stark geschminkt und Fotos bearbeitet, habe mir Gedanken darüber gemacht, wie ich das Geld für eine Schönheits-OP zusammensparen könnte.“ In der echten Welt werden die Schmerzen derweil immer schlimmer, werfen sie immer mehr aus der Bahn.
Trotzdem schafft sie es schließlich, sich durchzuringen und einen neuen Job anzufangen. Das bringt die erste Wende: Am Arbeitsplatz lernt sie ihren heutigen Freund kennen. „Er war der Erste, dem ich mich öffnen könnte“, erzählt die gebürtige Hildesheimerin, die in ihrer Jugend in Hannover gewohnt hat. „Mir war es sonst immer vor anderen peinlich, dass ich Schmerzen habe, und kaum jemand hatte Verständnis“.
Mir war es sonst immer vor anderen peinlich, dass ich Schmerzen habe
Ihr Freund aber sieht Handlungsbedarf, bringt Jessica zu einem Gastroenterologen. Und da folgt endlich die Diagnose. Familiäre adenomatöse Polyposis, kurz FAP. Das bedeutet für Jessica: Dick- und Enddarm müssen sofort raus – „die einzige Möglichkeit, die Lebensqualität so gut wie möglich zu erhalten und nicht an Darmkrebs zu erkranken“, so die junge Frau. Bei ihr war allerdings bereits ein Kolonkarzinom, also ein Tumor, entstanden, der jedoch noch nicht gestreut hatte.
Die Erkrankung verändert ihr Leben
Von nun an ist Jessicas Leben anders. Sie bekommt nach der OP einen künstlichen Darmausgang. „Das passte überhaupt nicht in die oberflächliche Welt, in der ich mich vorher verloren hatte“, so die 26-Jährige. Doch statt sie noch mehr runterzureißen, hat sie die Erkrankung stark gemacht, sagt sie. „Ich habe einen ganz anderen Blickwinkel auf das Leben bekommen – auf das, was wichtig ist“.
Ich habe einen ganz anderen Blickwinkel auf das Leben bekommen – auf das, was wichtig ist
Zudem ist die Erkrankung nicht das einzig Einschneidende, das in dieser Zeit passiert. Nach schmerzhaften Komplikationen und mehreren Operationen erfährt Jessica, dass sie schwanger ist. Doch auch das läuft nicht problemlos. Obwohl die Ärzte zu einer Abtreibung raten, entscheiden sich die Hildesheimerin und ihr Freund für das Kind. Zwei Monate vor dem geplanten Geburtstermin muss es jedoch während einer Not-OP geholt werden. „Es war nicht klar, ob es überlebt“, sagt Jessica. Inzwischen ist das kleine Mädchen ein Jahr alt und hat viel bewegt: „Ein Baby macht auch noch mal ganz viel mit dir“, sagt sie.
Offensiver Umgang mit der Krankheit
Trotz aller Turbulenzen in ihrem Leben traut sich Jessica recht schnell, offen mit allem umzugehen und das Thema ihrer Erkrankung publik zu machen. Auch auf Instagram. Manche der Follower, die sie vorher hatte, sind seit dem Themenwechsel verschwunden. „Es waren vor allem Männer, die mir wegen meines Aussehens gefolgt sind. Und plötzlich rede ich über Probleme beim Kacken – klar sind die dann weg“, so Jessica. Aber der Großteil sei dennoch geblieben, habe ihr Zuspruch gegeben dafür, dass sie so ehrlich ist. „Manche haben geschrieben, dass sie meinen Kanal jetzt viel interessanter finden – und dass in mir noch viel mehr steckt“. Außerdem stieß sie über Instagram auf Menschen, denen es geht wie ihr, und die ebenfalls unter Darmerkrankungen leiden. „Endlich habe ich Leute gefunden, mit denen ich mich austauschen kann“, sagt Jessica. „Wir helfen uns gegenseitig, geben uns Ratschläge – und ich lerne immer wieder, dass es so viel mehr gibt, als ich dachte“. Die „Chronisch-Krank-Bubble“ nennt sie das.
Ziel: Miss Germany
Um mit den Tabu-Themen zu brechen und die Gesellschaft insgesamt mehr über die Erkrankungen aufzuklären, hat sich Jessica nun ein höheres Ziel gesetzt. Sie möchte Miss Germany werden. Bei dem Wettbewerb geht es seit 2019 nicht mehr nur um Schönheit, sondern um Frauen, „die Verantwortung übernehmen und als Vorbild fungieren und damit eine weltoffene und moderne Gesellschaft prägen“, so die Initiatoren. In die Top 100 hat es die Hildesheimerin bereits geschafft. Nun geht es mit einem Online-Casting weiter, das auf der Plattform Twitch live übertragen wird. Darauf bereitet sich Jessica aktuell vor. „Ich habe einfach Lust, noch mehr zu machen, ich möchte aus der Bubble ausbrechen, mein Wissen teilen und mich für das Thema einsetzen“, sagt sie. Nach den Castings entscheidet eine Jury, ob Jessica in die nächste Runde kommt, vielleicht tatsächlich zur Miss Germany gekürt wird und so mit ihrer Geschichte noch mehr Personen erreichen kann.
Unterdessen teilt die Instagrammerin auf ihrem Profil Erinnerungen an ihre erste Darm-OP vor zwei Jahren, wo sie zeigt, wie sie ihren Stomabeutel wechselt. Viele Postings von früher, die sie stark bearbeitet hat, hat sie wiederum inzwischen gelöscht. „Ich stehe dazu, aber das bin nicht mehr ich“, sagt die junge Frau. Outfitfotos – auch mal in Unterwäsche – teilt sie auch heute noch manchmal, allerdings ohne Schminke und ohne ihren Körper zu bearbeiten. „Hier ist das Ergebnis von 5 Darm-OPs, einer Geburt, vielen Schmerzen und vielen Wochen Krankenhaus“, steht unter einem dieser Bilder. „Hier zu stehen, macht mich so stolz. Mein Körper zeigt mir jeden Tag aufs Neue, wie stark ich bin. Die Narben von mehreren gewonnenen Kämpfen.“
