Hildesheim - Wenn Clemens Reinhold wissen möchte, was zwischen der Nacht zum 12. Januar und dem 16. Januar 2024 mit ihm und um ihn herum passiert ist, dann ist er auf seine Frau Sabine angewiesen. Und auf seine Töchter. Oder auf das Erinnerungsbuch, in das seine Familienangehörigen und Pflegekräfte der Intensivstation des St. Bernward Krankenhauses Nachrichten an ihn geschrieben haben. Sein Körper war da, lag im Krankenbett, verkabelt und beatmet, aber Reinhold war ohne Bewusstsein – die Ärzte hatten ihn in ein künstliches Koma versetzt, nachdem sie ihm zusammen mit zwei Notfallsanitätern der Johanniter das Leben gerettet hatten. Sein Herz hatte aufgehört zu schlagen. 30 Minuten lang kämpften die Mediziner mit Herzdruckmassage und mehreren Elektroschocks, um ihn nicht zu verlieren. Sie gewannen.
Ein Kasten und ein Kabel erinnern daran, was geschehen ist
Genau sieben Wochen danach sitzt der Sorsumer gut gelaunt neben seiner Frau Sabine am Wohnzimmertisch. „Ich fühle mich gut, fast fitter, als vor dem Herzinfarkt“, sagt er und lacht. Im Flur steht noch sein Koffer – er ist erst am Morgen aus der Reha zurückgekommen. Ein Kabel, das unter seinem Hemd heraushängt und in einem kleinen Kasten endet, der in einer Tasche am Gürtel steckt, erinnert daran, dass er erst mal noch unter besonderer medizinischer Überwachung steht. Das Kabel gehört zu einer Defibrillatorweste: Reinholds Herzschlag wird für die kommenden drei Monate rund um die Uhr überwacht, bei schweren Rhythmusstörungen gibt die Weste automatisch einen Schock ab, um das Herz zu stabilisieren.
Es ist gegen 21.15 Uhr, als der 59-Jährige am 11. Januar plötzlich extreme Schmerzen in der Brust verspürt. Er hat einer Nachbarin gerade die Tür geöffnet, ehe er dann im Flur merkt: Irgendetwas stimmt absolut nicht mit ihm. Er hatte am Vormittag ein ganz leichtes Ziehen in der Brust verspürt, nichts Schlimmes. „Wahrscheinlich Muskelkater vom Eiskratzen“, sagte er sich und schob alles auf seinen vorangegangenen Einsatz an den zugefrorenen Scheiben seines Autos. Dass seine Frau ihm noch am Nachmittag empfahl, ins Krankenhaus zu fahren, um sich durchchecken zu lassen, hielt er für unnötig. Nun, am Abend, zögert Sabine Reinhold nicht und alarmiert den Rettungsdienst. Es ist glatt draußen, in der Leitstelle weisen sie daraufhin, dass es bis nach Sorsum etwas länger dauern wird als sonst. „Die Leute haben mich in der Leitung behalten und mit mir gesprochen, sie haben mir Tipps gegeben“, erinnert sich Sabine Reinhold heute. „Das war wichtig, das hat mich beruhigt.“
Mir geht es schon besser, Sie können mich hier rauslassen
Währenddessen sind Notfallsanitäter Markus Dombrowsky und Piet Hilderink, Auszubildender zum Notfallsanitäter im dritten Lehrjahr, in ihrem Rettungswagen der Johanniter Unfallhilfe bereits unterwegs. Sie haben die Info: Verdacht auf Herzinfarkt. Als sie in Sorsum bei den Reinholds eintreffen, ist ihr Patient ansprechbar. Der 59-Jährige ist nicht panisch, scherzt sogar noch unterwegs, erkennt während der Blaulicht-Fahrt aus dem Wagen heraus, wo sie gerade sind. In Höhe der Arneken Galerie meint er: „Mir geht es schon besser, Sie können mich hier rauslassen.“ Er kann sich nicht vorstellen, dass es nur wenig später todernst werden sollte.
Im BK angekommen scheint der 59-Jährige weiter stabil zu sein. Seine Frau, die im Rettungswagen mitfahren durfte, macht sich zwar Sorgen, aber ist noch sicher: Wenn die Ärzte ihren Mann ordentlich durchgecheckt haben, steht vielleicht fest, dass er einen Stent braucht und künftig Medikamente nehmen muss. Doch dann bekommt sie mit, dass hinter den Türen plötzlich rege Betriebsamkeit herrscht. Warum, weiß sie nicht. Ahnt nicht, dass das Herz ihres Mannes aufgehört hat zu schlagen.
Im Krankenhaus hört sein Herz auf zu schlagen – es beginnt eine dramatische halbe Stunde
Die BK-Ärzte wechseln sich mit den beiden Johanniter-Sanitätern bei der Herzdruckmassage ab, mehrfach setzen die Mediziner einen Defibrillator ein. „30 Minuten haben die auf mir rumgedrückt“, erzählt der Sorsumer erstaunt – und bewundernd. Nicht, dass er sich daran erinnern könnte, aber so haben sie es ihm später erzählt. Von seiner Tochter, die bei der Freiwilligen Feuerwehr aktiv ist, wisse er, wie anstrengend es ist, bei einem Patienten über einen längeren Zeitraum eine Herzdruckmassage anzuwenden. Notfallsanitäter Markus Dombrowsky erzählt der HAZ: „Man muss ungefähr 100 mal pro Minute drücken. Da muss man sich nach zwei Minuten am Stück abwechseln, sonst fehlt einem die Kraft, um auf Dauer tief genug drücken zu können.“ Dass der Herzstillstand bei Clemens Reinhold direkt im Herzkatheterlabor des Krankenhauses eintrat und genug Personal vor Ort war, nennt der 43-Jährige „Glück im Unglück“.
Das weiß auch Reinhold selbst: „Ich bin sehr, sehr dankbar, dass die Sanitäter mich nicht nur abgeliefert haben, sondern dass sie noch da waren und das Team im Krankenhaus sofort so unterstützt haben.“
Mit vereinten Kräften wird das Leben des Sorsumers, der als Ingenieur bei Bosch arbeitet, an diesem späten Januarabend gerettet. Die Ärzte versetzen ihn anschließend in ein künstliches Koma – und seine Frau erfährt, wie dramatisch die Lage war.
„Ich will leben.“ An diesen Satz, da ist sich Clemens Reinhold heute sicher, kann er sich erinnern. Irgendwann in diesen Stunden habe er ihn im Kopf gehabt. „Ich habe diesen Satz geträumt oder irgendwie im Unterbewussten gehört, wie ich ihn mir selbst sage.“ Genauer kann er es nicht erklären, aber er ist überzeugt, dass er nicht gestorben ist, hat auch damit zu tun, dass er es seiner Familie nicht antun kann, sie zu verlassen. Tränen steigen ihm heute in die Augen, wenn er die liebevollen Einträge seiner Frau und seiner Töchter liest, die sie ihm in sein Intensivtagebuch geschrieben haben. „Erinnerungen für eine Zeit ohne Erinnerungen“ steht auf dem Deckblatt des Hefts, dass das BK für Patienten wie ihn bereit legt. „Es ist toll, dass sich auch die Krankenschwestern Zeit nehmen, um zu beschreiben, was sie genau gemacht haben, während ich im Koma war.“ Aufzeichnungen, die Reinhold helfen, zu verstehen, was in jenen Januartagen mit ihm passiert ist. „Die Seele muss heilen“, sagt seine Frau.
Die Seele muss heilen
Nach fünf Tagen holen die Ärzte ihn aus dem künstlichen Koma, am 19. Januar wird er von der Intensiv- auf die Normalstation verlegt. Als er am 23. Januar nach Hause entlassen wird, ist ihm eins ein Bedürfnis: Dem Team auf der Intensivstation zu danken. „Man nimmt so vieles als selbstverständlich hin, aber ich finde, das ist es nicht. Das muss man auch sagen.“ Genauso möchte er den beiden Notfallsanitätern danken, die ihn ins BK gebracht und dort geholfen haben, ihn zu retten. Es ist eine Herzensangelegenheit. Seine Tochter hilft dabei, die beiden ausfindig zu machen, und so trifft er schließlich Markus Dombrowsky und Piet Hilderink noch einmal persönlich. „Die beiden haben fantastische Arbeit gemacht, ohne sie wäre ich nicht mehr hier“, sagt er. Und bei dem Johanniter-Duo kommt das gut an. „Wir erfahren meist nicht, wie es von uns versorgten Patienten weiter ergeht. Ein persönliches Dankeschön ist selten, aber zeigt uns, dass unsere Arbeit geschätzt wird“, sagt Dombrowsky erfreut. Das Treffen mit Clemens Reinhold sei eine Extra-Motivation für seinen Kollegen und ihn gewesen, weiter jeden Tag für Menschen in Notlagen da zu sein.
Dass jemand eine halbe Stunde lang reanimiert wird und er das so gut übersteht, das ist wirklich unglaublich. Wie ein Weltwunder!
Aber nicht nur das persönliche Dankeschön ihres Patienten beeindruckt den im Rettungsdienst erfahrenen Hildesheimer. Dombrowsky arbeitet seit 2006 als Notfallsanitäter – und einen Einsatz wie den vom 11. Januar hat er in all den Jahren noch nicht erlebt. „Dass jemand eine halbe Stunde lang reanimiert wird und er das so gut übersteht, das ist wirklich unglaublich. Wie ein Weltwunder!“
Warum Clemens Reinhold den schweren Herzinfarkt erlitten hat, ist nicht hundertprozentig klar. Es gibt die Vermutung, dass die 2018 festgestellten erhöhten Cholesterinwerte damit zu tun haben, obwohl es damals geheißen habe, die seien nicht gefährlich. Darauf will er jetzt achten. „Aber zum Hypochonder werde ich nicht“, sagt er und lacht. Die Reha war gut und wichtig, aber jetzt fühlt er sich fit genug zum Arbeiten. Am Donnerstag will er wieder bei Bosch am Schreibtisch sitzen. Und irgendwo in der Stadt sind dann vielleicht Markus Dombrowsky und Piet Hilderink wieder in ihrem Rettungswagen unterwegs. Zu einem Patienten, der noch gar nicht ahnt, wie wichtig diese beiden Männer für ihn werden könnten.


