Vom Leben in Alfeld

A bis Z: Wir sind uns zu schnell sicher

Alfeld - Ein kurzer Eindruck genügt oft, damit unser Urteil steht. Warum wir aus wenigen Momenten schnell einen ganzen Menschen machen, beschäftigt AZ-Mitarbeiter David Paasche.

In ihrer Kolumne „Von A bis Z“ blickt die Redaktion der AZ auf Anekdoten aus ihrem Alltag in Alfeld und dem Leinebergland. Foto: AZ

Alfeld - Neulich stehe ich mit der Kamera bei einem Kreisklassespiel am Spielfeldrand. Ein Mann fällt mir schnell auf: laut, ständig am Kommentieren, mehrfach genervt vom Schiedsrichter. Mein Urteil steht ebenso schnell: unangenehmer Typ. Nach dem Spiel sehe ich ihn mit seiner Tochter. Ruhig, geduldig, liebevoll. Plötzlich passt mein fertiges Bild nicht mehr. Sein Verhalten während des Spiels wird dadurch nicht besser. Aber mein Urteil über den Menschen dahinter wirkt auf einmal ziemlich dünn. Ich hatte wenige Minuten gesehen – und daraus erstaunlich viel gemacht.

Genau das geschieht ständig. Ein Satz wird zum Charakterzug, ein Fehler zum Beweis, ein schlechter Moment zur vermeintlichen Wahrheit über einen Menschen. Wir mögen klare Bilder, weil sie Ordnung schaffen. Unsicherheit ist anstrengender. Also machen wir aus Ausschnitten ganze Geschichten – oft lange, bevor wir genug wissen. Vielleicht liegt die eigentliche Kunst deshalb gar nicht darin, sich kein Urteil zu bilden, sondern darin, es beweglich zu halten. Denn Menschen sind selten so eindeutig, wie wir sie gern hätten. Das Problem ist nicht, dass wir urteilen, sondern dass wir unsere ersten Bilder zu schnell für die absolute Wahrheit halten.

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