Hildesheim - Dienstagmorgen, 4.18 Uhr. Es ist ruhig am Hildesheimer Hauptbahnhof – kaum ein Mensch zu sehen. Plötzlich brummt es in der Ferne leise, und kurz drauf geht das Geräusch in ein lauteres Bollern über. Die rotierenden Räder vieler Koffer zerreißen die Stille. Im Anmarsch ist eine große Reisegruppe mit fast ausnahmslos sehr großen Männern: Die Erstliga-Volleyballer der Helios Grizzlys Giesen versammeln sich am Gleis 3. Dort wartet schon Itamar Stein. Wie es sich gehört, ist der Chefcoach der Grizzlys als Erster am Bahnsteig gewesen.
Die Luft: nasskalt. Es nieselt, und die Temperatur liegt ein bisschen über dem Gefrierpunkt. Da, wo die Volleyballer hinwollen, ist es wärmer. In der albanischen Hauptstadt Tirana zeigt das Thermometer immerhin 17 Grad an.
Komplettes Neuland
Tirana also. Neuland für die Grizzlys. Sie werden dort an diesem Mittwoch im Europacup ihr erstes internationales Spiel in dieser Saison bestreiten (19 Uhr). Gegner in der Runde der letzten 32 Mannschaften (Sechzehntel-Finale) des so genannten Challenge-Cups ist KS Tirana – ebenfalls komplettes Neuland für die Giesener.
„Es war sehr schwer, Infos über die Mannschaft aus Tirana zu bekommen. Ich habe online gesucht und ein wenig über sie gefunden“, sagt Trainer Stein. „Ich kenne das Team ein bisschen. Aber wir konnten uns natürlich nicht so optimal vorbereiten wie auf eine Bundesliga-Begegnung. In der Liga weißt du viel mehr über die Konkurrenten. Wir werden uns in Tirana auf uns konzentrieren und den Gegner kennenlernen.“
In einer Woche in Hildesheim
Kommenden Dienstag (28. November) folgt dann das Rückspiel in der Hildesheimer Volksbank-Arena. Der Sieger aus beiden Partien zieht ins Achtelfinale ein.
KS Tirana gilt im albanischen Volleyball als Nonplusultra. Der Klub ist Meister, Pokalsieger sowie Super-Cup-Gewinner und hat bereits in der Saison 2022/23 am Challenge-Cup teilgenommen. 14 Profis sind bei KS im Kader, darunter zehn Albaner, dazu jeweils ein Russe, Algerier, Brasilianer und ein Nigerianer. Mit 2,04 Metern sind die Mittelblocker Norgen Baruti und Julian Talaj die größten Spieler, Regis Shehi (Libero) ist mit 19 Jahren der Jüngste und Hendi Kono (ebenfalls Libero) mit 33 der Älteste im Team.
So macht Volleyball Spaß
Für die Grizzlys gestaltet sich der November so langsam zu einem echten Stress-Test. In den vergangenen 13 Tagen absolvierten sie bereits vier Partien, gegen Tirana steht nun die fünfte an.
„Klar ist diese Reise auch Stress, vor allem mit dem engen Terminkalender, den wir gerade haben. Trotzdem! Man freut sich auf die internationalen Spiele“, sagt Kapitän Hauke Wagner. Ohnehin, da es derzeit für die Mannschaft läuft wie geschnitten Brot: Vor knapp zwei Wochen schlugen die Giesener in der Bundesliga Königswusterhausen, zwei Tage später Herrsching und wiederum kurz darauf den VfB Friedrichshafen mit 3:0. Obendrein qualifizierten sie sich am vergangenen Samstag durch ein 3:0 über FT Freiburg für das Halbfinale im DVV-Pokal. Viel Aufwand, viel Ertrag – so macht Volleyball Spaß.
„Wir sind das bessere Team“
Für die Grizzlys ist es übrigens der zweite Auftritt im Europa-Pokal. In der Saison 2020/21 scheiterten sie aber an Sporting Lissabon. Diesmal rechnet sich Trainer Stein mehr aus: „Wir wollen gewinnen, ich denke, wir sind auch das bessere Team.“
Mittlerweile ist der Zug am Bahnhof eingetroffen, die Mannschaft steigt ein. Um 4.44 Uhr fährt er ab, über Hannover geht es weiter nach Frankfurt. Dort folgt der Transfer zum Flughafen, die Maschine nach Tirana startet um 11.30 Uhr. Landen werden die Giesener laut Plan um 13.15 Uhr. Dann geht es ab ins Hotel, und am Abend liegt noch eine Trainingseinheit in der Halle an.
Riesen-Party in Tirana
Übrigens ist am vergangenen Freitag in Tirana die Hölle los gewesen. Der Grund: Die albanische Fußball-Nationalelf hat sich durch ein 1:1 gegen Moldau für die Europameisterschaft 2024 in Deutschland qualifiziert. Es ist nach 1964 (immerhin Achtelfinale) und 2016 erst die dritte Teilnahme der Südosteuropäer an einer EM-Endrunde. Seit Anfang des Jahres trainiert ein Brasilianer die albanischen Fußballer: Silvio Mendes Campos Júnior, genannt Sylvinho wird jetzt wie ein Volksheld gefeiert. Mal sehen, ob es im Volleyball-Europacup ähnlich emotional zugeht.
Nach dem Hinspiel an diesem Mittwoch in Tirana, kommt es am nächsten Dienstag (28. November) zum Rückspiel in der Volksbank-Arena (19 Uhr). Sollten sich die Grizzlys durchsetzen, werden sie im Achtelfinale dann auf den Sieger der Partie Steaua Bukarest/McDonalds Ried im Innkreis treffen.
Im Rückspiel sind sie schlauer
Dazu müssen sie aber erst einmal Tirana aus dem Weg räumen. „Ich kann den Gegner nicht einschätzen. Wir wissen zu wenig über ihn“, sagt Kapitän Wagner. „Wir werden in Tirana versuchen, eine möglichst gute Partie zu machen. Schauen wir mal, wie es ausgeht. Und im Rückspiel in Hildesheim wissen wir dann mehr über die Albaner – und wissen auch, wie wir sie schlagen können.“
Von Ulrich Hempen und Maximilian Willke
