Ladenzeile

Abriss Ladenzeile: Freude, aber auch große Sorge in Drispenstedt

Hildesheim - Die gbg will 40 Millionen Euro in eine neue Drispenstedter Ladenzeile investieren. Viele Mieter sehen darin eine Chance, andere sind verunsichert.

Die Drispenstadter Ladenzeile stammt aus den 1960er-Jahren. Die gbg will sie abreißen lassen – aber viele Mieter fragen sich, was das wohl für sie bedeutet. Foto: Julia Moras

Hildesheim - Edip Mutlu ist verzweifelt. Der 41-Jährige ist vor acht Monaten innerhalb der Ehrlicherstraße in eine größere Wohnung umgezogen. Die neue befindet sich in der Drispenstedter Ladenzeile, gleich über der Arztpraxis. „Ich habe meine ganzen Ersparnisse für neue Möbel und Handwerker ausgegeben“, berichtet der Mieter. Jetzt haben er, seine Frau und die beiden Kinder es sich auf 89 Quadratmetern gemütlich gemacht.

Aber bald werden sie wieder ausziehen müssen. Die Gemeinnützige Baugesellschaft (gbg) hat angekündigt, die komplette Ladenzeile zwischen Jordan- und Hermann-Seeland-Straße ab 2022 abreißen zu lassen. Bis 2026 soll nach und nach ein neues Einkaufszentrum für rund 40 Millionen Euro an ihrer Stelle entstehen. Die Vorfreude ist bei den meisten Betroffenen groß. Bei vielen aber auch die Sorge vor dem, was da kommen mag.

Alle die wollen, sollen im Neubau einen Platz finden

Dabei ist die Ankündigung der gbg eigentlich eindeutig: Alle, die wollen, sollen auch in dem Neubau wieder einen Platz finden, hat gbg-Chef Jens Mahnken bei der Vorstellung seiner Pläne versprochen. Potenzielle Mieter günstiger Wohnungen werden am Ende sogar fünfmal so viel Wohnraum vorfinden als derzeit vorhanden. Momentan hat die gbg zehn Wohnungen über den Geschäften – nach Abschluss der Arbeiten sollen es 51 sein.

Aber das ist für Mieter wie Mutlu kein großer Trost. „Ich weiß ja gar nicht, ob ich mir so eine Wohnung am Ende noch leisten kann“, sagt der 41-Jährige. Derzeit zahle er 700 Euro pro Monat. Mehrere hundert Euro mehr könne er sich keinesfalls leisten. Die Sorge vor steigenden Kosten treibt derzeit viele Mieter der Ladenzeile um. Selbst Geschäftsleute, die sich schon auf einen neuen Magneten an der Ehrlicherstraße mit deutlich mehr Laufkundschaft freuen, fürchten steigende Mieten. Und zudem eine lange Durststrecke, ehe sie wieder am alten Ort eröffnen können. „Vier Jahre in einem Container neben dem Stadtteiltreff – ich weiß gar nicht, ob ich nicht nach drei Jahren schon pleite bin“, sagt ein Geschäftsmann, der schon viele Jahre in der Ladenzeile wirtschaftet.

Macht es die gbg für Rossman und Edeka schön?

Wie viele andere will er nicht namentlich genannt werden – weil die Verhandlungen mit der gbg noch ausstehen. Und weil viele von ihnen befürchten, dass ihnen Kritik am Vermieter negativ ausgelegt werden könnten. Aber auch schon vor den Verhandlungen befürchtet mancher, dass er am Ende schlechter dastehen könnte. „Ich glaube, dass es die gbg für Rossmann und Edeka schön machen wird – und wir am Ende an den Rand gedrängt werden.“

gbg-Chef Jens Mahnken ist sich darüber im Klaren, dass ein Projekt dieser Größenordnung auch Verunsicherung bei Mietparteien auslöst. Gespräche sollen dabei helfen, diese auszuräumen und Fragen zu beantworten. „Uns ist wichtig, mit allen Mieterinnen und Mietern zufriedenstellende Lösungen zu finden; dies gilt sowohl für unsere Wohnungsmieter als auch für die Gewerbemieter.“ Mahnken verspricht zudem auf für die Zeit nach dem Neubau „faire und verlässliche Mieten“. „Insbesondere im Wohnungsbereich werden wir durch die Sozialwohnungen mit B-Scheinberechtigungen bezahlbar bleiben.“

Hoffnung auf mehr Laufkundschaft

Für Petra Bettels ist die Baumaßnahme schon die zweite große an dieser Stelle. Die Chefin des Friseursalons Lücke war mit ihrem Betrieb auch schon vor Ort, als die Ladenzeile 1992 umfangreich saniert wurde. Von einer neuen Ladenzeile verspricht sich Bettels viel. „Ich hoffe, dass hier hinterher wieder mehr Laufkundschaft unterwegs ist“, sagt sie, während sie einem Kunden die Haare schneidet.

Was sie andeutet, ist vielen Menschen rund um die Ladenzeile ein Dorn im Auge. Der Zahn der Zeit hat das einst prächtige Zentrum an manchen Stellen verkommen lassen. Der Schlachter ist schon lange weg, der Bäcker seit ein paar Monaten und die Sparkasse hat ihre Mitarbeiter vor einigen Wochen abgezogen. Geldgeschäfte sind jetzt – wie vielerorts üblich – nur noch an Automaten möglich. „Es muss hier deshalb etwas passieren“, sagt Hubertus-Apotheker Florian Taentzler. Auch er hat große Sorge vor dem was da kommen mag: Umzug in einen Container, mögliche Einbußen und vielleicht sogar spätere Mieterhöhungen: „Das wird eine harte Zeit“, glaubt Taentzler, der in seinem „Hubertus hilft“-T-Shirt im Verkaufsraum steht. Aber er hat eben auch die Hoffnung, dass nach dem Abschluss der Arbeiten alles besser wird. „Das ist auch eine große Chance für unseren Stadtteil“, glaubt Taentzler.

Post-Partner hofft auf neuen Shop in Shop im Edeka

Darauf baut auch Sükrü Caglar, der seit 17 Jahren als Post-Partner in der Ladenzeile arbeitet. „Ich hoffe, dass ich als Shop in Shop im Edeka beginnen kann“, sagt Caglar, der an der Ecke Jordanstraße auch Schreibwaren und Zigaretten verkauft. Sorge hat er zunächst vor den Jahren bis zur Wiedereröffnung 2026. „Ich glaube, dass es bis dahin für viele Geschäfte ganz schön schwierig wird.“

Der größte Mieter in der bisherigen Ladenzeile ist die Gemeinschaftspraxis Dr. Strüber und Dr. Kreye gegenüber von Post-Partner Caglar. Die vorübergehende Verlegung der Praxis dürfte eine logistische Meisterleistung werden. „Wir benötigen ja Behandlungs-, Untersuchungs- und Laborräume“, zählt Mitarbeiterin Hamdiye Araz auf. Die Mitarbeiterinnen der Praxis seien von der Ankündigung für eine neue Ladenzeile trotzdem positiv überrascht gewesen. „Und wir freuen uns jetzt darauf.“

„Nicht gut“: Vier Jahre eine Baustelle vor der Nase

Kaya Hermes kann diese Freude noch nicht teilen. Die 25-Jährige lässt sich in der Hubertus-Apotheke den digitalen Impfpass ausstellen. „Ich wohne mit meiner vierjährigen Tochter auf der anderen Seite der Hermann-Seeland-Straße und werde vier Jahre auf eine Großbaustelle gucken“, sagt sie. „Das finde ich gar nicht gut.“

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