Kreis Hildesheim - „Landwirtschaft ist immer auch Risikostreuung“, sagt Kai Rodewald. „Und einen Sechser im Lotto hat man als Landwirt nie.“ Der 57-Jährige wirkt im Gespräch erstaunlich gelassen, wenn man bedenkt, dass er mit einem wirtschaftlichen Schaden von 10.000 Euro rechnet, weil aktuell 20 bis 30 Hektar seiner Ackerflächen unter Wasser stehen. Zum Vergleich: Der Hildesheimer Hohnsensee ist rund zehn Hektar groß.
Rodewald sagt, was man verstehen muss, um die Folgen des Hochwassers in der Region zu begreifen. Seine Flächen liegen zum großen Teil nahe der Leine bei Rössing, einem stark betroffenen Gebiet. Wer die Landwirtschaft verstehen wolle, müsse über Böden reden. „Das ist unser Kapital“, sagt er.
Alles eng getaktet
Was man außerdem noch verstehen muss: Das landwirtschaftliche Jahr ist stark durchgetaktet. Es ist für Rodewald ganz selbstverständlich, dass zum Beispiel die Rüben um den 10. März, der Mais um den 20. April ausgebracht werden müssen. Das wisse man halt.
Was ebenso in den engen Zeitplan gehört, ist es, sich mit verschiedenen Landarbeiten um die Böden – das Kapital – zu kümmern. „Grob gesagt: Krümeliger Boden ist gut.“ In krümeliger Erde können sich etwa Weizenwurzeln oder Rübenfrüchte gut entwickeln. Das Hochwasser ist für Rodewald vor allem hinsichtlich des Bodens ein Problem. Wenn das Wasser verschwindet, wird es keinen krümeligen Boden hinterlassen, sondern dichte Erde ohne Luft. Und wenn man endlich wieder mit den Landmaschinen auf die Äcker kann, gibt es das Risiko, den feuchten Boden in der Tiefe mit dem Gewicht der Maschinen noch zu verdichten.
Kein Durchkommen
Das Hochwasser erzeugt auf den überspülten Ackerflächen also ein Problem. Gleichzeitig raubt es den Landwirten wertvolle Zeit, das Problem zu lösen, weil sie nicht auf ihre Flächen kommen.
Rodewald zum Beispiel hält am Freitagmorgen auf einem Land- und Forstweg ein paar hundert Meter von einem Acker entfernt. Er steigt aus seinem Caddy aus und blickt Richtung Fluss. „Da komme ich so gar nicht hin“, sagt er und zeigt auf Baumkronen in der Ferne, die in trockeneren Zeiten in der Nähe des Leineufers und seines Ackers stehen würden.
Die Zeit wird knapp
Und was ist mit den Pflanzen, die er aktuell dort gepflanzt hat? „Ich habe da Winterweizen, der kann eine Woche im Wasser schon überleben“, sagt Rodewald. Raps dagegen wäre sofort hinüber. Einige seiner Kollegen hätten auch noch Rüben auf den Feldern, andere hätten sie schon alle geerntet. Wie schwer einen Landwirt das Hochwasser trifft, hängt eben auch von den wirtschaftlichen Entscheidungen im Vorfeld ab. Pauschalaussagen seien da schwierig.
Was man aber sagen kann: Tonboden, wie man ihn in Rodewalds Fall vor allem in Flussnähe hat, ist im Frühjahr schwierig zu bearbeiten. Je länger das Wasser steht, desto weniger Zeit gäbe es also, noch gegen die widrigen Umstände anzuwirken. Auch wird das Wasser, wenn es sich wieder zurückzieht, im Tonboden auch feuchte Senken hinterlassen. Dort kann das Wasser noch Monate stehen – und sie erfordern zusätzliche Arbeit.
Anderswo profitiert der Boden
Aber es gibt nicht nur Tonboden: Abseits der Leine bestellt Rodewald eher Lehmböden. „Da könnte der ganze Niederschlag sogar gut sein.“ Während also ein Teil seiner Flächen leidet, ist die Situation anderswo gut.
„Braune Lehmböden sind im Landkreis weit verbreitet“, sagt Kreislandwirt Konrad Westphale. Also genau jene Böden, die im Fall von Rodewald eher profitieren. „Seit 2017 hatten wir ja nur trockene Jahre“, fährt Westphale fort. Endlich erreiche der Niederschlag mal wieder die tieferen Bodenschichten. Auch die „mächtige Schwarzerde“ der Börde profitiere stark davon.
Hoffen auf Frost
Spricht man Rodewald auf die Vielschichtigkeit und Unberechenbarkeit all dieser Umwelteinflüsse an, lacht er. Ob es einem das Leben als Landwirt nicht schwer mache, dass es selten pauschale Aussagen gibt, dass man so vom Wetter abhängig ist, dass man nie weiß, ob eine Entscheidung gut oder schlecht ist? „Ich sehe das positiv: Jedes Jahr ist anders. Das wird nicht langweilig.“
Er hofft nun auf das Beste, viel Handlungsspielraum habe er derzeit ohnehin nicht. Optimal wäre es, wenn sich das Hochwasser schnell zurückzieht, der Wind dann die Äcker trocknet und es anschließend noch einmal friert. Der Frost sei das effizienteste Mittel, um den Boden wieder schön krümelig zu machen.

