Hannover - Ich war nie ein Rapper. Meine Klassenkameraden aus Schulzeiten würden diese Aussage schulterzuckend als selbstverständlich unterschreiben. Tief hängende Jeans, übergroße Kapuzenpullover, teure Turnschuhe: Die frühen 2000er waren an Kleinstadt-Gymnasien die Zeit von deutschem Gangsta-Rap. Das war meine Jugend, meine Welt war es nie, aber gehört habe ich die Songs, schon weil alle um mich herum die CDs in ihren Stereoanlagen und auf ihren MP3-Playern hatten. Mich hat das fasziniert und geprägt. Ich finde: ein guter Grund, um mit 34 noch mal auf ein Konzert von Bushido zu gehen.
„Alles wird gut“ heißt die gerade laufende Tour, mit der sich Bushido von der Bühne verabschiedet. „Alles wird gut“ als Titel fürs Karriereende: Ich bin mir bis heute nicht sicher, ob Anis Mohamed Youssef Ferchichi, wie der Rapper bürgerlich heißt, ein sehr cleverer Scherzkeks ist – oder das genaue Gegenteil. Immerhin rappte ausgerechnet er, der für homophobe Texte und Sprüche bekannt war, mal: „Deine krassen Freunde sind in meinem Arsch gestorben.“
Dickes B
Die Zeile stammt aus „Von der Skyline zum Bordstein zurück“, der Song ist von 2006 und mir bis heute präsent. So albern und anstößig die Texte waren und sind, eingeprägt haben sie sich mir. Bushido war zeitweise der erfolgreichste Musiker des Landes, der Held einer Generation von Halbstarken und der Schrecken aller Erziehungsberechtigten. Böser Blick, dickes B tätowiert, Zahnstocher im Mund, so sah uns Bushido von Bildern in Jugendmagazinen oder den Regalen der Elektronikmärkte an.
Was er sagte und sang, war durchzogen von Gewaltverherrlichung, Frauenverachtung, Schwulenfeindlichkeit. Ständig standen einzelne Lieder oder ganze Alben auf dem Index. Für jeden Teenager (in diesem Text kann man übrigens getrost das generische Maskulinum verwenden), der etwas auf sich hielt, machte sie das selbstverständlich nur noch verlockender.
Für viele Hip-Hop-Fans ist er ein Paria
Und heute? Bushido ist achtfacher Vater, mit der Schwester von Sarah Connor verheiratet und hat einen Podcast bei RTL. „Du Untermensch landest mal im Dschungelcamp“, pöbelte Bushido in einem legendären Diss-Track einst gegen seinen in Ungnade gefallenen Protegé. Das Lied ist schlecht gealtert. „Wenn ich will, geh ich spazieren am Alexanderplatz, eine Freiheit, die du als ein Informant nicht hast“, heißt es dort.
Mittlerweile hat Bushido selbst Berlin verlassen, lebt in Dubai, stand jahrelang unter Polizeischutz, weil er als Kronzeuge gegen eine Großfamilie ausgesagt hat. An einer Doku bei Amazon Prime und einem Podcast vom SPIEGEL darüber hat er selbst mitgewirkt. Zeiten ändern dich. Unter vielen Hip-Hop-Fans gilt der einst einflussreichste Deutschrapper mittlerweile als Paria.
Es gibt Fischbrötchen
Hätte man uns das 2007 erzählt, wir hätten es nicht geglaubt. Aber die Geschichte von Bushido ist reich an Absurditäten: Er erhielt einen Bambi als Integrationspreis, was Heino veranlasste, seine Trophäe zurückzugeben; er macht ein Praktikum im Bundestag bei einem CDU-Politiker, dessen Vater ausgerechnet als strenger Konservativer gilt; nachdem Intimfeind Fler im Fernsehen mehrere Bushido-Poster zerrissen hatte, attackierten ihn Vermummte mit Messern noch im Sender. All diese Anekdoten schwirren mir durch den Kopf und werden beim Betreten der Eingangshalle von einem Eindruck überlagert: Es riecht nach Fisch, denn es gibt Matjesbrötchen zu kaufen.
An meinem Platz angekommen, lasse ich den Blick schweifen. Links von mir sitzt eine Frau mit Seidenschal, platinblondem Kurzhaarschnitt und Funktionsjacke. Vor mir nimmt eine Familie Platz, die Kinder vielleicht zwölf. Vor dem Konzert rufen sie per Videoschalte noch die Oma an. Das Publikum unterscheidet sich kaum von den Leuten, die ich für eine Reportage bei Andrea Berg getroffen habe. Was sich hingegen unterscheidet: die Stimmung. Bei einem Konzert der Fantastischen Vier geht es mehr ab. Die vollen zwei Stunden bleiben die Leute auf den Rängen sitzen. Manche wippen, halb pflichtschuldig, halb amüsiert, die Arme über den Köpfen von hinten nach vorne, wie man das von Hip-Hop-Konzerten zu kennen meint oder in der Eminem-Biografie „8 Mile“ gesehen hat.
Es heißt immer noch „Schwuchtel“ und „Spast“
Mein Eindruck: Die meisten sind aus einem ähnlichen Grund hier wie ich. Man will den bösen Jungen von damals noch einmal live sehen. Wenn man noch einmal die Chance hat, dann kann man ja mal gucken. Aber gleichzeitig ist das auch eine Jugendphase, in die man – im Gegensatz zum Vokuhila oder Schlagjeans – nicht wirklich gerne, mit Begeisterung oder wohliger Nostalgie zurückkehrt. Denn ja, die Songs von Bushido ballern. Die samplelastigen Beats sind und bleiben erste Sahne (wobei Bushido immer wieder erfolgreich verklagt wurde, weil er die zugrunde liegenden Songs nicht verwenden durfte, sodass Hunderttausende Tonträger teils vor Veröffentlichung geschreddert wurden), und seine Punchlines und Wortspiele sitzen.
Aber Bushido spielt die „Klassiker“ an diesem Abend genauso wie vor fast 30 Jahren. „Schwuchtel“ und „Spast“, „behindert“ und „schwul“ fliegen selbstverständlich durch den Raum. „Ich mach’ die Kohle, keiner von euch Homos ist was wert.“ Ein bisschen unangenehm und unangemessen fand ich das damals schon. Heute finde ich es eher peinlich. Weil Bushido auch mit mittlerweile 47 Jahren auf der Bühne kaum Distanz zu den Songs und Texten hat. Er spielt das, wie ein Künstler eben ein Best-of spielt. Ja, die Auswahl ist schon gut. „Nie wieder“ ist einer der unbekannteren oder besten Songs vom 2004er-Album „Electro Ghetto“. Selbst einen Song wie „Stress ohne Grund“ moderiert der Rapper an mit: Wegen dem hatte ich viel Ärger. Wegen Zeilen wie „Ich schieß auf Claudia Roth und sie kriegt Löcher wie ein Golfplatz“ wurde das Lied verboten – und Bushido kam in die Tagesschau.
Als Mensch berührt er mich nicht
Beim Konzert erzählt er sonst, dass man sich anständig benehmen und dankbar für seine Gesundheit sein soll. Was mich überrascht, ist, wie unspektakulär sich dieser Abend anfühlt. Weder reißen mich Show, Songs und Sänger in meine Jugend zurück, noch finde ich es komplett überdreht lustig. Eigentlich denke ich mir nur: Es ist vielleicht ganz gut, dass wir manche Dinge mit der Jugend zurücklassen. Gegen Ende des Konzertes kommen dann die Songs, mit denen Bushido vermutlich bei seinen RTL-Fans punktet. Zu „Papa“ und „Familie“ laufen Privataufnahmen – natürlich professionell gefilmt von Fernsehkameras – und Bushido holt eines seiner Kinder auf die Bühne. Spätestens da ist bei mir der Ofen aus.
Denn ich merke: Bushido ist zwar eine prägende Erinnerung. Aber eine emotionale Verbindung habe ich zu dem Menschen nicht. Die Songs, mit all ihrer Homophobie, Proletenhaftigkeit und ihrem Mackertum, kann ich noch als Jugendsünde warm halten und irgendwie goutieren. Aber der Mensch hinter Bushido berührt mich nicht. Am nächsten Morgen tritt Bushido nochmal in mein Leben, durch meine Mutter. Warum ich denn nicht Bescheid gesagt hätte! Sie wäre so gerne mitgekommen! In dem Sinne: Adieu, Bushido.
