Kontaktsport während Corona

Aerosol-Forscher hält Fußballspielen für unbedenklich: die Reaktionen aus Hildesheim

Hildesheim - „Kontaktsport an der frischen Luft ist auch in Corona-Zeiten überhaupt kein Problem“, erklärt der renommierte Aerosol-Forscher Professor Gerhard Scheuch. Wie sieht man das im NFV Kreis Hildesheim?

Wie hier in Schellerten dürfen Kinder bis 14 Jahre bei einer dauerhaften Inzidenz unter 100 draußen Fußball spielen. Bei der geplanten Notbremse des Bundes wäre das sogar bis zu einem Wert von 150 möglich. Foto: Werner Kaiser

Hildesheim - „Ich habe die Diskussion mit Professor Scheuch gespannt verfolgt“, sagt Berthold Klodwig, Vorsitzender der DJK Blau-Weiß Hildesheim. „Scheuch ist Experte, und wenn er sagt, dass Fußball-Mannschaftstraining an der frischen Luft kaum bis keine Ansteckungsgefahr mit sich bringt, dann sollte man sich zumindest Gedanken machen, den Trainingsbetrieb wieder freizugeben“, so Klodwig.

„Gefahr bei nahezu Null“

Professor Gerhard Scheuch kann sich derzeit vor Interview-Anfragen kaum retten. Kürzlich war der Aerosolforscher und Biophysiker in der ZDF-Talkrunde „Markus Lanz“ zu Gast. Dort bekräftigte der Wissenschaftler seine These, dass die Corona-Ansteckungsgefahr draußen an der frischen Luft bei nahezu Null liege. „99,9 Prozent der Ansteckungen finden in geschlossenen Räumen statt“, so Scheuch.

Auch beim Fußball sieht er kaum Gefahren: „Das ist völlig unbedenklich.“ Kontaktfreies Training hält er nicht für nötig. Scheuch: „Ein klares Nein!“ Spielformen, Zweikämpfe, also ein ganz normales Mannschaftstraining seien problemlos möglich.

Der Niedersächsische Fußballverband und mehrere Sportvereine nahmen unter anderem Scheuchs Expertise zum Anlass, um eine Rückkehr zu mehr Normalität zu fordern. „Natürlich müssen wir weiterhin vorsichtig und rücksichtsvoll sein, aber Fakt ist auch, dass wissenschaftliche Studien belegen, dass die Infektionsgefahr beim Fußball sehr gering ist“, erklärt NFV-Präsident Günter Distelrath. Deshalb sei die Wiederaufnahme des Trainingsbetriebes nicht zuletzt für Kinder und Jugendliche dringend erforderlich. Christof Asbach, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Aerosolforschung, macht klar: „Ansteckungen passieren in Wohnheimen, Schulen, bei Chorproben oder Busfahrten – und nicht draußen.“

Das sagt Sarstedts Fußballchef

„Ich bin kein Wissenschaftler, aber ich denke auch, dass die Ansteckungsgefahr draußen gering ist“, sagt Viktor Rosenfeld, Vorsitzender des 1. FC Sarstedt. „Ich habe die Befürchtung, dass uns viele Fußballer abhanden kommen, wenn das allgemeine Trainingsverbot noch länger andauert.“

Nach der aktuellen niedersächsischen Corona-Verordnung dürfen Gruppen bis zu 20 Kindern (bis 14 Jahre) Kontaktsport betreiben, wenn die Sieben-Tage-Inzidenz dauerhaft unter 100 liegt. Sogar ein Spielbetrieb bei den Erwachsenen wäre bei einem solchen Inzidenzwert erlaubt. Trotzdem wurde die Fußballsaison abgebrochen – vor allem deshalb, weil die Inzidenz in etlichen Städten und Kreisen deutlich über 100 liegt. Kurios: Bei Inkrafttreten der Notbremse des Bundes würde die Grenze sogar auf eine Inzidenz von 150 steigen. Und bis zu fünf Kinder und Jugendliche dürften unabhängig von der Inzidenz draußen Sport treiben.

Für Professor Scheuch spielen Inzidenzen ohnehin keine Rolle im Außenbereich. Für das grundsätzliche Verständnis sei wichtig, dass Ansteckungen durch Aerosole entstehen – und nicht durch Kontakte. „An der frischen Luft verflüchtigen sich Aerosole sehr schnell, die nötige Konzentration für eine Ansteckung wird dadurch nicht erreicht.“

Also Feuer frei für die Fußballer? Epidemiologe und Talkshow-Stammgast Karl Lauterbach sieht das anders: „Steht man eng zusammen und atmet die Ausatmung des Nachbarn ein, dann zieht man die Virenaerosole ein. Lautes Sprechen und Menschengruppen bergen auch draußen ein Ansteckungsrisiko.“

Post vom Ordnungsamt

Detlef Winter, Vorsitzender im NFV-Kreis Hildesheim, äußert sich differenziert: „Kinder- und Jugendtraining sollte möglich sein, aber einen Spielbetrieb bei den Erwachsenen sehe ich kritisch.“ Er ergänzt: „Die Ansteckungen finden offenbar meist im privaten und beruflichen Umfeld statt. Davon sind auch Fußballer betroffen. Ganze Mannschaften müssten schon dann in Quarantäne, wenn ein Spieler Kontakt zu einer infizierten Person hatte. Da macht ein Spielbetrieb wenig Sinn.“

Der NFV Kreis hat kürzlich übrigens Post vom Ordnungsamt des Landkreises bekommen: „Eine Abmahnung“, sagt Winter. In dem Schreiben werde moniert, dass mehrere Vereine Pressetermine initiiert hätten, in denen sie ihre Neuverpflichtungen für die bevorstehende Serie vorstellten. Das verstoße gegen die geltende Corona-Verordnung.

Unter anderem geht es um ein Foto des SV Bavenstedt. Darauf sind fünf Personen zu sehen, die sich in großem Abstand auf dem Sportplatz für ein Foto aufgestellt hatten. „Wir dachten, dass ein solcher Termin unter freiem Himmel unter Wahrung der Abstände unbedenklich ist“, sagt SVB-Sportdirektor Gerd Celnik. Professor Gerhard Scheuch würde ihm da sicher zustimmen.

Mehrere Beschwerden

Beim Ordnungsamt des Landkreises sieht man die Sache offenbar anders. Auf Nachfrage der HAZ antwortet Landkreis-Pressesprecherin Birgit Wilken: „Der Landkreis (Ordnungsamt) erhält vermehrt Beschwerden und Hinweise von Bürgern über Zusammenkünfte von Personen aus mehreren Haushalten für Spielervorstellungen im Amateurfußball-Bereich.“ Diesen Hinweisen gehe der Landkreis selbstverständlich nach. Es habe aber keine Abmahnung gegeben. Vielmehr habe der Landkreis den NFV darauf hingewiesen, dass die Kontaktbeschränkungen gemäß der geltenden Niedersächsischen Coronaverordnung aufgrund des Gleichheitsgrundsatzes auch für die genannten Anlässe einzuhalten seien und gebeten, die Vereine entsprechend zu sensibilisieren.

Eine HAZ-Umfrage bei einigen Klubs ergab, dass man das Vorgehen des Ordnungsamtes zumindest für fragwürdig hält. Um sich weiteren Ärger zu ersparen, hat der NFV Kreis die Vereine aufgefordert, solche Termine in Zukunft zu unterlassen.

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