Hildesheim - Es ist Sonntag, die Familie sitzt am Esstisch als der Großvater plötzlich zusammensackt, vom Stuhl rutscht und regungslos liegen bleibt. Was ist jetzt zu tun? Wie war das doch gleich im Erste-Hilfe-Kurs?
Eine Forsa-Umfrage zeigt, dass bei etwa jedem vierten Erwachsenen der letze Erste-Hilfe-Kurs über 20 Jahre her ist und das Wissen mit der Zeit immer weiter schwindet. Der Ärzte-Bund fordert daher, an Schulen Erste Hilfe zu vermitteln, um mehr Menschenleben retten zu können. Wie stehen Hildesheimer Hilfsorganisationen dazu und könnten sie ein solches Angebot personell stemmen?
Nur elf Prozent überleben
„Zu 120.000 Betroffenen pro Jahr wird der Rettungsdienst gerufen. In 60.000 Fällen können Reanimationsversuche unternommen werden. Nur 11 Prozent der Betroffenen überleben solch einen Notfall“, heißt es vom Bundesministerium für Gesundheit.
Dabei könnten sich die Überlebenschancen laut Ministerium verdoppeln bis verdreifachen, wenn unverzüglich eine Herzdruckmassage begonnen wird. Da fast zwei Drittel aller Kreislaufstillstände Zuhause auftreten, sind es vor allem Familienangehörige oder Freunde, die diese wichtige Aufgabe übernehmen müssen.
Überlebensrate verbessern
„Schätzungsweise 10.000 Menschen mehr könnten gerettet werden, wenn die Laienreanimationsrate auf das Niveau anderer Länder stiege, denn die Überlebenswahrscheinlichkeit sinkt mit jeder Minute“, sagt Hans Martin Wollenberg, Vorsitzender vom Marburger Bund in Niedersachsen. Der Hausärzteverband Niedersachsen und der Marburger Bund Niedersachsen fordern deshalb ab der siebten Klasse jährlich zwei Stunden Wiederbelebungsunterricht an niedersächsischen Schulen.
Die Johanniter Unfall Hilfe unterstützt das. „Ein Best-Practice-Beispiel stellt Dänemark dar“, so Maike Müller, Pressesprecherin vom Regionalverband Südniedersachsen, auf HAZ-Anfrage. „Seit der Einführung von Erste-Hilfe-Trainings an Schulen im Jahr 2005 hat sich dort die Überlebensrate bei Notfällen in der Häuslichkeit mehr als verdoppelt.“
Zögern schadet Betroffenen
„Viele haben Angst, Fehler zu machen, doch der größte Fehler wäre, nichts zu machen“, sagt Franz Müller, Ausbildungsleiter beim Arbeiter-Samariter-Bund Kreisverband Hildesheim. Schon ein Zögern könne irreversible Schäden verursachen, erklärt Michael Lukas, Pressesprecher der Malteser Hildesheim, und ergänzt, dass der Rettungsdienst im Schnitt acht Minuten oder länger brauche.
Kinder lernen Erste-Hilfe
„Wir wissen, dass Kinder einmal gelernte Erste-Hilfe-Maßnahmen noch Jahre später umsetzen können“ erklärt Maike Müller. Mit dem Angebot „Ersthelfer von Morgen“ bringe die Hilfsorganisation bereits Kindergartenkindern spielerisch bei, wie sie einen Notruf absetzen, Trösten und Wunden versorgen können. Ziel sei es, bei Kindern bereits früh die Bereitschaft zum Helfen zu fördern, damit sie später als Jugendliche und Erwachsene ganz selbstverständlich Erste Hilfe leisten.
Die Malteser bieten laut Lukas mit „Abenteuer Helfen“ ein ähnliches Programm für Kinder ab 5 Jahren an und empfehlen ab 14 Jahren die Teilnahme an einem normalen Erste-Hilfe-Grundlehrgang. Bei ASB und DRK gibt es ebenfalls altersgerechte Angebote für Kindergärten. Zudem bilden die Hilfsorganisationen Jugendliche für den Schulsanitätsdienst aus.
Jugendliche als Multiplikatoren
„Durch Studien wurde bewiesen, dass Schülerinnen und Schüler ab Klasse 7 in der Lage sind, sowohl theoretische Inhalte zum Thema Wiederbelebung zu erlernen als auch praktisch bei einem Erwachsenen die spezifischen Maßnahmen durchzuführen“, so JUH-Sprecherin Müller. Schwerpunkt der schulischen Ausbildung solle sein, einen Herz-Kreislauf-Stillstand zu erkennen, einen Notruf abzusetzen und eine korrekte Herzdruckmassage durchzuführen.
Johanniter, Malteser und ASB sind optimistisch, die Aufgabe personell stemmen zu können. Zumal die Ausbildung nicht zwingend immer von Mitarbeitenden der Hilfsorganisationen durchgeführt werden müssten. Denkbar wäre auch, Lehrkräfte und Jugendliche als Multiplikatoren zu schulen, so dass diese das Wissen in der Schule selber vermitteln können.
Logistik problematisch
Das DRK ist skeptischer. „Wir haben bereits ein Konzept entwickelt und ein Pilotprojekt an der Renata-Schule durchgeführt. Die Kinder haben alle super mitgemacht. Am Ende teilte das Ministerium jedoch mit, dass kein Geld für eine flächendeckende Umsetzung zur Verfügung stehe“, erzählt Thomas Köke, ehrenamtlicher Ausbildungsbeauftragter beim DRK Kreisverband Hildesheim.
Zudem: Dort arbeiten aktuell überwiegend Ehrenamtliche, die wegen ihres Jobs kaum Möglichkeiten hätten, während der Schulzeit Trainings anzubieten. Durch Multiplikatorenschulungen könne zwar der Personalbedarf reduziert werden, doch das löse nicht die Logistikprobleme. Die Schulen bräuchten zum Beispiel Reanimationspuppen und professionell desinfizierte Masken zum Beatmen.

