Kreis Hildesheim - Der ärztliche Bereitschaftsdienst ist auch im Kreis Hildesheim komplett umgestellt worden. Während bislang niedergelassene Ärzte Notdienste übernommen haben und am Abend oder am Wochenende zu den Patientinnen und Patienten gefahren sind, setzt die Kassenärztliche Vereinigung Niedersachsen (KVN) nun auf Telemedizin und nichtärztliches Personal.
Nach Angaben des Geschäftsführers der Hildesheimer KVN-Bezirksstelle, Philip Degener, ist es zuletzt immer schwieriger geworden, den herkömmlichen Bereitschaftsdienst aufrechtzuerhalten. „Jüngere Ärzte wollen keinen Bereitschaftsdienst mehr machen“,Es handele sich dabei sogar um einen extremen Nachteil für die Besetzung von Landarztstandorten. Die Verpflichtung zum Bereitschaftsdienst sei für viele ein Grund, eine solche Praxis nicht zu übernehmen.
Bereitschaftsdienst komplett umgekrempelt
Daher hat die Kassenärztliche Vereinigung das Bereitschaftssystem komplett umgekrempelt. Bislang gab es niedersachsenweit 86 Ärztinnen und Ärzte in 75 Bereitschaftsdienst-Bereichen. Künftig wird es nur noch acht Bereiche mit 40 Ärzten geben. Hildesheim gehört zum Bereich Göttingen. Und die Kassenärzte lagern den Bereitschaftsdienst an die Johanniter aus. Einer der beiden Standorte im Bezirk Göttingen ist die Johanniter-Rettungswache am Hildesheimer Cheruskerring.
Wer nun außerhalb der üblichen Praxisöffnungszeiten einen Arzt benötigt, ruft weiterhin die Service-Rufnummer 116 117 an. Dort versuchen die Mitarbeitenden zunächst einzuschätzen, ob der Fall bis zum nächsten Tag warten und der Patient entsprechend an den Hausarzt verwiesen kann, oder ob es sich sogar um einen lebenbedrohlichen Notfall handelt, und der Rettungswagen alarmiert werden muss.
Bereitschaftspraxen bleiben erhalten
Ist die Erkrankung hingegen tatsächlich ein Fall für den ärtzlichen Bereitschaftsdienst, dann wird der Patient an eine der Bereitschaftsdienstpraxen vermittelt. Davon gibt es landesweit 70. Sie bleiben weiter erhalten – auch die im Hildesheimer Helios Klinikum. Ist die Patientin oder der Patient aber nicht in der Lage, dorthin zu fahren, kam bislang der ärztliche Fahrdienst zum Einsatz. Ein niedergelassener Arzt fuhr zu den Patientinnen und Patienten nach Hause.
Nach dem neuen System, das im Kreis Hildesheim seit Anfang Juni greift, hingegen wird es zunächst eine Telefon- und Videoberatung geben. Dabei arbeitet die KVN mit dem Anbieter Teleclinic zusammen. Ein Arzt oder eine Ärztin setzt sich dabei innerhalb von 30 Minuten mit der Patientin in Verbindung. In den ersten beiden Wochen hat sich nach Angaben von Degener gezeigt, dass es meist sogar deutlich schneller geht. Damit hat der Patient deutlich schneller Kontakt zu einem Arzt als nach dem bisherigen System – allerdings eben nur auf dem Bildschirm oder am Telefon.
Nicht immer Arzt erforderlich
Die Ärtztin kann dem Patienten dann ein elektronisches Rezept oder eine Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung ausstellen. Sollte die telemedizinische Behandlung nicht ausreichen, kommen die Johanniter ins Spiel. Sollte sich in dem Telefonat herausstellen, dass ein Hausbesuch notwendig ist, kann auf direktem Weg ein Arzt oder eine Ärztin losgeschickt werden. Werden nach erster Einschätzung des Disponenten zunächst Gesundheitsfachkräfte der Johanniter zum Einsatz geschickt, entscheiden diese vor Ort über das weitere Vorgehen und fordern bei Bedarf unmittelbar einen Arzt an, ebenfalls gestellt von den Johannitern.
Wenn es etwa um Rückenschmerzen oder Magen-Darm-Erkrankungen gehe, müsse nicht unbedingt ein Arzt rausfahren, sagt Degener. Er betont, dass es sich um Fachkräfte mit mindestens dreijähriger Ausbildung handelt. Die Johanniter beschäftigen für diese Aufgabe Rettungsassistenten, Notfallsanitäter, medizinische Fachangestellte und Pflegekräfte. Die Ärzte sind ebenfalls bei den Johannitern angestellt.
In den ersten zwei Wochen seit Einführung des neuen Systems habe es im Bereich Hildesheim keinerlei Beschwerden gegeben, versichert Degener: „Bisher sind die Erfahrungen gut.“
