Hildesheim - Manchmal wollen die Wörter einfach nicht heraus. Der Kopf ist schneller als der Mund, die Wangen werden rot, die Zunge spielt nicht mit. Dieses Problem kennen viele Menschen. Vor allem bei Kindern kommt es häufig vor, dass gelispelt, gestottert oder gestolpert wird. Laut dem Deutschen Bundesverband für Logopädie betrifft das jeweils ein Viertel bis ein Drittel eines Jahrgangs – im Landkreis Hildesheim ist es ein Viertel.
Doch nicht nur die Jüngsten benötigen gelegentlich Unterstützung beim Sprechen. Auch im späteren Leben kann es vorkommen, dass Menschen auf logopädische Therapien angewiesen sind. „Tatsächlich hält sich die Waage zwischen Kindern und Erwachsenen, die wir behandeln“, erklärt Melanie Wipprecht, stellvertretende Schulleiterin am Hildesheimer Diakonie-Kolleg, wo Logopädinnen und Logopäden ausgebildet werden.
18 verschiedene Störungsbilder
Nach Einschätzung von Wipprecht ist die Bandbreite der Logopädie vielen jedoch kaum bekannt. Insgesamt gibt es 18 verschiedene Störungsbilder. Dazu zählen Lispeln und Stottern, aber auch Schluckstörungen oder Näseln. „Am unbekanntesten ist wohl der Mutismus“, sagt Wipprecht. Betroffene sind körperlich zwar in der Lage zu sprechen, bleiben jedoch aus psychischen Gründen stumm. Häufig tritt die Störung als sogenannter selektiver Mutismus auf: Kinder sprechen dann etwa zu Hause, nicht aber in der Schule oder nur mit bestimmten Personen.
Auch nach einem Schlaganfall oder infolge anderer neurologischer Erkrankungen kann eine logopädische Therapie notwendig werden. Denn sie befasst sich nicht nur mit Sprache, sondern ebenso mit Stimme, Schlucken und Hören.
Auch „Vielsprecher“ betroffen
„Eine weitere Gruppe, der wir häufig begegnen, sind sogenannte Vielsprecher“, sagt Wipprecht. Dazu gehören etwa Lehrerinnen und Lehrer, Professorinnen und Professoren, alle Menschen, die beruflich viel sprechen oder singen, beispielsweise im Chor. „Die meisten kennen Heiserkeit, aber es kann auch passieren, dass die Stimme einfach wegbricht oder schnell ermüdet.“ Schließlich sei die Stimme ein Muskel, der trainiert, aber auch überlastet werden könne. „Das fühlt sich dann an wie ein Kloß im Hals, ähnlich wie beim Weinen.“ Um weiterzusprechen, greifen viele zu Wasser, räuspern sich häufig oder husten. Auch solche Verhaltensweisen lassen sich mit logopädischer Unterstützung verändern.
Gleichzeitig gibt es allerdings zu wenige Logopädinnen und Logopäden, um allen Betroffenen zeitnah helfen zu können. „Durch den anhaltenden Fachkräftemangel und den demografischen Wandel besteht eine hohe Nachfrage nach Logopädie für Patientinnen und Patienten aller Altersstufen“, erklärt Wipprecht. „Uns wird häufig berichtet, dass es lange Wartelisten in den Praxen gibt.“ Der Bedarf sei demnach groß, derzeit gebe es mehr offene Stellen als Absolventinnen und Absolventen. Auch im Diakonie-Kolleg sind aktuell nur die Hälfte der 23 Ausbildungsplätze belegt. Zum 1. Oktober startet der nächste Jahrgang, mithilfe von Schnuppertagen versucht das Kolleg mehr Menschen anzuwerben.
Teilhabe und Selbstständigkeit
Ein Grund für die mangelnden Plätze in logopädischer Betreuung sei unter anderem die bevorstehende Rentenwelle, durch die viele Praxen schließen mussten. „Aber Logopädinnen und Logopäden helfen Menschen, ihre Kommunikationsfähigkeit zu verbessern oder wiederzuerlangen“, sagt Wipprecht. Ob im Kindesalter, im Berufsleben oder nach einer Erkrankung – Sprache und Stimme spielen für Teilhabe und Selbstständigkeit eine zentrale Rolle.
