Derneburg - Die Funken blitzen spektakulär über den Asphalt: Biker lieben solche waghalsigen Manöver, wenn in extremer Kurvenschräglage das Knie über den Boden schrappt und durch einen Metallschleifer durchaus nicht unumstrittene Effekte erzielt werden. Und doch ist es ein Moment, in dem Geschwindigkeit plötzlich sehr sichtbar werden kann. In der neuen Ausstellung „Tempo. Tempo! Tempo?“, die heute eröffnet wird, widmet sich das Kunstmuseum im Schloss Derneburg diesem Thema aus verschiedenen, recht unterschiedlichen Perspektiven. Alles – bloß keinen Stillstand.
Diese Gruppenausstellung ist eine erstmalige Kooperation mit starkem Hildesheimer Akzent: Das Landesmuseum Hannover (Leiterin Dr. Katja Lembke aus Hildesheim) legt den Schwerpunkt auf eine natur- und kulturgeschichtliche Betrachtung von Geschwindigkeit, während der PS.Speicher Einbeck (Leiter Lothar Meyer-Mertel aus Hildesheim) vor allem technische Aspekte der Geschwindigkeit in den Vordergrund stellt.
So rasen denn auch im ehemaligen Schafstall am Derneburger Schloss Motorräder – natürlich auf auf der Leinwand: Aber Malcolm Morley hat sie auseinandergerissen auf seinem großformatigen Werk „Hubris“. Dabei fliegen zwar keine Funken, aber es entsteht beim Betrachten ein eigenartiges Gespür von Tempo. Dass mit dem Begriff und Titel der Ausstellung nicht immer das Gegenteil von Stillstand gemeint ist, das veranschaulicht die fast kontemplative Installation „+ and -“ der israelischen Künstlerin Mona Hatoum. In einem vier Meter großen Rund lässt sie im Kreis beständig Spuren im weißen Sand ziehen – und gleich wieder verwischen. Ganz kontinuierlich, ohne Pausen. Eine Frage an das eigene Zeitempfinden. Bedeutet Tempo immer nur Schnelligkeit oder hat es nicht ebenfalls auch viel mit dem sehr zeitgenössischen Ruf nach Entschleunigung zu tun?
Das Kunstmuseum hat 40 Werke von 30 international renommierten Künstlerinnen und Künstlern aus den Bereichen Bildhauerei, Malerei, Installation und Neue Medien ausgesucht, die sich mit dem Konzept der Zeiterfahrung auseinandergesetzt haben. Sie stammen alle aus der Sammlung von Andy und Christine Hall, der weltweit größten Privatsammlung zeitgenössischer Kunst, dabei sind auch Bilder von Andy Warhol oder Anselm Kiefer zu sehen.
Ist eine Steigerung des Tempos tatsächlich immer auch gleichzeitig ein Fortschritt für die Menschen? Eine existenzielle Frage. Der kanadische Künstler Edward Burtynsky zeigt in „Manufacturin“ beispielsweise hunderte von Fabrikarbeiterinnen beim effizienten Geflügelfleisch-Verpacken im Akkord. Bei diesem höchst realistischen Abbild von Massenproduktion gerät der Mensch innerhalb der Industrialisierung plötzlich selbst zu einem Bestandteil erniedrigender Käfighaltung.
Oder immer wieder taucht das Thema Verkehrsstraßen auf: Tragen breit ausgebaute Fahrbahnen tatsächlich zu einer verbesserten Lebensqualität bei oder hat die extrem vorangetriebene Infrastruktur in Städten und Landschaften auch negative Auswirkungen auf Umwelt und Klima – und damit auf alle? Dazu werden echte Verkehrsunfälle auf Schwarz-Weiß-Fotos (Arnold Odermatt aus der Schweiz war Polizist) gezeigt, die bei aller Skurrilität auch das Gefahrenpotenzial von Geschwindigkeit nicht vergessen machen.
„Beschleunigungsgesellschaft“
Der deutsche Soziologe Hartmut Rosa, dessen Überlegungen in das Ausstellungskonzept eingeflossen sind, spricht inzwischen sogar von einer „Beschleunigungsgesellschaft“. Dazu gehören auch die massenhafte, immer schnellere Verbreitung von Nachrichten, der erweiterte Zugang von Informationen und Bildern in der digitalen Welt. Die englische Künstlerin Juli Curtis zeigt auf ihrem Venyl-Öl-Werk mit dem Titel „Selfies“ ausgerechnet zwei Gestalten mit Handys aber ohne Gesichter.
Zu der Ausstellung gehört zum Abschluss eine etwa einstündige Videovorführung: Dabei kann man den niederländischen Filmemacher Guido van der Werve bei seiner 1500 Kilometer langen Tour zwischen Warschau und Paris begleiten. Er legt die Strecke in unterschiedlichen, vor allem gemächlichen Geschwindigkeiten zurück – er schwimmt, läuft und fährt Rad. Auf der Route ist der Weg das Ziel. Und so entdeckt man in Momenten des Verweilens Landschaften, die denen im Landkreis Hildesheim rund um Schloss Derneburg doch sehr ähnlich sind.
Tickets und Öffnungszeiten
Die Ausstellung ist bis zum 4. Februar im Kunstmuseum Derneburg zu sehen – in Kooperation mit dem Landesmuseum Hannover und dem PS.Speicher in Einbeck. Das Kunstmuseum ist samstags und sonntags von 11 bis 18 Uhr geöffnet, Café und Teesalon ebenfalls. Der Eintritt kostet 16 beziehungsweise 10 Euro, Kinder bis 14 Jahre haben freien Eintritt (Tickets online unter: www.sdmuseum.de). An beiden Tagen findet jeweils um 11.30 Uhr auch eine einstündige Führung über das historische Schlossgelände statt (Extra-Tickets). Bei der Vorlage eines Tickets der anderen beteiligten Museen wird für „Tempo. Tempo! Tempo?“ ermäßigter Eintritt gewährt.






