Hildesheim - Das Erfolgsgeheimnis seiner Bar war er selbst. Dieter Podleska, oder Potter, wie ihn die meisten nannten, war schon Anfang der 90er Jahre in der Manhattan-Bar der Mittelpunkt im Nachtleben der Stadt. Das damals in Hildesheim, ja tatsächlich: tobte. Dichtgedrängt standen die Leute in mehreren Reihen um die Theke, erst im Sonnenaufgang leerte sich der Laden allmählich, dann schlug die Stunde der Taxifahrer. Wer sich an diese Zeit erinnern kann, wer sie erlebt hat, der erinnert sich unweigerlich auch an Potter, den Barkeeper. An seine außergewöhnliche Präsenz, an seine Zuvorkommenheit und Stressresistenz. Da war kein Gast, den er nicht spätestens beim zweiten Mal kannte, da war niemand, den er übersah. Die Erinnerung an ihn ist für viele Menschen mit einer wilden, wunderbaren Zeit verbunden, und sie wird sich nicht mehr auffrischen lassen: Vor wenigen Tagen, kurz nach seinem 64. Geburtstag, ist Potter gestorben.
Er wusste, dass dieser Tag kommen würde. Er ahnte es seit Jahren. Die Ärzte hatten ihm schon 2017, zum Zeitpunkt der Diagnose seiner Krankheit, nur noch Monate zu leben gegeben. Doch er blieb ruhig wie immer, optimistisch im Stillen, und machte einfach weiter. Zwar bald nicht mehr mit der Arbeit, die er aufgeben musste, aber mit dem Leben an sich. „Gut“, sagte er, wenn man ihn fragte, wie es ihm gehe. Er erzählte von langen Spaziergängen, die er liebte, von Spieleabenden mit Freunden, von der Familie. Er machte Witze wie immer, war offen und verriet dennoch nie zu viel, er verließ sich ganz auf sich selbst.
„Mit Dieter brauchte ich keine Verträge zu schließen“
Verlässlich war er in jeder Hinsicht. „Einen zuverlässigeren Partner als Potter hatte ich nie“, sagt Matthias Mehler, der mit ihm zusammen jahrelang große Feiern in der Halle 39 und anderswo schmiss. „Mit Dieter brauchte man keine geschäftlichen Verträge zu schließen. Was er zugesagt hatte, das machte er auch.“ Schon aus Berufsehre. Über die ging ihm nichts: Handwerk, Höflichkeit und Diskretion. Er selbst blieb dabei stets im Hintergrund. Selbstdarstellung, das war was für Gäste, die Wert darauf legten. Er erfüllte Wünsche, mixte Drinks auf Weltniveau, schenkte teure Kognacs oder Champagner aus, als hätte er sein Leben lang nichts anderes gemacht – doch wenn er von sich selbst erzählte, verriet er seine Bodenständigkeit.
Mit 27 Jahren schmiss der gebürtige Hildesheimer sein Studium der Vermessungstechnik in Hamburg und kehrte nach Hause zurück, wo er anfing, in der Manhattan-Bar Gläser zu spülen. Irgendwann durfte er sie auch füllen, diese Gläser, und wurde schnell zum Gesicht und zur Marke des Ladens. Seine Gäste gingen bald nicht mehr auf einen Drink ins Manhattan, sie gingen auf einen Drink zu Potter. Nur konsequent, dass er unter diesem Namen 1994 eine eigene Bar eröffnete: das Potters in der Friesenstraße. „Ach naja, ich bin da so reingerutscht“, sagte er einmal über seinen Werdegang. Understatement, das war sein Ding.
Was im Potters geschah, das blieb im Potters
„Was nachts im Potters passierte, was er alles mitbekam, darüber hat er eigentlich nie ein Wort verloren“, sagt Heike Romanski, Podleskas langjährige Lebensgefährtin. „Selbst mir hat er kaum je was erzählt. Dabei waren es so viele Geschichten, dass sie für ein Buch gereicht hätten.“ Nun werden sie nie erzählt werden. „Ein klassischer Barkeeper muss ein Neutrum sein“, sagte Podleska selbst. „Nur sprechen, wenn man gefragt wird, und keine persönlichen Statements abgeben.“ Ein Barkeeper, fand er, sollte lieber zuhören und den Laden im Blick haben: Fühlen sich die Gäste wohl, muss man einen aufdringlichen Mann von einem Frauentisch wegbitten, hat die Musik die richtige Lautstärke?
„Dieter hat eigentlich immer gearbeitet“, sagt sein Freund Otto Bettels. Einmal, erzählt er, wollte ihre Freundesgruppe nach Mallorca in den Urlaub. „Um sechs Uhr ging der Flieger, und um vier Uhr mussten wir ihn in der Bar abholen.“ Podleska habe alles gegeben für den Laden – „und dabei immer in sich geruht – ob nun drei oder dreihundert Gäste da waren“. Nur eines habe ihn aufgeregt: „Wenn das Personal schludrig war, konnte er unbequem werden.“
„Mehr als dankbar, dass ich das erleben durfte“
Er konnte es aber auch fördern, dieses Personal, konnte Mentor sein und Freund fürs Leben. Heute ist Jonathan Wachowiak Barchef, einer der beiden Stiefsöhne Podleskas. Während Vincent, der zweite der beiden, und Podleskas Sohn Leon andere Wege gehen, hat Potter noch in den Zeiten seiner Krankheit an zwei Abenden pro Woche an der Theke seiner Bar gesessen und Jonathan in die Geheimnisse des Cocktailmixens eingeweiht, so lange, bis er das Handwerk im Schlaf beherrschte. Mit Augenmaß statt mit dem Messbecher, mit der Erinnerung an jedes der 200 Rezepte, mit Akkuratesse, Aufmerksamkeit und natürlich: mit Diskretion.
„Dieter hatte so eine wunderbare, feine, ruhige Art“, sagt auch Rüdiger Schärling, Weggefährte und Gastro-Kollege seit Jahrzehnten, der bis heute die Weinkostbar und das Schärling führt und einst auch das Vier Linden betrieb. „Ich weiß noch, wenn ich manchmal frühmorgens von dort kam und noch auf einen Absacker zu Potter wollte. Wie voll es da noch war, wen man alles traf! Das waren Nächte! Ich bin mehr als dankbar, dass ich das alles erleben durfte.“
Die Erinnerung hat sich für viele Hildesheimer eingeschrieben
Dass es solche Nächte in Hildesheim nur noch selten gibt, ist niemandes Schuld. Manchmal sind es einfach die Zeiten, die sich ändern. Die Kultur, die Dieter Podleska als Gastgeber prägte, ist heute eine andere als zu Beginn seiner Laufbahn. Die Ausgehlaune, die Lust auf lange Nächte, auf lange Gespräche oder einen Smalltalk – und hin und wieder auf einen gepflegten Rausch – all das hat sich gewandelt. Nächte wie damals wird es in Hildesheim so vielleicht nicht mehr geben. Doch Potters Verdienst ist es, dass es sie einst gab. Und dass sich die Erinnerung daran eingeschrieben hat ins Gedächtnis vieler Menschen dieser Stadt, ganz egal, ob sie Gäste waren oder Barkollegen oder Taxifahrer.

