Hildesheim - Mit einem Schweigemarsch für Kennedy fing es an, den Kampf gegen die NPD begleiteten schwere Tumulte: Rückblick auf mehr als ein halbes Jahrhundert lokaler Demonstrationsgeschichte.
Es war die Hildesheimer Jugend, die in den studentenbewegten sechziger Jahren die Möglichkeit des Demonstrierens für sich entdeckte, und wie die Alten ihren Unmut auf die Straße trug. Am Anfang stand der eindrucksvolle Schweigemarsch von 5000 Schülern, Auszubildenden und Berufsempfängern, die der Ermordung des amerikanischen Präsidenten John F. Kennedy ein sichtbares Zeichen des Mitgefühls entgegensetzen wollten. Die Zustimmung war quer durch die Gesellschaft groß, OB Martin Boyken dankte ergriffen für die Initiative und erreichte beim Rat, für den üblichen bürokratischen Ablauf höchst ungewöhnlich, die sofortige Benennung des Kennedydammes als Reaktion auf das Jahrhundertereignis. Aufnahme vom 26. November 1963, Archiv Verlag Gebrüder Gerstenberg.
Auch das Staatsbegräbnis Konrad Adenauers wurde gewürdigt, es war wiederum OB Boyken, der seinen jungen Mitbürgern dafür ein außergewöhnlich hohes Maß „an politischer Reife und Einsicht“ bescheinigte. Doch die Zeiten wurde rauer, im Inneren wie im Äußeren. Aufnahme vom 25. April 1967, Archiv Verlag Gebrüder Gerstenberg.
Das jähe und brutale Ende des „Prager Frühlings“ ließ die Gefahr konkreter werden, dass es nicht beim Kalten Krieg zwischen den Blöcken bleiben müsse. Beim Zeigen von Solidarität mit der Tschechoslowakei blieben die geballten Fäuste in der Tasche, man wollte halt zumindest „nicht stummgeblieben sein“. „Freiheit für CSSR“, die Abkürzung stand bis 1990 für „Tschechoslowakische Sozialistische Republik“, forderten wieder überwiegend junge Hildesheimer, als sie gegen die brutale Niederschlagung des „Prager Frühlings“ durch Truppen des Warschauer Paktes protestierten. Als die hannoversche Üstra die Fahrpreise drastisch erhöhen wollte, wurde die Region dagegen in den Sog der legendären „Rote-Punkt-Aktion“ gezogen, vornehmlich in Sarstedt kam es nun auch zu gewalttätigen Zusammenstößen zwischen Protestierenden und der Polizei, das Haus der Jugend wurde gestürmt und vorübergehend geschlossen, um der „Apo“ keine Operationszentrale zu bieten. Hinter der ominösen Abkürzung verbarg sich die mit der Studentenbewegung eng verbundene „Außerparlamentarische Opposition“. Aufnahme vom 22. August 1968, Archiv Verlag Gebrüder Gerstenberg
Kurt-Georg Kiesinger, dritter Bundeskanzler, sah sich nicht erst seit der spektakulären Ohrfeigen-Aktion von Beate Klasfeld wegen seiner Mitgliedschaft in der NSDAP scharfer Kritik und Rücktrittsforderungen ausgesetzt. Das bekam er auch bei seinem Auftritt an der Innerste zu spüren, die Stadtspitzen musten den Regierungschef auf dem weiträumig abgesperrten und nahezu menschenleeren Marktplatz begrüßen. Die Wagenkolonne wurde auf der Fahrt dorthin von der aus dem Zentrum verbannten Menge nicht gerade freudig empfangen, wie dieser Schnappschuss aus einer der Limousinen belegt. Aufnahme vom 26. August 1969, Archiv Verlag Gebrüder Gerstenberg
Der Bundestags-Wahlkampf 1969 bot reichlich Anlass, die Diskussion in der Öffentlichkeit zu führen, Besuche von Kanzler Kurt-Georg Kiesinger und Adolf von Thadden musste von einem Großaufgebot der Sicherheitskräfte gesichert werden, Regierungspräsident Günter Rabus wies den Vorwurf empört zurück, die Auftritte von Nazis geschützt zu haben, Grundlage der freiheitlichen Rechtsordnung sei die Garantie der Versammlungs- und Meinungsfreiheit. Rund 2000 Menschen versammelten sich vor der Sporthalle Pappelallee, um gegen den Auftritt des NPD-Vorsitzenden Adolf von Thadden zu demonstrieren oder gespannt seinen Worten zu lauschen. Eine Kanzel aus Plexiglas schützte den umstrittenen Redner, seine Partei verpasste beim Urgengang den Einzug in den Bundestag, was der sozialliberalen Koalition den Weg ebnete. Aufnahme vom 23. September 1969, Archiv Verlag Gebrüder Gerstenberg.
Der Auftritt eines NPD-Funktionärs in der Handelslehranstalt in der Wollenweberstraße hatte schon einige Wochen früher zu heftigen Auseinandersetzungen zwischen Demonstranten und der Polizei geführt. Am Bahnhof setzte sich der Zug der Neonazi-Gegner zunächst noch ganz friedlich auf der genehmigten Route in Bewegung. Aufnahme vom 15. August 1969, Archiv Verlag Gebrüder Gerstenberg.
Kurz vor dem Erreichen der Kaiserstraße setzten die Teilnehmer dann zum Laufschritt an, um die Absperrungen zu durchbrechen, der Weg in die Neustadt war frei. Zum hermetisch abgeriegelten Versammlungslokal war aber kein Durchkommen möglich. Der Zeitungstext liest sich fast wie ein Frontbericht: „Mit Farbbeuteln und Knallfröschen gingen die Demonstranten gegen die starken Ketten der Bereitschaftspolizei vor. Sie wichen zum Neustädter Markt aus und pflanzten am Katzenbrunnen rote Fahnen auf.“ Aufnahme vom 15. August 1969, Archiv Verlag Gebrüder Gerstenberg.
Eine Auflösung der Demo gelang nicht, vor der Dienstelle von Rabus, der Bezirksregierung am Bohlweg, flogen Pflastersteine, auch die HAZ wurde zum Ziel des allgemeinen „Gesellschaftsprotestes“. Auf dem Marktplatz zogen sich die Tumulte beim „Apo-Protest gegen Neofaschismus“ bis in den späten Abend, Verletzte und Verhaftete waren die Folge. Aufnahme vom 15. August 1969, Archiv Verlag Gebrüder Gerstenberg.
Die siebziger Jahre begannen, wie die sechziger aufgehört hatten. Kapitalismus- und allgemeine Gesellschaftskritik, der Kampf gegen den § 218, Berufsverbote, Atomkraft, die Bildungspolitik und die Pinochet-Diktatur waren Reizthemen, über die auch in der Bischofsstadt erbittert gestritten wurde. Ministerpräsident Ernst Albrecht zählte zu den entschiedenen Atomkraft-Befürwortern, was bei den Gegnern zu großem Unmut führte. Der Krawall entlud sich bei einem Auftritt im Berghölzchen, Störer hatten den Saal besetzt, intonierten Sprechchöre und ließen den Gast aus Hannover auch durch den Einsatz von Trillerpfeifen nicht zu Wort kommen. Als auch noch Stinkbomben geworfen wurden, ließ die Polizei das Lokal räumen. Aufnahme vom 21. Mai 1979, Archiv Verlag Gebrüder Gerstenberg.
Mit dem NATO-Doppelbeschluss und dem Ende der sozialliberalen Koalition in Bonn wurde das Thema Aufrüstung zum zentralen Thema vieler Protestbewegungen, nicht erst seit der Wiedervereinigung gefolgt von dem Bemühen, dem Erstarken ausländerfeindlicher und rechtsradikaler Ideen entgegenzuwirken. In der Hochphase des Kalten Krieges zwischen den Weltmächten hielten Großmanöver die Region in Atem, gegen den atomaren Rüstungswettlauf zwischen SS-20 und Pershing II-Mittelstreckenraketen gingen im Sommer 1984 sechstausend Menschen auf die Straße. Hauptrednerin auf dem Hindenburgplatz war die evangelische Theologin Dorothee Sölle, die den „Wahnsinn der Politiker“ anprangerte. Aufnahme vom 24. September 1984, Archiv Verlag Gebrüder Gerstenberg.
Eine etwas kurios anmutende Begleitung für eine Veranstaltung, die sich „Europa den Europäern, nicht den Militaristen“ auf die Fahnen geschrieben hatte: Der Anmarsch durch die Schuhstraße erfolgte unter den rhythmischen Klängen von Blasmusik. Aufnahme vom 24. September 1984, Archiv Verlag Gebrüder Gerstenberg.
Mit einer Schlägerei am Huckup endete der Marsch von etwa 400 Menschen, die angesichts des Wahlerfolges der Republikaner in Berlin vor einem Wiedererstarken des Nationalsozialismus warnen wollten. Nach einem friedlichen Marsch durch die Stadt blockierte ein harter Kern von 80 Teilnehmern die Schuhstraße und gab diese auch nach dem offiziellen Demo-Ende nicht wieder frei. Die Polizei musste bei der Räumung Schlagstöcke einsetzen und stieß auf heftigen Widerstand „meist stark alkoholisierter Randalierer“. Aufnahme vom 3. Februar 1989, Archiv Verlag Gebrüder Gerstenberg.
Um dem Neonazi-Aufmarsch in der Nordstadt ein starkes Signal aus der Mitte der Gesellschaft entgegenzusetzen, versammelten sich etwa 4000 Menschen aus allen Altersgruppen auf dem Angoulêmeplatz. Der Zug zum Theater stand unter dem Motto „bunt statt braun“. Aufnahme vom 5. Juni 2010, Archiv Verlag Gebrüder Gerstenberg.
Zurück zu den Wurzeln, könnte man diese Aufnahme kommentieren. Nach dem russischen Einmarsch in die Ukraine organisierten die Hildesheimer Schülervertretungen wie bei Kennedys Ermordung spontan ein „Zeichen, das alle sehen können“. An der Menschenkette beteiligten sich über 3500 Schülerinnen und Schüler. Dass sich die Geschichte permanent zu wiederholen scheint, könnte den Chronisten resignieren lassen. Nur gut, dass sich die Menschen der Region ihr eher hitziges Naturell offensichtlich doch erhalten haben und jede Gelegenheit nutzen, öffentlich für Demokratie und Zivilcourage einzutreten. Aufnahme vom 11. März 2022, Archiv Verlag Gebrüder Gerstenberg.
















