Neues Blaufuchs-Album

Als Kind musste sich Johannes König vor den Neonazis hüten – heute schreibt der Hildesheimer Songs darüber

Hildesheim - „Die Welt ist am Arsch“, sagt der Sänger von Blaufuchs, doch der Musik hört man das nicht an. Mit optimistischem Pop-Punk trotzt die Band auf ihrem neuen Album dem Rechtsruck ebenso wie persönlichen Rückschlägen. (mit Playlist)

Der Hildesheimer Johannes König (links) und Blaufuchs sind wieder am Start – mit neuem Album und Europatour. Foto: Janis Hinz

Hildesheim - Rückschläge ist die Band gewohnt. Das Debüt-Album musste Blaufuchs zweimal aufnehmen, weil der erste Anlauf spurlos verschwunden war – das Studio hatte die Gruppe buchstäblich geghostet. Vier Jahre beim Nachfolger schien alles in trockenen Tüchern zu sein. Die Band hatte in den Ilseder Limetree Studios schon losgelegt, als sich das Label aus dem vereinbarten Deal zurückzog, weil ihm das Geld ausgegangen war. „Zu dem Zeitpunkt hatten wir aber schon 10.000 oder 15.000 Euro ausgegeben“, sagt Sänger Johannes König. Es gab also kein Zurück.

Nun ist das gute Stück fertig. Man bekommt es über die gängigen Streamingdienste und als Download, aber auch als CD und sogar als Vinyl im schicken Marmor-Look. Der Albumtitel „Bis jetzt ging alles gut“ klingt wie ein augenzwinkernder Kommentar zur Vorgeschichte. Mit dem Label Uncle M, betrieben von dem früheren Hildesheimer Mirko Gläser, fand die Band einen neuen Partner, der das Projekt über die Ziellinie brachte. Nun hoffen König und Co., von den über Jahrzehnte gewachsenen Netzwerken Gläsers zu profitieren: „In der Szene, in der wir uns bewegen, ist er einer der wichtigsten Leute in Norddeutschland.“

Klar formulierte Botschaften

Die Szene, in der Blaufuchs zu Hause ist, hört Pop-Punk. Seit knapp zehn Jahren verbindet die Band die Energie und die harten Gitarren des Punk mit eingängigen Melodien. Auch textlich gibt es einen roten Faden, der sich von Beginn an durchzieht. Das sind politisch klar formulierte Botschaften gegen Rechtsextremismus, Fremdenhass und Gewalt.

Das Stück „54.31° N 13.08° O“ erzählt davon, wie es dazu kommt. Die Koordinaten stehen für Stralsund, wo der Sänger, Jahrgang 1987, aufgewachsen ist. In dem Song singt er von der alltäglichen Gewalt, die Kinder und Jugendliche in den 90er Jahren in der Stadt an der Ostsee erlebten. Im Gespräch mit der Redaktion erzählt er von Erlebnissen, die nicht in dem Stück auftauchen: Jugendliche mit Bomberjacken und Glatzen seien von der benachbarten Hauptschule zu seiner Grundschule herübergekommen, um die Lehrer zu bedrohen. Später, als Jugendliche, hätten er und seine Freunde höllisch aufpassen müssen, wann und wo sie sich auf die Straße wagten.

Mit 18 Jahren verließ er Stralsund Richtung Berlin – damals habe er den Eindruck gehabt, dass die Probleme mit den Neonazis nicht mehr so gravierend waren wie zehn Jahre zuvor. Und heute? „Gerade willst du da nicht hin. Die AfD ist im hohen 30er-Prozentbereich, das ist wirklich gruselig.“ Sein Großvater ist gestorben, er hätte dessen Haus übernehmen und mit seiner Familie nach Stralsund ziehen können. „Aber ich möchte nicht, dass meine Kinder da aufwachsen. In Hildesheim kenne ich so etwas nicht“, sagt er in Bezug auf rechtsextreme Gewalt. Seit 2014 lebt er hier und arbeitet als Geschäftsführer der Diözesanstelle vom Bund der Katholischen Jugend.

Von den Einnahmen der Band leben zu wollen, sei nicht realistisch, sagt König, der sich auch um einen Großteil der Band-Orga kümmert. Dabei ist „Wo du herkommst“ von der 2018er Debüt-EP bei Spotify schon über eine Million Mal gehört worden. „Schöner Tag“ vom ersten Album bringt es auf fast 640.000 Plays. Tatsächlich habe es 2022 so ausgesehen, als ob die Band einen Karrieresprung schaffen könne, sagt der heute 38-Jährige. Doch dann fielen zwei geplante Touren ins Wasser – eine wegen Corona, eine aus Krankheitsgründen – und der Schwung aus der Albumveröffentlichung war dahin.

Deutschland-Tour steht an

Die Band ließ sich weder davon noch durch diverse Besetzungswechseln aus der Spur bringen, getreu dem Motto: „Da brennt noch ein Licht. Und wir bleiben voller Zuversicht.“ In den nächsten Wochen geht Blaufuchs mit der neuen Scheibe auf Deutschland-Tour. Das Abschlusskonzert am 28. März im hannoverschen Lux ist der nächstgelegene Termin. Hildesheim steht nicht auf der Liste, so König, „aber es wäre mal wieder dran.“


CD-Kritik: Unwiderstehlicher Ohrwurm

Auf dem Cover geht die Titanic unter. Über sich Kriegsflugzeuge, dahinter ein Vulkanausbruch. Das klingt finsterer, als es ist, denn ein paar weiße Blumen sind so arrangiert, dass das Szenario bei Weitem nicht so bedrohlich wirkt, wie man denken könnte.

Das Bild passt perfekt zum neuen Blaufuchs-Album mit dem vielsagenden Titel „Bis jetzt ging alles gut“. Es gibt zwar auch ein waschechtes Liebeslied auf der Platte („Immer für dich da“), aber meistens erzählen die Songs davon, dass es um die Welt alles andere als gut bestellt ist. „Hinterland“ berichtet von Erlebnissen der Band bei einem Auftritt in Sachsen, „wo Naziplakate in den Dörfern tiefer gehängt waren“, „Juno“ entführt an einen Strand in der Normandie, wo Tausende kanadischer Soldaten ihr Leben im Kampf gegen das Hitler-Regime verloren (Gitarrist John Hofmeister hat kanadische Wurzeln), und auch zwischenmenschlich läuft es nicht immer rund („Eisberg“). „Die Welt ist im Arsch“, sagt Sänger Johannes Schreiber, „und die Lösung haben wir leider nicht auf der Platte.“

Soviel zur Titanic. Doch die von John Hofmeister ausgeheckte Musik, und da kommen nun die Blumen ins Spiel, klingt ganz anders – positiv, aufbauend, hoffnungslos optimistisch. Da können die Gitarren noch so brettern, im Grunde ist es purer Pop. Musikalisch toll gemacht, mit knackigen Breaks, überraschenden Stimmungs- und Tempowechseln, voll auf den Punkt. Und dann die Produktion: Dass die Band sich einen ganzen Monat im Studio Zeit genommen hat, zahlt sich aus. Der Sound braucht den Vergleich mit bekannten Kollegen wie Feine Sahne Fischfilet oder Alex Mofa Gang wahrhaftig nicht zu scheuen.

Der letzte Song des Albums ist „Fertig“: Das Ding hat einen Refrain, den man sofort mitsingen kann und der sich sofort unwiderstehlich im Kopf festsetzt. Ein krasser Ohrwurm. Jede Wette: Wenn Blaufuchs eine große Plattenfirma hinter sich hätten, wäre das ein Hit.

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