Hildesheim - Es muss ein imposantes und martialisch anmutendes Schauspiel gewesen sein, wenn früher Hunderte von Menschen zum Galgenberg zogen und auf der Säule am Nordhang weithin sichtbar ein Leuchtfeuer loderte. Im Sommer 1902 hatten die Bauarbeiten begonnen – einem Aufruf der deutschen Studentenschaft folgend, zum Gedenken an den am 30. Juli 1898 verstorbenen früheren Reichskanzler Otto Fürst von Bismarck überall „auf Bergeshöhen Feuersäulen zu errichten“.
An Wagner orientiert
Die akademische Jugend sorgte für einen Wettbewerb, aus dem der Entwurf „Götterdämmerung“ des Architekten Wilhelm Kreis als Sieger hervorging. An dessen bewusst an Bühnenbildern von Wagner-Opern orientierten Pläne hielt man sich auch in Hildesheim. Insgesamt wurden 47 Säulen des Typus errichtet, der das antike Vorbild römischer Ehrensäulen mit germanischen Grabriten zu verbinden suchte.
Tatsächlich erinnert die Ausführung mehr an mittelalterliche Burganlagen wie den White Tower in London, was wohl die landläufige Bezeichnung als Bismarckturm erklärt. Auffällig ist, dass außer der Weihinschrift zu Bismarcks 90. Geburtstag „1. April 1905“ über dem Zugang und dem Adlerrelief auf der Frontseite kein Hinweis auf die Denkmalfunktion des Baues vorhanden ist. Spaziergänger, die sich nicht für Geschichte interessieren, werden der Anlage daher fragend gegenüberstehen. Aber genau so hatten sich die Initiatoren die Gestaltung gewünscht, massiv aber prunklos, an jedem Ort ein uniformes Symbol der Einheit, das jeder mit der Lebensleistung des verehrten Reichsgründers in Verbindung bringen musste.
Besuche in Hildesheim?
An der Innerste nahm sich die Ortsgruppe des Alldeutschen Verbandes des Projektes an und sammelte Spenden. Die Entstehung der Oststadt war eng mit dem Industrialisierungsboom der Gründerzeit verbunden. Die dankbaren Stadtväter hatten daher hier gleich nach Bismarcks Tod eine Straße samt Platz in prominenter Lage seinem Andenken gewidmet. Nur konsequent wurde der anschließende Höhenzug des Galgenberges zum Standort der Säule erkoren.
Ob indes der Geehrte im Lauf seines Lebens die Bischofsstadt jemals besucht hat, ist nicht überliefert. Immerhin wäre ein Abstecher während des Studiums an der Georgia-Augusta-Universität in Göttingen leicht möglich gewesen. In Bismarcks „Gedanken und Erinnerungen“ findet sich allerdings kein Hinweis auf Hildesheim. Ohnehin war ihm die Jurisprudenz keine Herzensangelegenheit, in der kurzen Zeit in Göttingen fand er vorrangig am Verbindungswesen Gefallen und musste als unbelehrbarer Raucher und Duellant 18 Tage im universitätseigenen Karzer absitzen.
Verbindung zu Roemer
Gute Kontakte unterhielt er aber zum Hildesheimer Reichstagsabgeordneten Hermann Roemer, den er während der Sitzungsperiode des Parlaments regelmäßig zur Soirée einlud. Für den trinkfesten Junggesellen Roemer ein hochwillkommener Auftakt für den anschließenden Kneipenbummel durch die Metropole, den er bis 4 Uhr nachts auszudehnen pflegte. Die bekennenden Bonvivants verstanden sich prächtig. So verschaffte Bismarck dem Senator das begehrte diplomatische Empfehlungsschreiben, mit dem ihm auf seiner „Reise in das Land der Pharaonen“ alle Türen offenstanden.
Der Weg zum Pelizaeus-Museum nahm hier seinen Anfang, bald konnte Roemer Besucher durch sein „Ägyptisches Zimmer“ führen. Neben Wilhelm Pelizaeus kann man sich getrost auch beim „Eisernen Kanzler“ für die großartige Sammlung bedanken, die hier heute gezeigt wird. Denn ohne seine Referenz wäre Roemers Trip an den Nil wohl nicht möglich gewesen.
Seit Jahren geschlossen
Mit dem Kriegsende war die Zeit der illuminierten Bismarcksäule endgültig vorbei. Die Feuerschale ist verschwunden. Aus der einstigen bürgerlichen Prachtstraße die stark befahrene Ortsdurchfahrt der Bundesstraße 1 geworden. Und das beliebte Ausflugsziel ist seit einigen Jahren sogar geschlossen. Feuchtigkeit hat der in 20 Metern Höhe befindlichen Aussichtsplattform zu stark zugesetzt. Es bleibt zu hoffen, dass 125 Jahre nach Bismarcks Tod das Sanierungskonzept bald realisiert werden kann und so auch einem größeren Kreis die einstige Bedeutung des Denkmals wieder ins Bewusstsein rückt.


